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Tierschutzverstöße auf großem Milchkuhbetrieb dokumentiert

Der Verein SOKO Tierschutz hat gegen einen Milchkubetrieb mit 700 Kühen bei Stendal Anzeige erstattet. Aktivisten hatten auf dem Milchviehbetrieb vier Wochen im März und April 2018 heimlich Kameras installiert, die Tierschutzverstöße festgehalten haben sollen.

Konkret sollen auf einem Milchkuhbetrieb bei Stendal, der an die Milchwerke Mittelelbe liefert, bis auf die Knochen verweste Kühe gelegen haben. Die Mitarbeiter hätten einfach um die toten Tiere herumgefegt und verletzte Tier hinter dem Trecker aus dem Stall gezogen. Ein neugeborenes Kalb sei vom Gülleschieber erfasst und eingequetscht worden. Die Tierschützer sprechen von einem „ständigen Sterben“, dass auf dem Betrieb herrsche.

Besonders ärgert den Verein, dass die Behörden nach Information über die Missstände vor Ort keine Kadaver gefunden hätten. SOKO Tierschutz erklärt jedoch, dass diese auch Tage und Wochen nach der Besichtigung weiter an den genannten Stellen gelegen hätten.

"Das beweist mal wieder das totale Behördenversagen, und dass die Rufe von CDU und SPD nach einem härteren Vorgehen gegen heimliche Stallkontrollen durch Tierschützer nur den Zweck haben, die Menschen zu stoppen, welche die ganze Wahrheit der Tierhaltung an die Öffentlichkeit bringen", so Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz. Er fordert ein Tierhalteverbot für die Betreiber und eine Untersuchung der Vorgänge im Veterinäramt.

Bauernverband Sachsen-Anhalt warnt vor vorschnellem Urteil

Sollten die gezeigten Szenen aus dem genannten Betrieb stammen, seien diese Zustände auf das Schärfste zu verurteilen, teilte unterdessen der Bauernverband Sachsen-Anhalt mit. Der Verband hat jedoch gewisse Zweifel. So sei das kritisierte Veterinäramt als strenge, kritische und fachlich versierte Kontrollbehörde bekannt. "Nach unseren Informationen wurde der Betrieb zu Jahresbeginn routinemäßig und nach Eingang einer Anzeige anlassbezogen intensiv geprüft, wobei die Vorwürfe nicht nachvollzogen werden konnten", heißt es in einer Pressemitteilung aus Magdeburg.

Da die Ohrmarken der Rinder in den Videos nicht lesbar seien und der Bauernverband weiter kein ungeschnittenes und unbearbeitetes Filmmaterial zur Verfügung habe, könne man nicht nachvollziehen, woher die Bilder im Zusammenschnitt wirklich stammen. Auch habe man den Betrieb, der nicht Mitglied des Bauernverbandes ist, nicht erreichen können, um eventuelle Hintergründe zu erfragen.

Aufnahmen von SOKO Tierschutz wohl echt

Der MDR, der zwischenzeitlich das ungeschnittene Originalmaterial auswerten konnt, kommt zu dem Schluss, dass sie von dem genannten Milchkuhbetrieb stammen. Zu sehen seien u.a. die Ohrmarken.

Die Organisation SOKO Tierschutz kritisiert in diesem Zusammenhang die Behörden, sie hätten kein Interesse an den Originalvideos gehabt. Mehrfach hätten die Tierschützer nach eigener Aussage beim Veterinäramt angerufen und auf Missstände in dem Betrieb hingewiesen. So soll eine tote Kuh mehrere Tage zwischen ihren lebenden Artgenossen gelegen haben. In anderen Bereichen lägen verweste Kuhkadaver. Das Amt habe dem Betrieb dagegen nach Vor-Ort-Kontrolle eine ordnungsgemäße Tierhaltung bescheinigt und keine Kadaver gefunden, zitiert der MDR den Verein. Dieser will aber anhand der Datumsangaben im Film nachweisen können, dass die Körper dort definitiv auch nach der Kontrolle noch im Stall lagen, heißt es. „Alles deutet darauf hin, dass die Mitarbeiter des Veterinäramts den Stall gar nicht betreten haben", schlussfolgert Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz.

Milcherzeuger weist Vorwürfe zurück

Die Betreiberfamilie weist die Vorwürfe zurück. Tote Tiere würden umgehend aus dem Bestand entfernt. Dass von 700 Tieren auch welche stürben, sei normal, sagte er dem MDR. Allerdings bestätige nun auch der Landkreis, dass die Sterblichkeit innerhalb des Tierbestandes auffällig hoch sei. Zwischen dem 1. Januar und dem 9. Mai seien dort demnach 46 Tiere verendet. Außerdem hatte es in der Vergangenheit immer wieder Beanstandungen gegeben. Genannt werden etwa unterlassene Hinzuziehung eines Tierarztes, verbesserungswürdige Klauengesundheit oder Meldefehler in der HIT-Datenbank. Das hätte bereits zu Auflagen und Bußgeldverfahren geführt, konnte der MDR in Erfahrung bringen.

Tierschützer wollen Behördenversagen beweisen

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz-Aktivist; Foto: sternTV
 Friedrich Mülln will nun in den nächsten Tagen Beweise vorlegen, die den Fall aus seiner Sicht zu einem Behördenskandal machen. Deshalb habe er inzwischen auch gegen das Veterinäramt Anzeige erstattet. Die Familie sei, so schätzt er die Lage ein, mit dem Führen des großen Betriebes überfordert. Der Betrieb in Demker hat neben den beiden Betreibern, einem holländischen Ehepaar, noch drei Mitarbeiter. Diese fünf Personen müssten 700 Rinder versorgen und zwei Mal am Tag 350 Kühe melken. Die Arbeitstage beginnen morgens um 4 und enden abends um 18 Uhr, informiert die Familie in einer Pressemitteilung. Die Milchwerke Mittelelbe nehmen seit Bekanntwerden der Vorwürfe keine Milch mehr ab, so der MDR weiter. 

Text: Deter, Veauthier
Quelle: sternTV, MDR, top agrar