Kommentar

Nichtlieferprämie! Jetzt!

Die Corona-Krise sorgt für Verwerfungen auf dem Milchmarkt. Jetzt braucht es eine Nichtlieferprämie, Kurzarbeitergeld für Kühe. Diese Maßnahme hat schon 2016 geholfen.

Anders als etwa in den USA und Großbritannien mussten bislang in Deutschland und seinen Nachbarn noch keine Milchtanks abgelassen werden, noch haben die Molkereien die Milch abgenommen. Einige Milchverarbeiter, die hauptsächlich Käse und Milchprodukte für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) produzieren, profitieren derzeit sogar von einer deutlich gestiegenen Nachfrage der Privathaushalte.

Nur noch 26 Cent am Jahresende?

Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Lage am Milchmarkt sehr kritisch ist. Am Spotmarkt bewegen sich die Preise nur noch zwischen 20,5 Cent und 23,50 Cent. Auch die Börsennotierungen verheißen nichts Gutes: Bis zum Jahresende werden Preise von gerade einmal 26,5 Cent aufgerufen.
Eine Milchkrise lässt sich in letzter Sekunde noch abwenden, sofern es in den kommenden Wochen gelingt, die Märkte zu entlasten. Etwas zur Beruhigung der Märkte beitragen wird sicherlich die private Lagerhaltung von Butter, Käse und Magermilchpulver, die in Brüssel jüngst beschlossen wurde. Allerdings gelangen die eingelagerten Tonnagen im zweiten Halbjahr wieder auf den Markt. Fraglich ob sich die Weltwirtschaft und damit auch die weltweite Nachfrage nach Milchprodukten bis dahin wieder erholt hat?

Weniger Milch bedeutet weniger Marktdruck

Wichtig wäre jetzt eine Mengenreduktion, denn weniger Milch bedeutet weniger Marktdruck! Jedoch steigt in Deutschland und in der EU die Milchmenge gerade an. Aktuell wird etwa 2 % über dem Vorjahresniveau gemolken!
Eine von oben verordnete, obligatorische Mengenreduzierung für alle, wie sie z.B. der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der BUND Naturschutz (BN) und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordern, ist nicht so ohne weiteres durchsetzbar und auch nicht sinnvoll, da sie einen erheblichen Eingriff in die wirtschaftliche Freiheit sowohl von Milcherzeugern als auch von Molkereien bedeuten würde.
Ein freiwilliges Mengenreduzierungs-Programm ließe sich dagegen kurzfristig umsetzen, da es mit dem EU-Recht vereinbar ist (Artikel 219 der GMO).
  • Bei Anmeldung verpflichten sich Landwirte, die Milcherzeugung für einen Zeitraum von drei Monaten zu senken.
  • Als Vergleichsgröße werden die drei gleichen Monate des Vorjahres herangezogen

Schon 2016, in der letzten Milchkrise, hat dieses Instrument geholfen. Zwischen Oktober 2016 und Januar 2017 wurden so rund 861.000 t Milch aus dem Markt genommen. Damals haben insgesamt 48.288 Milcherzeuger in der EU die Nichtlieferprämie beantragt. 14 Cent je kg nicht angelieferter Milch haben sie damals von der EU erhalten. Einige EU-Mitgliedsstaaten haben sogar noch etwas drauf gepackt.
Die Möglichkeit, zunächst für drei Monate die Milchmenge gegen die Zahlung einer Prämie („Kurzarbeitergeld“) zu verringern, würde nicht nur die Milchmärkte entlasten, ein solches Programm zur freiwilligen Drosselung der Milchmenge hätte auch noch eine wichtige psychologische Wirkung. Geld müsste ja in ausreichender Menge vorhanden sein, schließlich werden derzeit ja Milliarden von Euros in die Wirtschaft gepumpt.

19 Cent pro Liter!

Sicher, die Auszahlungspreise der Molkereien werden nicht ins Bodenlose fallen, u.a. werden längerfristige Vertragsabschlüsse, u.a. mit dem Lebensmittelhandel, einen Absturz verhindern. Der Druck auf die globalen Milchmärkte dürfte aufgrund der Kombination von geschlossenen Gastronomiebetrieben, der Abriegelung ganzer Tourismuszentren, reduzierten Exporten und steigenden Milchüberschüssen den größten Teil des Jahres 2020 hoch bleiben.
Jeder einzelne Milcherzeuger ist deshalb gut beraten, gemeinsam mit seiner Molkerei unterschiedlicher Szenarien durchzuspielen. Hierzu gehören in erster Linie eine detaillierte Milchmengenplanung und eine offene, ehrliche Diskussion seitens der Milchverarbeiter. Ist in den kommenden Wochen und Monaten keine ausreichende Verwertung der gesamten angelieferten Milchmenge zu passablen Konditionen absehbar, dann sollten sich die Milchlieferanten genau überlegen, ob es nicht sinnvoller ist, solidarisch zu agieren und bei der Anlieferung etwas auf die Bremse zu treten.
Erleichtert würde dies, wenn die EU den Kühen Kurzarbeitergeld gewährt. Das Kurzarbeitergeld beträgt nach dem allgemeinem Leistungssatz 60% der Nettoentgeltdifferenz des Monats, in dem die Arbeit ausgefallen ist – bei einem Milchpreis 32 Cent würde das rund 19 Cent pro Liter Milch entsprechen!
Gregor Veauthier
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