Milchpolitischer Frühschoppen 2022

Tierwohl, Klimaschutz und Nachhaltigkeit – wer zahlt die Zeche?

Deutlich weniger Milch und im Gegenzug höhere Milchpreise – dazu könnte der Green Deals führen. Doch davon profitieren werden am Ende nur einige wenige Milcherzeuger.

In den vergangenen Jahren ging es auf dem Milchpolitischen Frühschoppen in Berlin des Öfteren schon mal hoch her. Schon so mancher norddeutscher Molkerei-Chef (Genosse) wurde von seinen süddeutschen Kollegen aufgefordert, endlich mal seine Hausaufgaben ordentlich zu erledigen und nicht mit wohlfeilen Ratschlägen zur Marktregulierung oder der Bildung einer Branchenorganisation von den schwächelnden Milchpreisen im Norden abzulenken. Zudem haben die (zumeist süddeutschen) Vertreter des BDM mit ihren Forderungen immer wieder für lebhafte Diskussionen gesorgt.
Doch in diesem Jahr wollte einfach keine Stimmung aufkommen, obwohl das Motto des Frühschoppens „Vom Green Deal zur Farm2Fork – Und wer zahlt die Zeche?“ und die Liste der Gäste auf dem Podium dies hätte erwarten lassen. Sicherlich war das auch dem Format geschuldet, denn in Berlin saßen nur die fünf Talk-Teilnehmer, alle Gäste durften sich nur digital zuschalten.

Mehr Klasse, weniger Masse

Auffällig war jedoch die kollektive Ratlosigkeit auf dem Podium. So einig in ihrer Einschätzung zur Situation präsentierten sich die fünf Vertreter vom BMEL (Dr. Andreas Christian Täuber), den Verbänden (Udo Hemmerling; DBV und Hans Foldenauer; BDM), aus der Wissenschaft (Holger Thiele; ife Institut Kiel) und der Molkereiindustrie (Kasper Thormod Nielsen; Arla), noch nie: Trotz einer noch niemals zuvor gesehenen Milchverwertung von 50 Cent, dürfe es ein weiter so wie bisher nicht geben, denn die hohen Milchpreise können nicht alle Kostensteigerungen kompensieren. Es müsse mehr auf Qualität (statt Masse), mehr auf die lokale Produktion geachtet werden, es sollte weniger Milch bzw. Mopro-Produkte importiert und Tierwohl und Klimaschutz größer geschrieben werden.
Unisono stimmten die Fünf auch darin überein, dass die Milcherzeuger nicht die Zeche für all das zahlen dürfen, dass es eines fairen Preissystems bedarf, denn sonst werde die Milch knapp in Deutschland. Allerdings platzte mitten in die Diskussionsrunde die Mitteilung, dass das Kartellamt allen Vorschlägen, die im Dialog Milch gemeinsam von Erzeugern, Molkereien und dem LEH ausgearbeitet wurden, einen Riegel vorgeschoben hat. Nachträgliche Aufschläge bei Kostensteigerungen sind also nicht möglich! Was nun? Ratlosigkeit! Letztlich blieb nur die Hoffnung, dass es die neue Regierung es doch irgendwie richten möge – auch oder sogar insbesondere in Brüssel.

6 % weniger Milch, 13 % weniger Kühe

Einzig zwei Gäste haben dann doch wenigstens eine grobe Richtung aufgezeigt, wohin die Reise gehen könnte …
  • Dr. Andreas Christian Täuber vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verwies darauf, dass man in der Bundesregierung eine Abstockung der Tier(Rinder)zahlen als wichtige Stellschraube beim Thema Klimaschutz sieht. Er forderte Nachhaltigkeitsleistungen sichtbar(er) zu machen. So könnte Nachhaltigkeit (Klimaschutz) auch für Milcherzeuger zum Geschäftsmodell werden. Verbraucher könnten dann entscheiden, welche Produkte sie konsumieren wollen (Ermöglichungsstrategie). Dies ermögliche auch kleineren Milchkuhbetrieben eine Zukunft. Täuber kündigte an, dass sein Ministerium Investitionen in Tierwohl und Klimaschutz fördern will. Ein erstes Programm soll noch in diesem Sommer verabschiedet werden. Ein Schwerpunkt dabei dürfte wohl auf der Förderung der Weidehaltung liegen.
  • Holger Thiele (Marktanalyst,  ife Institut für Ernährungswirtschaft), verwies auf wissenschaftliche Studien, die in der EU bei der Umsetzung des Green Deals einen Produktionsrückgang um 6 % und  13% weniger Kühe simulieren. Im Gegenzug würden die Milchpreise etwa um 36 % ansteigen. Leidtragende wären die Verbraucher, sie müssten deutlich mehr zahlen für Milchprodukte. Aber auch die Molkereien müssten Einbußen hinnehmen, da die Nettoexporte um 1 Mio. t Milch abnehmen, das Einkommen der (verbleibenden!) Milcherzeuger würde dennoch ansteigen.
Wichtiger als die Einführung ein staatlichen Tierwohllabels wäre aus Sicht Thieles eine staatliche Unterstützung bei der Umsetzung der Investitionsmaßnahmen – hier hat Politik bislang nicht geliefert! Sie hat dem LEH das Feld überlassen (Haltungsform). Wenn jetzt nicht schnell Prämien kommen, dann werde der Strukturwandel deutlich an Fahrt aufnehmen, so Thiele.

Milchanlieferungen deutlich unter dem Vorjahr++ GDT: Durchschnittspreis um 4,6 % gestiegen ++ Spotmilchpreise unverändert hoch ++ Pulverpreise steigen weiter

In Deutschland zählt nur günstig!

Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kritisierte, dass bei den Themen Tierwohl und Nachhaltigkeit die Milcherzeuger mal wieder in Vorleistung gehen sollen. Letztlich bestehe so die große Gefahr, dass beim Milchpreis nur umverteilt werde. Als Beispiel führte er QM an. Zunächst habe es geheißen, es gibt mehr Milchgeld bei der Teilnahme an QM, jetzt werde allerdings schon ein Abschlag beim QMBasic diskutiert.
Kasper Thormod Nielsen, Director Communication, Sustainability & Public Affairs des Molkereikonzerns Arla in Deutschland verwies in diesem Zusammenhang auf den schwierigen deutschen Markt. Während Arla z.B. in den Niederlanden und in Schweden schon mit klimaneutraler (klimakompensierter) Milch Geld verdienen lassen, sei in Deutschland ein Profit nicht absehbar. In Deutschland werde nur auf den Preis geschaut, kritisierte Nielsen, der Markt müsse sich schneller verändern!

Für ihren Mehraufwand in Haltungsformstufe 2 sollen Milcherzeuger einen Zuschlag von 1,2 ct/kg erhalten. Doch absehbar ist, dass der Bonus nur für einen Teil ihrer Milch bezahlt wird. 

Gewaltige Veränderungen drohen

In Brüssel hat die EU-Kommission mit dem GreenDeal die Marschrichtung vorgeben. Auch wenn die konkrete Ausgestaltung im Agrarbereich (Farm to Fork) noch aussteht, so ist klar, dass die Lebensmittelproduktion nachhaltiger werden soll. Das wird zu gewaltigen Veränderungen führen – auch in der Milchbranche! Und wer zahlt letztlich die Zeche?
Klar ist, dass für den Fall, dass die Milcherzeuger allein zur Kasse gebeten werden, die ambitionierten Ziele des Green Deals nicht erreicht werden! Denn kein Milcherzeuger wird in Tierwohl oder Klimaschutz investieren (können!), wenn das Milchgeld nicht stimmt!
Wenn nicht schnell etwas passiert, Milcherzeuger nicht in die Lage versetzt werden, kostendeckend zu wirtschaften (auch unter den neuen nachhaltigen Anforderungen), dann dürfte sich die Milchbranche in der EU ähnlich wie in den USA entwickeln: Am Ende bleiben nur noch einige große, sehr leistungsstarke Unternehmen übrig, die mehrere hundert oder gar mehrere tausende Kühe melken. Diese werden sich in den Gunstlagen ansiedeln, nicht jedoch in den Grünlandstandorten der Mittelgebirgslagen. Ob die Verbraucher*innen das letztlich „honorieren“ werden?

Das Problem mit den Importen

Dringend zu klären ist u.a. wie sich Importe von Milchprodukten in die EU verhindern lassen, die nach geringeren Standards erzeugt wurden (u.a. Haltungsform 1; Einsatz von gentechnisch verändertem Futter)? Anscheinend sieht die Bundesregierung hier keine Handhabe, so Teuber. Jede Maßnahme müsse WTO-konform sein, eine Regulation des Marktzuganges gestalte sich deshalb auch sehr schwierig!
In einer vorangegangenen Version des Artikels hatten wir irrtümlich Kasper Thormod Nielsen als CEO von Arla Deutschland bezeichnet. Dem ist nicht so, CEO ist Patrik Hansson. Kasper Thormod Nielsen ist Director Communication, Sustainability & Public Affairs bei Arla Deutschland.


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