Weltfleckvieh-Kongress

Hat Fleckvieh die richtigen Antworten? 

Fleckvieh glaubt die richtigen Antworten auf wichtige Zukunftsfragen zu haben und deshalb die Rinderwelt verändern. Ein Bericht vom Weltkongress in Wien.

Fleckvieh ist auf dem richtigen Weg in die Zukunft! Davon zeigen sich die 200 Teilnehmer des in Wien von Fleckvieh Austria ausgerichteten Simmental-Weltkongresses überzeugt. Die jahrzehntelange akribische Zuchtarbeit zahle sich jetzt aus. Einig war man sich zudem auch in der Einschätzung, dass besonders in der von Krisen geschüttelten Welt habe Fleckvieh die richtigen Antworten parat habe.

Die Fleckviehwelt trag sich im September in Wien. Auf dem Program standen neben Fachvorträgen auch etliche Betriebsbesichtungen. (Bildquelle: Fleckvieh Austria)

Schöne Kühe leben länger

Schöne Kühe leben länger, davon ist Bernhard Luntz von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) überzeugt, denn zwischen einem „guten“ Exterieur und gesundheitlich stabilen Kühe besteht ein (enger) Zusammenhang. Kühe, die eine hohe Nutzungsdauer versprechen sind zudem ein wesentlicher Faktor für eine wirtschaftliche Milchproduktion.
Dass die Rasse Fleckvieh dem Ziel, schöne und zugleich langlebige Kühe, gerecht wird, belegen die Daten einer erst kürzlich durchgeführten Auswertung. Darin wurden 200.000 Kühe der Geburtsjahrgänge 2006 bis 2010 ausgewertet. Ergebnis: Trotz deutlich gestiegener Milchleistung leben Fleckviehkühe heute elf Tage länger als noch vor zehn Jahren. Zu diesem positiven Trend beigetragen hat sicherlich auch die Einführung des FleckScore (internationales System zur Exterieurbeurteilung). Unter Zuchtexperten gilt FleckScore als Garant für verlässliche Zuchtwerte.

Fitness und Gesundheit im Fokus

Fakt ist aber auch, dass die Merkmale Fitness und Gesundheit in den letzten Jahren in der Fleckviehzucht stark an Bedeutung gewonnen haben. Begonnen hat diese Entwicklung mit der Einführung des gesamtzuchtwertes (GZW) im Jahr 1998. Die Steigerung der Milchleistung ist seitdem (etwas) in den Hintergrund getreten. Aktuell werden die Blöcke Milch, Fitness und Fleisch im Verhältnis 38: 44: 18 gewichtet.
Positive Effekte im Hinblick auf die Tiergesundheit und Langlebigkeit der weiblichen Tiere haben sich auch durch die Einführung der Gesundheitsmerkmale in 2010 und der genomischen Selektion im Jahr 2011 ergeben. So ist z.B. die Schwergeburtenrate von 4,4 % im Jahr 2005 auf 1,7 % in 2021 abgesunken. Bei der Erstkalbenden wurde sogar ein Rückgang von 7,9 % auf 2,6 % erreicht.
Fitness wird bei Fleckvieh auch weiterhin groß geschrieben, so Dr. Christian Fürst (ZuchtData). Schon bald eingeführt In Planung sind aktuell neue Zuchtwertverfahren wie das Single Step-Verfahren für Klauen- und Stoffwechselgesundheit.

Milchleistung (305 Tage) von deutschen Fleckviehkühen (MLP)

Fleischleistung stabil

Die Fleischleistung ist trotz der jahrzehntelangen Zucht auf Milchleistung, die dazu führte dass die Herdbuchpopulationen in den meisten Ländern ein durchschnittliches Leistungsniveau von 8.000 kg Milch und mehr erreicht haben (einzelne Fleckviehherden melken mittlerweile sogar deutlich mehr als 10.000 kg) stabil geblieben. Fleckvieh hat somit seinen Charakter als Doppelnutzungsrasse nicht eingebüßt.

Kooperationen und Fusionen sind unumgänglich

Einen visionären Ausblick und zugleich auch mahnende Worte an die Zuchtorganisationen präsentierte Dr. Kay-Uwe Götz von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).
Zucht, Besamung und Leistungsprüfung sollten in Zukunft enger zusammenarbeiten, denn die züchterische Bearbeitung neuer Merkmale verlangt von kleinen Rassen ungleich höhere Anstrengungen. Götz kritisierte, dass derzeit Abstimmungsprozesse vielfach noch zu viel Zeit in Anspruch nehmen, zudem sei das Konfliktpotenzial oft noch zu hoch. Es sei denn deshalb auch nur folgerichtig, wenn sich die „Zucht“ enger zusammen schließen würde – warum nicht in einem oder zwei großen Unternehmen?
Für eine solche Restrukturierung  spricht auch, dass es dann möglich wäre, in kürzester Zeit Eliteherden (max. 120.000 Kühe gesamt) zur Zucht von Besamungsbullen aufzubauen. Hinzu kommt, dass ein fusioniertes Zuchtunternehmen mit externen kapitalstarken Mitbewerbern auf Augenhöhe agieren könnte. Da bei Fleckvieh bereits eine länderübergreifende genomische Zuchtwertschätzung erfolgt, sieht Götz aus genetischer Sicht denn auch keine Hindernisse für die („notwendige“) Anpassung der organisatorischen Strukturen.
Dass ein solcher Schritt unumgänglich ist, zeige die Entwicklung bei Schweinen und Geflügel: Im Schweinebereich dominieren drei Unternehmen die Zucht, bei Geflügel findet sich keine bäuerliche Organisation mehr.

Der Einsatz von (männlich) gesextem Sperma kann Fleckviehbetrieben dazu verhelfen, die Kälbererlöse zu steigern und nur gute Kühe zur Remontierung zu nutzen.  

Doppelnutzung ist klimafreundlicher

Fleckvieh weist aufgrund seiner Doppelnutzungseigenschaften (Milch und Fleisch) Vorteile im Hinblick auf Umwelt- und Klimaschutz auf. Darauf wies Dr. Stefan Hörtenhuber von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) hin. Begründung:
  • Fleckvieh erlaubt höhere Gewinne (im Vergleich zu Milchrassen) um bis zu 4 Cent/kg Milch.
  • Aufgrund des geringeren Milchleistungsniveaus kommt Fleckvieh mit weniger Kraftfutter aus als Milchrassen (ca. - 8%). Die Nahrungskonkurrenz ist damit geringer als bei Holsteins und Braunvieh. So hat Fleckvieh eine um 24 % höhere Lebensmittel-Umwandlungseffizienz Protein.
  • Auch beim Klimacheck (Co2 Fußabdruck) kann Fleckvieh punkten. Wird das gesamte System betrachtet (Milch und Fleisch), so emittiert eine Fleckviehkuh umgerechnet 13.522 kg Co2-Äq jährlich, eine Holsteinkuh hingegen 14.635 kg Co2-Äq (Hinweis: bei Holstein wurde zum Ausgleich Fleisch aus der Mutterkuhhaltung hinzugerechnet).
Angesichts der aktuellen und auch zukünftiger Krisen (Ukrainekrieg, Klimawandel, …) wird dem Fleckvieh zukünftig denn auch noch eine größere Rolle zukommen, ist der Wissenschaftler überzeugt. Dr. Johann Sölkner (BOKU) sieht zudem ist Fleckvieh mittlerweile sogar dabei, in Afrika Fuß zu fassen. Mittlerweile seien Landwirte und Behörden dort sehr daran interessiert, die gängigen Gebrauchskreuzungen von Holstein x Jersey durch Fleckvieh zu ersetzen. Das sollte die Fleckviehzucht zuversichtlich stimmen.

Fred Schuetze (USA), Präsident des WSFF begrüßte 200 Kongressteilnehmer aus 30 Ländern in Wien.  (Bildquelle: Veauthier)

Die World Simmental Federation wird am 24. September in Zagreb/Kroatien gegründet. Mittlerweile tragen Zuchtverbände aus 26 Nationen  den Weltverband.
Der Verband bezweckt die Förderung der Rasse durch:
- eine Zusammenarbeit zwischen Züchterorganisationen
- die Aufstellung gemeinsamer Zuchtregeln
- den Informationsaustausch
- die Vergleichbarkeit von Stammbäumen und Testergebnissen
- die Aufstellung von Richtlinien für die Anerkennung der Ahnentafelwerbung.

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