Elite Dairy Tour 2022

Bloß kein Stress im Stall

Melk-, Futter- und Einstreuroboter: Jeder Automatisierungsschritt bei der Sauerlandmilch GbR brachte mehr Ruhe und Leistung bei den Kühen, Rindern und Kälbern.

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Vor der Hofeinfahrt am Ortsrand von Brilon steht ein rostbraunes Schild mit einer eingravierten Kuh und der Aufschrift „Sauerlandmilch GbR“. Von dort sieht man den kurzen Weg, der bergab auf das Hofgelände führt. Ohne sich lange umzugucken, sieht man sofort: Alles ist superordentlich und sauber auf dem Betriebsgelände, welches 2013 auf der grünen Wiese im bergischen Sauerland komplett neugebaut wurde. Nicht ein Strohhalm liegt auf der Zufahrt herum.

Betriebsspiegel

  • 240 Holsteins und Nachzucht
  • 12.680 kg Milch
  • 75 kW Biogasanlage
  • 75 ha Acker- und 125 ha Grünland
  • GbR-Partner Friedbert Fredebeul-Krein und sein Sohn Jonas, Johannes Schütte

Durch die Vollautomatisierung mit Melk-, Fütterungs- und Einstreuroboter konnte die GbR den Kühen mehr Kuhkomfort und weniger Stress ermöglichen. Das zahlt sich in höheren Milchleistungen aus. (Bildquelle: Huennies)

Aufgabenverteilungen sind ein Muss

Die drei GbR-Partner Friedbert Fredebeul-Krein, sein Sohn Jonas und Johannes Schütte bewirtschaften die Sauerlandmilch GbR mit 240 Kühen, der weiblichen Nachzucht, einer 75 kW Biogasanlage, 75 ha Acker- und 125 ha Grünland gemeinsam. Die Zusammenarbeit als GbR-Partner sehen alle drei als die klare Stärke des Betriebs. „Wenn einer von uns ausfällt, läuft der Betrieb weiter, weil die anderen ihn kurzzeitig ersetzen können“, erklärt Friedbert Fredebeul-Krein.
Johannes Schütte betont zusätzlich, dass es für den Erfolg ganz entscheidend sei, dass jeder alles kann, aber dennoch seinen eigenen Arbeitsschwerpunkt haben muss. Bei der Sauerlandmilch GbR ist er zuständig für das Repro-Management inklusive Besamungen und die Kälberaufzucht. Jonas Fredebeul-Krein ist hauptverantwortlich für die Fütterung sowie die Klauenpflege des gesamten Bestandes, zusammen mit seinem Vater Friedbert, welcher sich um die Melkroboter und das Melken kümmert, kontrollieren die beiden die Gesundheit der Herde u.a. mittels Euterliste, Wiederkauaktivität und Frischkalbercheck. Insgesamt arbeiten 3,5 Arbeitskräfte bei der Sauerlandmilch GbR. Für Arbeitsspitzen bei der Außenwirtschaft kommen zwei 450 €- Kräfte hinzu.
Wir sehen unsere Arbeit im Kuhstall, weil wir das können.
Johannes Schütte
Das Grünland bewirtschaftet die Sauerland GbR selbst. Häckseln und Abfahren, sowohl beim Gras als auch beim Mais, übernimmt ein Lohnunternehmer. Die Aussaat und den Pflanzenschutz der Ackerflächen überlassen die drei GbR-Partner einem Kooperationspartner, einem benachbartem Schweinehalter, der darauf spezialisiert ist. Eine gute Futterqualität ist ihnen bei 540 Höhenmeter, also einer Grenzregion für den Maisanbau, besonders wichtig. In Jahren ohne Trockenheit silieren sie alle 21 Tage Gras. 

Die drei Erfolgsfaktoren

  1. Für leistungsstarke Kühe muss man am Kalb anfangen zu optimieren.
  2. Disziplin in allen Bereichen: Kontinuität und gewissenhaftes Arbeiten.
  3. Ruhe beim Tier und im Stall.

Stress kostet Leistung

Neben sechs Ventilatoren bietet eine Kuhdusche im Hauptgang vor den Melkrobotern eine zusätzliche Abkühlung für die Kühe. (Bildquelle: Schütte)

Als wir den Kuhstall betreten, stehen nur wenige Kühe im Fressgitter und fressen. Zwischen den zwei Futtertischen liegen sechs Liegeboxenreihen. Die meisten Kühe liegen dort wiederkauend in den frisch eingestreuten Tiefboxen. Der Einstreuroboter fährt in diesem Moment über eine Liegeboxenreihe und berieselt diese mit der frischen Stroh-Kalk-Mischung. Wenige Kühe warten in dem sechs Meter breiten Gang vor den Melkrobotern unter der Kuhdusche, die sie mit feinen Tropfen berieselt. Die Herde ist überwiegend schwarzbunt. Nur wenig rotbunt gespitzte Ohren gucken uns an.
Der Kuhstall ist vom Melken, über die Fütterung bis hin zum Einstreuen vollautomatisiert. Die Entscheidung beruhte auf der Effizienz und Flexibilität im Alltag. Ein weiterer, aus Sicht der drei GbR-Partner viel wichtigerer Vorteil ist, dass sie ihren Kühen durch die Automatisierung so viel Kuhkomfort wie möglich bieten können. Durch jeden Automatisierungsschritt konnten sie den Stress in der Herde reduzieren. Die Herdenleistung stieg durch die Maßnahmen von 8.500 kg 2010 im Altgebäude auf aktuell 12.680 kg Milch pro Kuh und Jahr steigern.
Die letzten drei Milchkontrollen lagen zwischen 42,5 und 43, 5 Litern Milch mit 3,83 % Fett, 3,43 % Eiweiß und einer Zellzahl von nur 100.000 Zellen/ml. „Solche Inhaltsstoffe sind bei der Leistung auf jeden Fall zufriedenstellend. Auf die geringen Zellgehalte sind wir besonders stolz“, fasst Johannes Schütte die MLP-Daten zusammen. Für ihn ist die gemolkene Milchmenge pro Arbeitskraft eine wichtige Kennzahl für jeden Milchkuhbetrieb. Aktuell erreichen sie 900.000 Liter pro AK.

Automatische Fütterung brachte +1000 kg Milchleistung

Das automatische Fütterungssystem füttert die Tiere acht Mal täglich. Durch die frische Futtervorlage ist die Futteraufnahme höher. (Bildquelle: Schütte)

Gerade lädt das automatische Fütterungssystem den letzten Greifer Mais in den Mischbehälter, bevor er die linke, leere Futtertischseite neu auffüllt. Bis zu 15 mal täglich füttert das automatische Fütterungssystem die Kühe. Um in Zeiten von Dürren mit den knappen Futtervorräten klarzukommen, haben die GbR-Partner das Ziel keinen Futterrest zu haben. Hohe Leistungen und leerer Futtertisch? „Das funktioniert natürlich nicht“, antwortet Jonas Fredebeul-Krein auf die fragenden Blicke. Durch die zwei außenliegenden Futtertische links und rechts der sechs Liegeboxenreihen hat er den Roboter so eingestellt, dass die Kühe vormittags den linken, nachmittags den rechten Futtertisch leerfressen. „So ist immer Futter vorhanden und es gibt weder Rangkämpfe noch große Futterreste“, sagt der junge Milcherzeuger. „Mit dem Futtermischwagen konnten wir nicht immer einen gefüllten Futtertisch garantieren.“

Hohe Futterqualitäten

Futterhygiene ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren wenn es um die Eutergesundheit geht.
Jonas Fredebeul-Krein

Stroh mit optimaler Qualität wird aus Spanien importiert. Durch die dort geringeren Niederschlagsmengen sind nur wenig Pilzsporen vorhanden.  (Bildquelle: Schütte)

Die bestmögliche Futterqualität ist den drei GbR-Partnern mit am wichtigsten. Jede Futterkomponente, die Jonas dem Fütterungssystem ins Lager stellt, kontrolliert er und entfernt schlechte Partien händisch. Das Futterstroh importiert die Sauerlandmilch GbR aus Spanien. „Durch die niedrigen Niederschlagsmengen dort sind kaum Pilzsporen im Stroh enthalten. So gute Strohqualitäten gibt es in Deutschland nicht“, sagt Friedbert.
Um hohe Futteraufnahmen und eine gleichmäßige Nährstoffaufnahme zu gewährleisten, dürfen die Kühe nicht selektieren. Jonas fügt hinzu, dass sie deshalb bei der Ernte alles so kurz wie möglich häckseln lassen und den TS-Gehalt standardisiert auf 35 % einstellen. Am Roboter bekommen die Kühe maximal vier Kilogramm Kraftfutter pro Tag, da sie nicht Gefahr laufen sollen, an einer Acidose zu erkranken. „Wir wollen die Kühe gesund am Trog ausfüttern“, fasst Jonas Fredebeul-Krein die Fütterungsstrategie zusammen.

Die Futterselektion wollen die GbR-Partner unbedingt unterbinden. Deshalb häckseln sie alles so kurz wie möglich und stellen ein TS-Gehalt von 35 % ein. (Bildquelle: Huennies)

Laktations- und tierindividuelle Klauenpflege

Ganz nach dem Motto „Der Stress muss aus dem Stall“ haben sich die drei gegen externe Klauenpfleger entschieden. „Die Milchleistung sank direkt um eines bis zwei Liter, wenn die Klauenpfleger da waren“, sagt Jonas Fredebeul-Krein. Er hat die Klauenpflege deshalb komplett übernommen. Zweimal die Woche selektiert das AMS ihm Kühe aus. Über den gut ausgestatteten und aus diesem Grund auch eher teureren Klauenstand haben Friedbert, Jonas und Johannes lange diskutiert. Doch im Nachhinein sind sich alle einig: Die Investition reduziert das Stresslevel der Herde weiter wodurch die Milchleistung auf einem konstant hohen Niveau bleibt.

Wo brauchen die Kühe Ruhe?

Nach er Aussage, dass der Stress aus dem Stall muss, verwundert der sechsreihige Kuhstall auf den ersten Blick. Johannes Schütte reagiert und fragt: „Wo braucht die Kuh besonders viel Ruhe? Im Transitbereich!“ Die Trockensteher sind daher in festen Gruppen in einem Einreiher untergebracht. Auch die Frischkalber sind die ersten vier Laktationswochen in einem Extralaufstall, welches bewusst unterbelegt wird und einen eignen Zugang zu AMS hat. Auch den hochtragenden Rindern ermöglichen die GbR-Partner mit einem einreihigen Stall für die letzten 10 Trächtigkeitswochen ein stressfreie Umgebung.

Trockensteher und hochtragende Rinder, 10 Wochen vor der ersten Kalbung, sind in einem Einreiher untergebracht. Dieser ermöglicht den Tieren viel Ruhe und wenig Stress. (Bildquelle: Schütte)

Auffällig ist die kleine quadratische Strohbox mit Platz für maximal zwei Kühe im Frischkalberbereich. Jonas erklärt, dass sie nicht viel von Strohställen halten: „Stroh macht Arbeit und verschlechtert die Eutergesundheit.“ Aus diesem Grund kommen die Kühe nur in Notfällen hier rein.
Wenn das Transitmanagement gut ist, stellt eine Kalbung auch kein Problem dar.
Friedbert Fredebeul- Krein

+1.100 g Tageszunahmen in den ersten fünf Lebensmonaten

Die Betriebsphilosophie von Friedbert, Jonas und Johannes ist: „Wenn es der Kuh gut geht, geht es uns gut. Aber wir müssen beim Kalb anfangen.“ Und dort lag lange Zeit das Problem. Nach dem Stalleinzug 2013 hatten die Kälber trotz Neubau immer wieder Probleme mit Durchfall und Lungenerkrankungen. „Früher haben wir die Kälber groß gehungert“, erinnert sich Johannes Schütte. Da keiner der Optimierungsversuche den gewünschten Erfolg brachte, wurde vor zwei Jahren nochmal in ein neues Haltungssystem investiert und das Tränkemanagement angepasst. Und das zahlt sich aus: Die Kälber sind erst für zwei Wochen in Einzelboxen und dann bis einschließlich dem fünften Lebensmonat in Kleingruppen von sechs Tieren. Im Schnitt erreichen sie in dieser Zeit 1.100 g Tageszunahmen. Zu Beginn liegt dieser Wert bei 900 g am Ende schon über 1.300 g. Kälber mit auffallend geringen Tageszunahmen sind für die Selektion nach der ersten Kalbung vermerkt.
Jedes Kalb wird seit zwei Jahren einmalig mit Kolostrum gedrenscht, bekommt einen neuen Nuckel und eine desinfizierte Box. Das sind eigentlich kleine Sachen, die aber eine sehr große Wirkung haben.
Johannes Schütte
Die Kälber tränkt die Sauerlandmilch GbR restriktiv. Die ersten acht Lebenswochen bekommen sie zusätzlich eine fertig gemischte Kälber-TMR. Dann erfolgt die schrittweise Umstellung auf eine Feucht-TMR.  
  • 8 Wochen: 10 Liter*/Tag (erst im Einzeliglu, dann an der Milchbar)
  • 9. Woche: 8 Liter*/Tag
  • 10. Woche: 6 Liter*/Tag
  • 11. Woche: 4 Liter*/Tag
  • 12. Woche: 2 Liter*/Tag
  • 13. Woche: abgetränkt
* Milchaustauscher mit 15 % Trockensubstanzgehalt

In den ersten zwei Wochen sind die Kälber in Einzelboxen untergebracht. Die Fleischrassekreuzungen und Wagyuembryonen verlassen von dort den Betrieb zu festen Abnehmern. Die fahrbaren Boxen sind ideal zum Misten reinigen und desinfizieren. In festen sechser Gruppen bleiben die Jungtiere bis zum Alter von fünf Monaten zusammen. Nach zwei Monaten stellt die Sauerland GbR die Kälber von einer Trocken-TMR auf eine Kuhration um. Nach 13 Wochen sind sie abgetränkt. (Bildquelle: Schütte)

Kontinuierlich besser werden

Alles was nicht funktioniert passen die drei GbR-Partner schnellstmöglich an. „Dadurch, dass wir 2013 komplett neugebaut haben, müssen die Kühe wirtschaftlich sein und Milch geben. Alles drumherum muss passen“, sagt Friedbert Fredebeul-Krein. Den drei ist besonders wichtig, dass sie den Bestand managen und nicht der Bestand sie: „Die Kuh soll zum Schlachten gehen, weil wir das entschieden und sie nicht mehr besamt haben. Nicht weil sie es muss“, fasst Johannes Schütte das Ziel zusammen.
Die Sauerlandmilch GbR sieht das Produkt Milch als zukunftsfähig und ist deshalb motiviert auch weiterhin die Produktion zu verbessern. Die größte Herausforderung für die Zukunft sehen die drei im Klimawandel und der dadurch erschwerten Bedingungen für eine optimale Grundfutterqualität. Die Biosicherheit auf den Milchkuhbetrieben nennen sie als eine weitere Herausforderung.
In Zukunft möchten Friedbert, Jonas und Johannes energieautark und klimaneutral Milch produzieren und Kooperationen ausbauen. Außerdem ist es ihnen ein Anliegen, die Bevölkerung mehr mitzunehmen. Dafür haben sie bereits einen Social Media- Account und bieten Hofführungen an.

Das hat uns beeindruckt:

- Jeder Automatisierungs- und Optimierungsschritt hat zu mehr Milch geführt.
- Die Kälberaufzucht: Sehr vitale Kälber mit glänzendem Fell und gut angelegter Rückenmuskulatur- nicht oben knochig und unten dicker Bauch!
- Das Ziel kontinuierlich besser zu werden, aber trotzdem auch Zeit für andere, private Dinge zu haben.
- Von Kalb bis zur Kuh: Alle Tiere sind sehr sauber, wie auch das ganze Hofgelände.

Sponsoren der Elite Dairy Tour 2022 (Bildquelle: Elite Magazin)


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