Molkereikongress 2022

„Der Markt allein wird es nicht richten“

Die Molkereibranche soll klimaneutral produzieren, Tierwohl-Milch liefern und pflanzliche Produkte entwickeln. Doch die ungelöste Frage ist: Wer bezahlt das alles?

Kompakt
- Molkereivertreter sind sich einig, dass die unsichere weltpolitische Lage nicht dazu führen sollte, jetzt die Zukunftsthemen Nachhaltigkeit und Tierwohl aus den Augen zu verlieren. 
- LEH und Molkereien wünschen sich, dass die ITW-Haltungsform durch ein staatliches Label nicht unter die Räder kommt. 
- Der Trend der Verbraucher zu pflanzlichen Milchersatzprodukten birgt laut Analysten eine große Chance für die Molkereien. 
- Klimaschutz wird in den Konzernstrategien bereits großgeschrieben, allerdings fehlt es zum Beispiel auf Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe noch an geeigneten Methoden und standardisierten Messtools. 
Am Münchner Flughafen diskutierten sie Anfang Mai beim Molkereikongress der Lebensmittel-Zeitung über ehrgeizige Klimaprogramme, vegane Trendprodukte und Tierwohl-Milch: Namhafte Vertreter der Molkereiindustrie, des Lebensmitteleinzelhandels und der Politik .
Dass die aktuelle Herausforderung angesichts der durcheinander geratenen Agrarmärkte aber eine ganz andere ist, konnten sie dennoch nicht verbergen. „Unser wichtigstes Thema ist derzeit die Rohstoffverfügbarkeit und die Versorgungssicherheit“, erklärte zum Beispiel Aldi-Süd-Vertreter Erik Döbele. Daher werde man auch beim Thema Haltungsformkennzeichnung weiterhin mit Bedacht vorgehen. Schließlich sei Rohstoff in den verschiedenen Haltungsstufen nicht im Überfluss vorhanden.
Das Rad ganz zurückdrehen, werde man aber sicher auch nicht, da waren sich alle Redner einig. Die Zukunftsthemen Klima- und Tierschutz müssten jetzt angepackt werden. 
Wir haben die wichtigsten Diskussionen des zweitägigen Kongresses für Sie zusammengefasst: 

Umbau der Tierhaltung: Gefährdet das staatliche Tierwohllabel die ITW? 

Die Molkereivertreter forderten auf dem Podium in München von der Politik in Sachen Haltungswechsel und staatlichem Tierwohllabel mehr Klarheit, mehr Praxisbezug und mehr Tempo.  Der Handel habe sich längst auf den Weg gemacht und der Markt werde es nicht alleine richten, war man sich einig.
„Mir fehlt in der Diskussion der Praxisbezug. Wir können nicht davon träumen, dass wir morgen zu 100 % Weidebetriebe haben,“ brachte es Heinrich Gropper von der Molkerei Gropper auf den Punkt. Angesichts der hohen Komplexität der Betriebe und der Molkereien könne man mit den Vorgaben jetzt nicht nach der Rasenmähermethode vorgehen. Auch sein Kollege von Hochland, Werner Giselbrecht, sieht den Staat in der Pflicht: „Das staatliche Label muss kongruent sein zur ITW. Alles andere führt zu einer Kakophonie der Labels, verunsichert die Milcherzeuger und ist zudem wirtschaftlich gar nicht darstellbar.“ Aldi-Süd-Vertreter, Erik Döbele, bließ in dasselbe Horn. Er betonte, wie wichtig es sei, dass ein staatliches Label die Verbraucher nicht verwirre: „Wir leben davon, dass der Kunde versteht, was wir da tun.“ 

Wenn das staatliche Tierwohllabel die ITW-Haltungsformstufe 2 in die schlechteste Kategorie einsortiert, verschwindet diese Stufe vom Markt. Diese Sorge äußerten die Molkereivertreter gegenüber der Politik.  (Bildquelle: Lehnert)

Laut Dr. Ophelia Nick, Staatssekretärin im BMEL, soll die Haltungskennzeichnung zunächst beim Schwein für nicht-verarbeitete Produkte starten.  Als Zeithorizont gab sie an, dass man die entsprechenden Gesetze bis Ende des Jahres ins Plenum bringen wolle.
Vom System der Eierkennzeichnung sind wir beim Tierwohllabel abgekommen. Geplant ist ein Farbsystem ohne Wertung.“
Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL 
Von der ursprünglich geplanten Anlehnung an das Eierkennzeichnungssystem sei man mittlerweile wieder abgekommen, da mit einem solchen Zahlensystem eine ungewollte Wertung...


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