Israel

Revolution beim Tierwohl

Sivan Rosenfeld ist die Frau, die in Israel den Umgang mit Kühen revolutioniert. Die israelische Tierärztin erklärt den Landwirten, ihren Kunden, wie Kühe die Welt sehen. 

Der gesellschaftliche Druck auf die Milcherzeuger hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, erklärt Tierärztin Sivan Rosenfeld. „Die Verbraucher bemängeln, wie auf den Betrieben mit den Kühen umgegangen wird.“ Auch ihr liegt das Thema am Herzen, seitdem sie vor einigen Jahren auf einer Tierwohl-Konferenz zu Gast war. Damals arbeitete sie noch für das israelische Technologie-Unternehmen SCR in der Produktentwicklung.

„Auf dieser Konferenz hat es bei mir ‚klick‘ gemacht und ich habe gesehen, wie viel im Bereich des Tierwohls geforscht wird und wie viele Möglichkeiten es noch zur Verbesserung gibt“, erklärt die 37-Jährige mit den langen dunklen Locken. So begann sie, sich neben der Arbeit zum Thema Tierwohl weiterzubilden. „Jede einzelne Studie, die es gibt, versuche ich zu finden und zu lesen“, erklärt sie. Sie hat sich das Ziel gesetzt, das Tierwohl in Israel nachhaltig zu verbessern.

Tierärztin und Start-up-Gründerin

Vor drei Jahren hat sie ein Start-up gegründet, das sie „Mutual Dairy Farming“, kurz MD Farming, genannt hat. Übersetzt heißt das: Miteinander Landwirtschaften. „Alles beruht auf Gegenseitigkeit“, erklärt Sivan Rosenfeld. „Wenn man versteht, wie Kühe ihre Umwelt wahrnehmen, kann man viel besser mit ihnen arbeiten.“ Zu Beginn reiste sie allein durch Israel und bot Landwirten kostenlose Unterstützung und Beratung an.

Mittlerweile bietet sie ein- bis dreitägige Lehrgänge in Sachen Tierwohl mit Nachbereitung an und hat zwei Angestellte. Außerdem bekommt sie tatkräftige Unterstützung von ihrem Mann Tomer. Er unterrichtet jüdische Religion an einer weiterführenden Schule. An seinen freien Tagen begleitet er Sivan, macht Fotos und organisiert den Ablauf und die Technik.

Wenn man versteht, wie Kühe ihre Umwelt wahrnehmen, kann man viel besser mit ihnen arbeiten.“
Sivan Lacker

Ruhe im Stall

Das Ziel ihres Kurses ist, ein ruhiges Umfeld für die Kühe zu schaffen und damit den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebs zu verbessern. Der Theorieteil besteht aus Videos und Audios. „Um ein besseres Umfeld für die Kuh zu gestalten, muss man zuerst das natürliche Verhalten der Kühe verstehen und wissen, was sie stört“, sagt Sivan.

So hat sie zum Beispiel typische Stallgeräusche wie das Quietschen eines Tores, das Summen der Ventilatoren oder das Pfeifen beim Treiben zum Melken aufgenommen. „Kühe hören Frequenzen, die wir Menschen gar nicht wahrnehmen können“, erklärt sie.

„Besonders hohe Frequenzen nehmen Kühe bis zu 15-mal lauter wahr.“ Ein befreundeter Tontechniker wandelte die Stallgeräusche um, so wie sie für eine Kuh klingen. Das Ergebnis ist erschreckend: Das Tor quietscht schrill und laut, die Ventilatoren brummen wie eine Autobahn und das Pfeifen des Treibers ist laut wie eine Feuerwehr-Sirene. „Die Ergebnisse sind toll, denn man merkt deutlich, dass es bei den Teilnehmern klickt, wenn sie erst einmal verstanden haben, was für ihre Kühe bereits Stress bedeutet.“

Hohe Frequenzen nehmen Kühe bis zu 15-mal lauter wahr.“
Sivan Lacker

Im Anschluss geht sie mit den Landwirten und Mitarbeitern durch den Stall. Dort üben sie den Umgang, das stressfreie Treiben und ein Melken ohne Klappern und Rufen. Darüber hinaus schult sie die Landwirte in den Bereichen stressfreier Umgang mit Kälbern, tägliche Arbeitsroutinen und hilft ihnen, die Schwachstellen auf dem Betrieb zu finden. Alles, was sie den Landwirten und Mitarbeitern bei ihren Seminaren erzählt, ist evidenzbasiert.

Nach den Kursen geht sie in regelmäßigen Abständen zurück auf die Betriebe, um die Ergebnisse zu kontrollieren und besprechen. Für alle Aufgaben setzt sie Fälligkeitsdaten an, zu denen die Teilaufgaben erledigt sein sollen. So geht keine Aufgabe verloren. Was sie bei den meisten Nachbesuchen beobachtet: Der Umgang mit den Kühen ist ruhiger und leiser. Und: Auf den meisten Betrieben ist die Milchleistung gestiegen, die Zellzahl gesunken.

„Das erste, das die Landwirte ändern, ist die Lautstärke im Stall. Sie sind ruhiger, gelassener und sie lassen die Stöcke beim Treiben weg. Im zweiten Schritt verändern sie dann meist die größeren Dinge und entfernen Ecken aus den Laufgängen und sorgen für gleichmäßiges Licht.“

Wie gut geht es den Kühen im eigenen Stall? Mit der „Tierwohl-Check-App“ kann durch die Bewertung geeigneter Indikatoren das Tierwohl messbar gemacht werden. 

Elite Dairy Tour 2021

Ein Maximum an Tierwohl!

vor von Gregor Veauthier

Ein Kuhstall, der zwei Haltungssysteme unter einem Dach vereint: Ein Kompoststall und ein Liegeboxenlaufstall. Zu finden ist der Tierwohl-Stall bei Familie Kellen in Luxemburg.

Lust auf mehr Portraits?

Weitere spannende Reportagen und Portraits über mutige und starke Frauen in der Milchbranche lesen Sie in den EliteFrauen oder hier

  • Geschwisterkalb - Alle Kälber bleiben auf dem Betrieb: Sophie Kroll-Fiedler wollte ihre Bullenkälber nicht mehr ins Ungewisse entlassen. Deshalb zieht sie diese jetzt mit Ammenkühen selbst groß und vermarktet sie.
  • Auf Jerseys gesetzt: Katharina Bleis hat sich für eine Milch-Zukunft mit Jerseys entschieden. Bereits ein Drittel ihrer vorherigen Holsteinherde ist erfolgreich umgestellt. 
  • Ausgewandert: Nicht alle Milcherzeugerinnen bleiben ein Leben lang in ihrer Heimat. Wir haben drei Frauen gefragt, die in einem anderen Land neu angefangen haben.


Mehr zu dem Thema