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10. Berliner Milchforum

Brexit-Effekt etwa dreimal so groß wie der des Russland-Embargos! Digital Plus

"Deutsche Milchwirtschaft im internationalen Handel – Chancen und Risiken" – so lautete das Thema des 10. Milchforums. Derzeit überwiegen die Risiken, denn ein harter Brexit kann bis die deutschen Milchbauern bis zu vier Cent an Milchgeld kosten.

Die Marktaussichten sind derzeit eng verknüpft mit den Entwicklungen des Brexit. Großbritannien ist für die deutsche Milchbranche ein sehr wichtiger Handelspartner. „Die derzeit wahrscheinliche Verschiebung des Brexit ohne konkretes Ziel und Vereinbarung verlängert die Unsicherheit für alle Marktbeteiligten in Deutschland und Europa“, stellte der MIV-Vorsitzende Peter Stahl fest. Ähnlich äußerte sich auch der Milchpräsident des Bauernverbandes (DBV) Karsten Schmal: „Hätten wir den Brexit nicht vor der Brust, dann wäre ich für den Milchsektor in diesem Jahr tatsächlich optimistisch.“ Klar scheint, dass niemand vorhersagen könne, was der Brexit aber wirklich für die Milchbranche bedeute, er sei „die große Unbekannte“, sagt Schmal. Niemand wisse, wie es kommt. Niemand könne planen. Sicher ist nur, dass das Vereinigte Königreich eines der wichtigsten Exportländer für deutschen Käse und Butter ist. Mehr als 10 % des EU-Binnenhandels an Käse gehen allein nach Großbritannien. Bislang fahren die Kühl-Lkw einfach über die Grenze und liefern die Produkte in die britischen Supermärkte. Wäre Großbritannien demnächst nicht mehr in der EU, müsste jeder Lastwagen am Zoll abgefertigt werden und möglicherweise Zollgebühren zahlen. Das wäre für die Milchbranche ganz besonders lästig, denn kaum auszudenken, was passiert, wenn ein Kühl-Lkw über mehrere Stunden angehalten wird und der Motor muss abgestellt werden muss? Wie erfolgt dann die Kühlung der leicht verderblichen Waren? Darauf ist die deutsche Milchbranche bislang kaum eingestellt. Möglicherweise müsse man sich im schlimmsten Fall, nach einem harten Brexit andere Märkte suchen, befürchtet Schmal. Der Milchpräsident verweist in diesem Zusammenhang auf die Krim-Krise: 2014 verhängte Russland als Reaktion auf EU-Sanktionen wegen der Annektierung der Krim gegen Russland ein Einfuhr-Embargo gegen Lebensmittel aus westlichen Ländern. „Viele Molkereien, die damals für den russischen Markt produziert hatten, mussten sich von heute auf morgen andere Abnehmer suchen“, erinnert Schmal. Die deutschen Milchbauern habe das damals zwei bis vier Cent pro Kilogramm Milch gekostet. Sie mussten ihre Milch in anderen Ländern verkaufen, in denen die Märkte teils schon gesättigt waren. "Will man dort trotzdem Käufer finden, muss der Preis runter." Zu in etwa gleichen Preissenkungen könnte nach Schmals Einschätzung ein harter Brexit führen. Das Überangebot an Milch könnte in deutschen Supermärkten dazu führen, dass Butter, Milch, Käse oder Joghurt deutlich billiger werden. Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes, glaubt sogar, dass der Brexit-Effekt etwa dreimal so groß wäre wie der Russland-Effekt. Auch der Leiter des Thünen-Instituts für Marktanalyse, Prof. Martin Banse, geht davon aus, dass der Brexit für die deutsche Milchwirtschaft unter allen denkbaren Umständen negative Folgen haben dürfte, selbst wenn diese voraussichtlich nicht ganz so gravierend ausfallen werden wie in anderen Bereiche des Agrarsektors. Grund seien vor allem die erwartbaren nichttarifären Handelshemmnisse, die zu deutlich steigenden Abwicklungs- und Logistikkosten führen dürften, erläuterte Banse. Besonders vom Bre

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Die Marktaussichten sind derzeit eng verknüpft mit den Entwicklungen des Brexit. Großbritannien ist für die deutsche Milchbranche ein sehr wichtiger Handelspartner. „Die derzeit wahrscheinliche Verschiebung des Brexit ohne konkretes Ziel und Vereinbarung verlängert die Unsicherheit für alle Marktbeteiligten in Deutschland und Europa“, stellte der MIV-Vorsitzende Peter Stahl fest. Ähnlich äußerte sich auch der Milchpräsident des Bauernverbandes (DBV) Karsten Schmal: „Hätten wir den Brexit nicht vor der Brust, dann wäre ich für den Milchsektor in diesem Jahr tatsächlich optimistisch.“ Klar scheint, dass niemand vorhersagen könne, was der Brexit aber wirklich für die Milchbranche bedeute, er sei „die große Unbekannte“, sagt Schmal. Niemand wisse, wie es kommt. Niemand könne planen. Sicher ist nur, dass das Vereinigte Königreich eines der wichtigsten Exportländer für deutschen Käse und Butter ist. Mehr als 10 % des EU-Binnenhandels an Käse gehen allein nach Großbritannien. Bislang fahren die Kühl-Lkw einfach über die Grenze und liefern die Produkte in die britischen Supermärkte. Wäre Großbritannien demnächst nicht mehr in der EU, müsste jeder Lastwagen am Zoll abgefertigt werden und möglicherweise Zollgebühren zahlen. Das wäre für die Milchbranche ganz besonders lästig, denn kaum auszudenken, was passiert, wenn ein Kühl-Lkw über mehrere Stunden angehalten wird und der Motor muss abgestellt werden muss? Wie erfolgt dann die Kühlung der leicht verderblichen Waren? Darauf ist die deutsche Milchbranche bislang kaum eingestellt. Möglicherweise müsse man sich im schlimmsten Fall, nach einem harten Brexit andere Märkte suchen, befürchtet Schmal. Der Milchpräsident verweist in diesem Zusammenhang auf die Krim-Krise: 2014 verhängte Russland als Reaktion auf EU-Sanktionen wegen der Annektierung der Krim gegen Russland ein Einfuhr-Embargo gegen Lebensmittel aus westlichen Ländern. „Viele Molkereien, die damals für den russischen Markt produziert hatten, mussten sich von heute auf morgen andere Abnehmer suchen“, erinnert Schmal. Die deutschen Milchbauern habe das damals zwei bis vier Cent pro Kilogramm Milch gekostet. Sie mussten ihre Milch in anderen Ländern verkaufen, in denen die Märkte teils schon gesättigt waren. "Will man dort trotzdem Käufer finden, muss der Preis runter." Zu in etwa gleichen Preissenkungen könnte nach Schmals Einschätzung ein harter Brexit führen. Das Überangebot an Milch könnte in deutschen Supermärkten dazu führen, dass Butter, Milch, Käse oder Joghurt deutlich billiger werden. Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes, glaubt sogar, dass der Brexit-Effekt etwa dreimal so groß wäre wie der Russland-Effekt. Auch der Leiter des Thünen-Instituts für Marktanalyse, Prof. Martin Banse, geht davon aus, dass der Brexit für die deutsche Milchwirtschaft unter allen denkbaren Umständen negative Folgen haben dürfte, selbst wenn diese voraussichtlich nicht ganz so gravierend ausfallen werden wie in anderen Bereiche des Agrarsektors. Grund seien vor allem die erwartbaren nichttarifären Handelshemmnisse, die zu deutlich steigenden Abwicklungs- und Logistikkosten führen dürften, erläuterte Banse. Besonders vom Brexit betroffen ist der Molkereikonzern Arla Foods, der nach Angaben seines Kommunikationsdirektors Kasper Thormod Nielsen in Großbritannien ein Viertel seines Gesamtumsatzes erzielt. Nielsen räumte ein, dass die Folgen auch kurz vor dem ursprünglich geplanten EU-Ausstieg des Vereinigten Königreichs nur schwer abzuschätzen seien. Der Konzern versuche, bei Importprodukten die inländischen Lagerkapazitäten voll auszunutzen, um wenigstens eine möglicherweise chaotische Übergangszeit überbrücken zu können. Dies helfe jedoch nicht bei nur kurz haltbaren Erzeugnissen wie beispielsweise Skyr, schränkte Nielsen ein. Für die Zeit nach dem Brexit rechnet auch er mit steigenden Transaktionskosten. Allerdings gingen hier die Meinungen der Experten mit einer Spanne von 2 % bis 10 % weit auseinander, so der Arla-Kommunikationsdirektor. Dennoch, darin sich alle Milchexperten einig, werden die Briten den Import von deutschen Milchprodukten nicht gänzlich einstellen. „Es wird kein Totalausfall werden“, zeigtsich der MIV-Vorsitzende Peter Stahl zuversichtlich. „Ich bin überzeugt davon, dass die deutschen Molkereien, auf egal welche Form des Brexit schnell und zielsicher reagieren und passende Strategien entwickeln werden.“ Preisabsicherung per SMS Über die Erfahrungen mit einem Milchpreis-Absicherungsmodells berichteten Liam Fenton (INFTL FC Stone) und Niamh Kelly (Molkerei Kerry). Das Beratungsunternehmen INFTL FC Stone berät die irische Molkereigruppe Kerry bereits seit Jahren bei der Ein- und Durchführung von Absicherungsmodellen. Für die irische Molkerei ist das Thema besonders interessant, da die Molkereien in Irland vor allem Commodities (Pulver, Butter, Frischmilch, …) herstellen und exportieren. Seit Beginn der Liberalisierung der EU-Milchmärkte unterliegen diese Produkte jedoch sehr viel größeren Preisschwankungen. U.a. auch um die Milchfarmer vor allzu großen Preisschwankungen zu schützen hat sich die Molkerei Kerry dazu entschlossen, eine Teil der Rohstoffmenge abzusichern. Dazu hat das Unternehmen zunächst sogenannte „back to back-Geschäfte“ abgeschlossen. D.h. die Molkerei hat Milch über eine dreijährige Periode hinweg zu einem definierten Abnahmepreis verkauft und im Gegenzug den Farmern für diese Milchmenge einen Festpreis garantiert (Einkaufs- und Verkaufspreis wurden gleichzeitig verhandelt). Mittlerweile hat die Molkerei jedoch auf Terminmarktnotierungen umgestellt. Das erlaube mehr Flexibilität, so Niamh Kelly, denn der Milchfarmer könne jetzt Milchmengen häufiger zum Festpreis absichern. Bis zu 20 % der Milchmenge können Farmer aktuell bei der Molkerei absichern. Kerry schlägt einen Festpreis vor, die Farmer haben dann 24 Stunden Zeit um die Menge mitzuteilen. Dazu genügt es, der Molkerei eine SMS zu senden. Damit scheint Kerry einen Wunsch vieler Milchproduzenten zu erfüllen, denn das abzusichernde Milchvolumen wird regelmäßig zu 100% ausgeschöpft. Erzeugerpreis und Markteinschätzung Monika Wohlfahrt von der ZMB berichtete über die Entwicklung am Milchmarkt: Die Milchanlieferung in Deutschland ist 2018 gegenüber den Vorjahren in Teilen Deutschlands wieder gestiegen, trotz der Dürre in einigen Regionen. Unter dem Strich lieferten die deutschen Milcherzeuger in 2018 mit 31,7 Mio. Tonnen 1,5 % mehr Milch an die deutschen Molkereien als noch 2017. Die Milcherzeugerpreise in Deutschland für konventionelle Kuhmilch lagen 2018 mit 34,37 Cent/kg (bei 4,0 Prozent Fett, 3,4 Prozent Eiweiß) um 5 % unter dem Vorjahresergebnis. Deutsche Molkereien haben in 2018 Milchprodukte im Wert von 8,2 Mrd. € exportiert (- 4,5 %). Das zeigt wie sehr die Wertschöpfung der Milchbranche vom Export abhängig ist. Mit Abstand die meisten Exporterlöse wurden in den Niederlanden (1,4 Mrd. €) und Italien (1,3 Mrd. €) erlöst. Als wichtigstes Drittland (gesamt Platz 10) erscheint im Ranking der Exportländer China mit 231 Mio. €. In der EU dürfte das Milchaufkommen im ersten Halbjahr 2019 wahrscheinlich geringer ausfallen als im Vorjahr. Für die zweite Jahreshälfte lassen sich noch keine Prognosen abgeben, da hier witterungsbedingt Ausschläge sowohl nach unten wie nach oben möglich sind. Bislang rechnen die Marktanalysten mit einer stabilen Seitwärtsbewegung der Milchpreise in 2019. Allerdings sei eine Prognose mit sehr großen Unsicherheiten behaftet, so Wohlfahrt. Die weitere Entwicklung der Milchpreise hänge von vielen Faktoren ab. Insbesondere der Brexit, ausufernde politische Verwerfungen in Lateinamerika und in Afrika sowie von den USA angezettelte Handelskrisen könnten die Milchpreise nach unten tendieren lassen. Hingegen kann der mit großer Wahrscheinlichkeit einsetzende El Nino und das zunehmende Wirtschaftswachstum in Asien die Notierungen nach oben ziehen. „Eine genaue Preisvorhersage ist derzeit nicht möglich“, bekräftigte Wohlfahrt denn auch auf intensive Nachfragen. 35 bis 37 Cent sind aktuell möglich Dass aber selbst unter den gegenwärtigen Marktbedingungen sich ordentliche Milchpreise erwirtschaften lassen, darauf wies Harald Roth, Milcherzeuger und gleichzeitig Vorstand der Milchwerke Oberfranken West eG, in seiner Präsentation hin. Die auf die Käseproduktion spezialisierte Molkerei erfasst in Bayern, Hessen und in Thüringen aktuell 63 % ohne Gentechnik erzeugte Milch, 22 % konventionelle und 15 % Bio-Milch. 24 % der erzeugten Milchprodukte werden ins Ausland verkauft. 760 Milcherzeuger beliefern die in Coburg ansässige Molkerei. Deren jährliche Anlieferungsmenge variiert von 40.000 kg bis 20 Mio. kg. Trotz dieser enormen Spannbreite zahlt die Genossenschaft nur einen Basispreis und keine (Staffel)Zuschläge. Als Ziel hat sich das Unternehmen einen Auszahlungspreis von 35 bis 40 Cent pro kg konventionelle Milch gesetzt. Im Februar 2019 lag der Milchauszahlungspreis bei 35,75 Cent, GVO-freie Milch wurde mit 36,95 Cent vergütet, Biomilch mit 49,50 Cent. Roth ließ es sich nicht nehmen, den anwesenden Molkereivertretern der großen (zumeist im Norden beheimateten) Molkereien einen Ratschlag mitzugeben: „Eine lukrative Vermarktung muss das Ziel sein, nicht Wachstum um jeden Preis!“ Sektorstrategie noch in diesem Jahr Mit Verweis auf den anstehenden Brexit sowie strengere nationale Auflagen hat DBV- Milchpräsident Karsten Schmal erneut die Bedeutung einer Sektorstrategie Milch hervorgehoben. Schmal verwies auf das Beispiel der deutschen Automobilindustrie, die es innerhalb eines Jahres geschafft habe, sich in wesentlichen Punkten auf eine gemeinsame Position zu verständigen. Auch die Milchbranche sieht er nun in der Pflicht, sich besser aufzustellen. Die Notwendigkeit für eine starke gemeinsame Stimme des Milchsektors steigt nach Darstellung von Schmal auch wegen der weiter zunehmenden Auflagen für die Erzeuger. Er kritisierte hier insbesondere die erneute Novellierung der Düngeverordnung und den daraus resultierenden hohen Investitionsdruck, der nach seiner Einschätzung viele kleinere Milchbauern in den Ausstieg aus der Produktion treiben könnte. Differenzen zwischen Erzeugern (DBV) und Molkereien (MIV) bestehen hinsichtlich der Notwendigkeit eigentlich nur noch in der Frage einer Einrichtung einer Branchenorganisation Milch, so der Vorsitzende des Milchindustrie-Verbandes (MIV) Peter Stahl. Stahl mahnte für den weiteren Prozess Kompromissbereitschaft an, da „Alles-oder-Nichts-Forderungen“ die notwendige Weiterentwicklung nur bremsen würden. Dennoch gab sich der MIV-Vorsitzende optimistisch, dass erste Ergebnisse zur Sektorstrategie noch in diesem Jahr vorgelegt werden können.