Keine Kälber verlieren

Kälberverluste unter 5% sind kein Hexenwerk. Doch wie lassen sich Kälber gesund durch die ersten Lebenswochen führen?
Gesunde, gut entwickelte Kälber sind ein Erfolgsgarant für eine profitable Milchkuhhaltung. Auf der zweiten europäischen Kälberkonferenz in Bremen gaben Experten Tipps, wie sich Aufzuchtverluste verhindern und hohe Tageszunahmen realisieren lassen.
Martin Moos, Herdenmanager auf Gut Hohen Luckow in Mecklenburg-Vorpommern, erklärte, wie er eine gute Biestmilchqualität sicherstellt. Dafür ist ein extrem sauberes Erstmelken nach der Kalbung entscheidend. Denn ist die Kolostrumqualität schlecht, sinkt auch die Überlebensrate der Kälber. Seine Mitarbeiter tränken deswegen konsequent hochwertiges Kolostrum (50 IgG/l Kolostrum) an neugeborene Kälber. Zudem gilt die Devise „Je schneller, umso besser“. Im Schnitt werden die Kälber 29 Minuten nach der Geburt mit Biestmilch versorgt. „Zeit ist entscheidend. Je schneller das Kolostrum in das Kalb kommt, umso besser“, erklärte Herdenmanager Moos, der 2.600 Kühe plus Nachzucht verantwortet. „Denn nach sechs bis zwölf Stunden schließt sich die Passage für die wichtigen Immunglobuline wieder.“
Die hohe Anzahl der Milchkühe macht eine intensive Betreuung der Kalbungen möglich. So ist in dem Milchkuhbetrieb mit Drei-Schicht-System immer eine Person für Abkalbungen und neugeborene Kälber zuständig. Neben der schnellen Versorgung mit hochwertigem Kolostrum wirkt sich zudem die Trockenstehzeit auf die Biestmilch aus, erklärte Moos. Seiner Erfahrung nach steigen mit Länge der Trockenstehzeit sowohl die Menge als auch die Qualität des Kolostrums.

Nicht zu früh abtränken

Indikatoren für das Wohlbefinden von Kälbern sind ein starkes Spiel- und Sozialverhalten, das Fehlen gegenseitigen Besaugens sowie eine geringe Anzahl an Tränkebesuchen ohne Anrecht. Doch wie lassen sich diese Ziele erreichen? Prof. Anke Schuldt und Dr. Regina Dinse (FH Neubrandenburg) gaben, basierend auf umfangreichen Untersuchungen, Tipps für die optimale Aufzucht von (Holstein-)Kälbern. So sollten Kälber in den ersten 49 Lebenstagen bis zu 14 Liter Tränkemilch bekommen. Beim anschließenden Abtränken sollte die Menge täglich um 0,4 bis 0,5 l gesenkt werden, sodass die Tränkeperiode nach 11 bis 12 Lebenswochen abgeschlossen ist. Einer kürzeren Tränkedauer gaben die Wissenschaftlerinnen eine Absage, da die jungen Tiere bei einer kurzen Tränkephase nicht ausreichend versorgt werden könnten.
Welche positiven Auswirkungen eine optimale Versorgung der Kälber auf deren Gesundheit und Entwicklung hat, zeigten die Wissenschaftlerinnen anhand eigener Untersuchungen. Hierzu beobachteten sie das Tränkeverhalten von Kälbern auf zwei Betrieben (10.766 h) und werteten anschließend deren Erstbesamungsalter, Erstkalbealter sowie die Anzahl der Totgeburten während der ersten Geburt aus. Dabei zeigten die Kälber mit einem ausgeprägten Tränkeverhalten (Übersicht 1) bzw. einem hohen Index (Index Tränkevehalten = Tränkemenge + Anzahl Tränkestation-Besuche) ein geringfügig niedrigeres Erstbesamungs- und Erstkalbealter. Der Anteil an Totgeburten lag bei dieser Gruppe deutlich niedriger.

Langsames Saugen fördern

Um gegenseitiges Besaugen der Kälber zu verhindern, ist es wichtig, dass sie die Tränke nicht zu schnell aufnehmen. So lässt sich u.a. der Saugreflex ausreichend befriedigen. Eine Möglichkeit für eine langsame Tränkeaufnahme könnte die Wahl des Tränkeeimer-Nuckels sein. Deshalb testete Beke Ostendorf in ihrer Masterarbeit zwei verschiedene Nuckel in einem Holsteinbetrieb (40 Kuhkälber). Der schwarze Nuckel (siehe Bild) verspricht laut Hersteller einen langsameren Milchfluss (Controlled flow teat) als der rote Nuckel (Fast flow teat, Kugelventil). Ergebnis: Die Kälber benötigten beim schwarzen Nuckel signifikant länger für die Milchaufnahme. Auch der Speichelfluss (Anzeichen für starkes Saugen) war in dieser Gruppe erhöht. Kälber, die am roten Nuckel saugten, unterbrachen hingegen häufiger die Milchaufnahme und besaugten ihre Artgenossen signifikant stärker.

Vier Jahre keine Kälberverluste

Tierärztin und Farmerin Jodi Wallace aus Quebec (Kanada) berichtete, wie sie es geschafft haben, auf dem Familienbetrieb mit 100 Milchkühen vier Jahre in Folge keine kranken Kälber zu behandeln und dabei keine Kälber zu verlieren. 2014 haben sie im Zuge eines neuen Kälberstalls ihre Einstellung zur Kälberaufzucht geändert. Ziel seien nun nicht mehr „so wenig wie möglich Verluste“, sondern „keine Kälberverluste“ zu erzielen. Ihre Strategien sind u.a.:
  • Neugeborene Kälber kommen direkt nach der Geburt für einige Stunden in den „Brutkasten“, eine kleine auf 26°C beheizte Kammer. Nach jeder Belegung wird dieser Brutkasten gereinigt.
  • Danach werden die Kälber in Zweiergruppen untergebracht. Durch den Sozialkontakt von Anfang an sind die Kälber weniger scheu und fressen besser.
  • Ältere Kälber sind in größeren Gruppen zu maximal acht mit gleich alten Tieren untergebracht.
  • Die Kälberiglus werden im Winter einmal, im Sommer dreimal wöchentlich neu eingestreut.

  • Neugeborene Kälber kommen direkt nach der Geburt für einige Stunden in den „Brutkasten“, eine kleine auf 26°C beheizte Kammer. Nach jeder Belegung wird dieser Brutkasten gereinigt.
  • Danach werden die Kälber in Zweiergruppen untergebracht. Durch den Sozialkontakt von Anfang an sind die Kälber weniger scheu und fressen besser.
  • Ältere Kälber sind in größeren Gruppen zu maximal acht mit gleich alten Tieren untergebracht.
  • Die Kälberiglus werden im Winter einmal, im Sommer dreimal wöchentlich neu eingestreut.

Die Gesundheit der Kälber wirkt sich direkt auf das Arbeitsklima auf dem Betrieb aus. „Wenn Kälber krank sind, bin ich auch müde und gestresst“, erklärte die Kanadierin. „Je gesünder die Kälber, umso mehr Freude und Profit macht die Kälberaufzucht!“

Nicht mehr als 50 Kälber

In den ersten Lebenstagen sind Durchfälle das größte Problem in der Kälberaufzucht. Neben einem ökonomischen Schaden wachsen die Kälber schlechter, weisen eine geringere Vitalität auf und haben ein höheres Abgangsrisiko. Theoretisch sind die Werkzeuge bekannt, um Durchfälle zu verhindern, dennoch schwankt die Kälbersterblichkeit zwischen den Betrieben stark. Deshalb wurde ein Monitoring-Programm in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt, um Haupterreger in 62 Beständen (75 bis 1.800 Kühe) zu finden und das gängige Management zu evaluieren, so Dr. Peter Sanftleben (LFA Mecklenburg-Vorpommern). Dabei zeigte sich, dass Kryptosporidien (C. parvum) der Hauptverursacher für Durchfälle sind. Obwohl bekannt ist, dass qualitativ hochwertiges Kolostrum maßgeblich für die Kälbergesundheit ist, lassen fast 40% der untersuchten Betriebe die Kälber bei der Mutter, ohne zu wissen, wie viel Kolostrum die Kälber aufgenommen haben. Auch von denjenigen Betrieben, die den Kälbern die Biestmilch direkt verabreichen, kennen nur 40,3% die Qualität (Anteil Immunglobuline) des vertränkten Kolostrums.
Daneben wurden die Haltung und Versorgung der Tränkekälber unter die Lupe genommen. Dabei zeigte sich, dass nur auf 20% der Betriebe eine festgelegte Person Verantwortung für die Aufzucht übernimmt und in fast der Hälfte der Betriebe eine Person mehr als 50 Kälber betreut. Diese Punkte seien kritisch, so Dr. Peter Sanftleben, da so nur schwerlich für die Gesundheit der Kälber wichtige standardisierte Arbeitsabläufe eingeführt und auch routinemäßig durchgeführt werden können. B. Ostermann-Palz, S. Oehler


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