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Wie sieht die ideale Milchkuh aus?

Was muss die heutige Kuh optisch mitbringen, um hochleistend, gesund und haltbar zu sein? Ein Preisrichter, ein Tierarzt, ein Klassifizierer und ein Züchter erläutern, wie ihre ideale Kuh aussieht und welche Probleme die Rasse dafür bewältigen muss.

Wie sieht die ideale Kuh aus? Das ist eine Frage, die sicherlich jeder einzelne unterschiedlich beantwortet. In der letzten Ausgabe von Holstein International haben wir einen interessanten Beitrag dazu gelesen. Damit sie uns helfen, uns ein Bild zu machen, haben wir vier Gesprächspartner ausgewählt, die uns das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln nahe bringen. Da hätten wir zunächst den US-Züchter Todd Whittier von Whittier-Farms, dessen Kuhfamilien Lead Mae und Outside Roz in aller Welt bewundert werden. Dann ist da Thomas Ender, der seit neun Jahren der Chefklassifizierer der Schweiz ist und zusammen mit seinem Team jedes Jahr 70.000 Kühe einstuft. Aus Großbritannien kommt der Tierarzt Rob George, einer der Partner von Nantwich Farm Vets, einer der größten unabhängigen Nutztierpraxen im Land. Komplettiert wird unser Quartett von dem angesehenen amerikanischen Preisrichter Pat Conroy, der in den letzten sieben Jahren sechs Mal auf der World Dairy Expo gerichtet hat.

Dairy Strength

Im Gespräch mit unseren vier Protagonisten war Dairy Strength ein Merkmal, für das sich alle begeistern. Zu diesem Punkt äußert sich als Erster Pat, der fünf bis sieben Tage pro Woche unterwegs ist und sich Rinder anschaut. „Das Allererste, auf das ich vor allem anderen achte, ist Dairy Strength. Unter den Rindern, mit denen ich im Laufe der Jahre gearbeitet habe, hatten Kühe, die über Stärke verfügten, weniger Probleme. Wenn man Kühe per Lkw transportiert, sind sie diejenigen, die sich am schnellsten von den Strapazen erholen. Dünne, schmale Kühe haben mehr Probleme.“ Todd, in dritter Generation Milchviehhalter aus Massachusetts, teilt Pats Ansicht: „Eines der größten Probleme, das die Rasse heutzutage hat, besteht darin, dass die Leute nicht auf Dairy Strength achten. Sie setzen Bullen ein, die negativ für Dairy Strength sind und steile Hinterbeine machen. Dairy Strength ist sehr wichtig, und ich mag keine Bullen einsetzen, die extrem sind. Ein Bulle, den ich auf Anhieb eingesetzt habe war Thunderstorm – wir haben drei Kälber, und die haben schon jetzt ein großartiges Linear.“

Rob, dessen Familie die mehr als 1000 Kühe umfassende Brynhyfryd-Herde gehört, sieht Dairy Strength aus züchterischer und aus tierärztlicher Perspektive und ergänzt: „Bei meiner täglichen Arbeit ist Dairy Strength aus meiner Sicht das wichtigste Exterieurmerkmal. Die Tage der zierlichen Kuh sind vorüber. Wenn eine Kuh eine breite Brust hat, wird sie gewöhnlich auch in breites Becken haben. Ich habe den Großteil meines Arbeitslebens am hinteren Ende von Kühen verbracht, und deshalb sehe ich gern ein starkes Rückgrat, ein breites, quadratisches Becken, ein hohes und breites Hintereuter und ein gutes Fundament. Ich sehe auch, wie eine Kuh von mir weg geht – kann sie nicht in gerader Spur gehen, wird sie nicht haltbar sein.“

Perfekte Kuh

Zwei wirkliche Highlights während Thomas’ Karriere als Klassifizierer war die Einstufung der Rasselegenden Decrausaz Iron O’Kalibra und Suard-Red Jordan Irene mit jeweils 97 Punkten. Thomas erklärt: „Wir streben immer nach der perfekten Kuh, und EX-97 ist nahe an perfekt, aber ich glaube nicht, dass es jemals die perfekte Kuh auf Erden gegeben hat. In der Schweiz sind Vordereuter, die Wölbung und Schräge der Rippen* sowie Bewegung die Merkmale, die bei der Einstufung das größte Gewicht haben. Diese drei Merkmale haben den größten Einfluss auf die Entwicklung einer haltbaren, hochleistenden Kuh. Brustbreite, Hintereuterhöhe, Eutertextur und Beckenneigung sind ebenfalls wichtige Merkmale, wenn man will, dass Kühe alt werden. In der Schweiz sind die Kosten für die Färsenaufzucht höher als in anderen Ländern, und deshalb müssen die Kühe eine zusätzliche Laktation melken, um für sich selbst zu bezahlen. Die ideale Kuh wird also alt, bleibt gesund und produziert jede Menge Milch.“ Thomas, dessen Familie die Hellender-Herde gehört, ist sich auch der Tatsache bewusst, dass die Kühe zu groß werden. Die Schweiz hat beim Klassifizierungssystem die Optimalnote von einer 6 auf eine 5 gesenkt (9 ist groß, 1 ist klein). Thomas ergänzt: „Das Klassifizierungssystem verändert sich mit der Entwicklung der Rasse. In der Schweiz haben wir den Abzug für Kühe erhöht, die eine 9 für Größe haben, und wenn eine Kuh größer als 165cm ist, kann sie für Rahmen und Kapazität nicht EX eingestuft werden. Die große Mehrheit will nicht länger extrem große Kühe haben.“

Todd stimmt zu, dass man in der Welt von heute mittelrahmige Kühe braucht: „Meine ideale Kuh ist eine harmonische, quadratische, 152–155cm große Kuh mit einem guten Becken, Breite und fester Lende. Wenn eine Kuh diese Eigenschaften besitzt, hat sie auch die Voraussetzungen für andere Qualitäten. Wir alle brauchen problemlose Kühe, die gehen können. Welche Exterieurmerkmale mir am wichtigsten sind, hängt von der Kuh ab, mit der ich züchte, sowie von den Merkmalen, in denen ich sie korrigieren muss. Ein Klassifizierer hat mal zu mir gesagt: Wenn man nicht die Mutter oder die Großmutter mit einem Bullen anpaaren würde, sollte man auch sie nicht mit ihm anpaaren, denn man weiß nie genau, wie sie sich vererben werden.“

Steile Hinterbeide

Pat hat im Laufe der Jahre diverse hochkarätige Kühe rund um den Erdball besessen, darunter die zweimalige Weltsiegerkuh O’Kalibra, den Grand Champion der World Dairy Expo (WDE) 2018, Jacobs Lauthority Loana EX-97, den Grand Champion der WDE und der Royal 2017, Meadow Green Absolute Fanny-Red EX-95, und den Grand Champion der Swiss Expo 2019, Sunibelle Dempsey Esprit EX-94. Beine, Klauen und Beckenlage sind problematische Aspekte, die Pat auch unterwegs erlebt. Pat fährt fort: „Ich persönlich denke, beim Exterieur und den funktionalen Merkmalen muss sich etwas ändern. In der genomischen Ära sehe ich zu viele steile Hinterbeine, und Typbullen können Probleme mit der Beckenlage haben. Heute kann manchmal der Deckbulle der beste Bulle sein, den der Landwirt auf seinem Betrieb einsetzt, denn seine Töchter sind einheitlicher. Ich glaube an die Redewendung ‚Züchte auf Exterieur und füttere für Milch’. Das sehe ich unterwegs auf vielen Produktionsbetrieben – wenn man Kühe richtig füttert, funktionieren sie auch richtig. Management lässt Genetik gut aussehen, oder schlecht.“ Rob stimmt Pats Äußerungen bezüglich steiler Hinterbeine zu: „Wenn ich an die mitgenommenen Kühe denke, die ich gesehen habe, hatten diese mehrheitlich steile Hinterbeine. Steile Hinterbeine beeinträchtigen die Funktion der Kniegelenke und die Beweglichkeit der Sprunggelenke. Ich sehe heute seltener hoch platzierte Sitzbeine als vor zehn Jahren, aber ich sehe zu oft steile Hinterbeine mit schlechter Bewegung – die meisten sind im Knie und im Sprunggelenk nicht flexibel.“

Und Thomas ergänzt: „Wenn eine Kuh typmäßig dem True Type-Modell nahe kommt, sollte sie melken und halten. Hat eine Kuh ein gutes Becken und eine feste Lende, dürfte das der Fruchtbarkeit zuträglich sein, und die Eutertextur sollte den Zellgehalt positiv beeinflussen. Die funktionalen Merkmale dürften sich verbessern, wenn das Exterieur besser wird. Ich bin nicht gegen Genomics, aber ich habe den Eindruck, dass einige Bullen Merkmalsqualitäten verlieren, und ich frage mich, ob ihre Töchter alt werden. Es gibt Bullen mit ausgezeichneten Zahlen für Nutzungsdauer, aber die machen womöglich Töchter, die keine Dairy Strength, hohe Sitzbeine, schlechte Vordereuter oder sehr steile Hinterbeine haben – wie sollen solche Kühe nach zwei bis drei Kälbern überleben?"

Modern

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner lassen erkennen, dass die leidenschaftlichsten erörterten Merkmale Dairy Strength, ideale Beinstellung, fest aufgehängte Euter, eine feste Oberlinie, mittlere Größe und gute Becken sind. Also alles Qualitäten, die bei der "modernen", haltbaren, hochleistenden Kuh von heute gefragt sind.

Quelle: Izzy Jones, Holstein International

*An dieser Stelle haben wir den originalen Text aufgrund eines Übersetzungsfehlers korrigiert. Das von Thomas Ender erwähnte Interbull-Merkmal "angularity" bedeutet nicht Schärfe, sondern beschreibt die Wölbung und Schräge der Rippen. Damit ist es ein entscheidendes Merkmal bei der Kuh-Einstufung in der Schweiz.



Viel Stärke, harmonische Bewegung, feste Euter und ein mittlerer Rahmen

Regelmäßig besuchen auch wir Betriebe, die intensiv züchten und ihre Vorstellung der idealen Kuh haben. Beispielsweise achten Georg und Jan-Niklas Alter ebenso auf eine harmonische Bewegung, leicht gewinkelte Sprunggelenke und viel Vorhandstärke. Dieses Zuchtziel richten sie auf den intensiven Weidegang an ihrem Standort aus, denn dort sind Stärke und Bewegung gefragt. Für Betriebsleiter Silvio Griepentrog sind besonders fest aufgehängte Euter entscheidend, damit die Kühe alt werden. Zudem setzt er auf einen mittleren Rahmen, da zu große Kühe in dem klassischen Typenstall 1930 nicht zurechtkommen würden. Beide Betriebe melken im Durchschnitt über 11.500 bzw. über 12.500 kg Milch und blicken bereits auf mehrere 100.000 Liter-Kühe zurück. Hier finden Sie die Reportagen " Eine wie die andere " (Griepentrog) und " Ein langer Weg... " (Alter).