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DGfZ Tagung Bonn

Mehr Tierwohl durch Züchtung und Sensorik?

Neue Züchtungsmethoden und Digitalisierung im Stall dienen neben der Effizienzsteigerung auch dem Tierwohl. Sensorik im Stall, Identifizierung von Erbfehlern sowie Bedingungen und Transparenz der Tierproduktion waren Themen der DGfZ Plenartagung.

In der vergangenen Woche fand eine Vortragstagung der deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde e.V. (DGfZ) in Bonn statt. Die Nutztierzüchtung möchte mit neuen Methoden neben ökonomischen Zwecken auch Fortschritte im Bereich Tierwohl erreichen und ist dabei offen für Diskussionen und einen gesellschaftlichen Dialog über Züchtungsziele. Die Transparenz in der Nahrungsmittelerzeugung wird immer wichtiger, Ziel ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Tierhaltung.

In der Plenartagung lieferten Prof. Gottfried Brem, Veterinärmediziner der Universität Wien, Prof. Kay-Uwe Götz vom LfL aus Bayern, Dr. Reinhard Reents, Geschäftsführer des VIT sowie Prof. Wolfgang Büscher von der Universität Bonn folgende Diskussionsansätze:

Tierwohl durch Sensorik im Stall

Neben politischen Instrumenten bekommen Tierhalter und Züchter zunehmende Unterstützung von technischer Seite. Durch sensorische Systeme und Digitalisierung können Effizienz und Tierwohl gesteigert werden. Dr. Reents vom VIT und Prof. Büscher von der Universität Bonn stellten Systeme zum präzisen Monitoring der Tiergesundheit und technische Systeme für das Stallmanagement vor. Die Preise für Sensorik im Stall seien laut Dr. Reents in den letzten Jahren deutlich gesunken.

  • Sensorik im Rinderstall ermöglicht gutes Management sowie Datendokumentation und spart Arbeitszeit. Bislang hat sich die Aktivitätsmessung am stärksten durchgesetzt, sagt Dr. Reents. Auch die Kombination verschiedener Sensorinformationen liefert dem Landwirt nützliche Informationen. Durch die sensorische Datenerhebung sei laut Prof. Büscher eine ordnungsgemäße Tierbehandlung "auf Knopfdruck" nachweisbar. In der Milchkuhhaltung dienen Sensoriksysteme besonders der Vorsorge und der frühzeitigen Identifizierung von Lahmheiten und Brunsten. Auch technische Systeme wie Reinigungsroboter werden im Stall problemlos akzeptiert.
  • Ein Problem bzw. eine Herausforderung stellen für Prof. Büscher und und Dr. Reents die Vernetzung der Sensoren und die Auswertung der erhobenen Daten dar. Bezüglich der Datenauswertung müsse zunehmend künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen und Standards etabliert werden. Eine Zusammenführung der im Stall erhobenen Daten mit einer intensiven Analyse steigern den Informationswert für die Landwirte. Die deutsche Rinderzucht sei jetzt gefordert, die Datennutzung digitaler Systeme zu optimieren.
  • Ein weiteres Problem sieht Prof. Büscher in der hohen Schadstoffbelastung in Ställen. Durch die Schadstoffe werden Sensoren beschädigt und müssen häufig ausgetauscht werden.
  • Bei der Digitalisierung im Stall gibt es nach Meinung von Prof. Büscher noch viel Entwicklungs- und Forschungspotenzial. Eine besondere Herausforderung stellt die Datennutzung dar. Wenn Veterinärmedizin und Informatik zusammenarbeiten, könne in Zukunft der Nutzen und die gesellschaftlicher Akzeptanz des Einsatzes digitaler Technologien im Stall gesteigert werden.

Erbfehler: Nutztierzucht für Tierschutz

Eine der wichtigsten Anwendungen der molekularen Tierzucht ist laut Prof. Brem die Identifizierung und Beseitigung von Erbfehlern. Durch neue Züchtungsmethoden ist es erstmals möglich, Populationen von bekannten Erbfehlern zu befreien. Durch die Beseitigung von Erbfehlern und weitere Züchtungsziele diene die Nutztierzucht somit dem Tierschutz. Tierwohlrelevante Züchtungsziele wie beispielsweise kürzere Schwänze bei Schweinen müssen gesellschaftlich diskutiert werden. Eine zukünftige "Tierwohlwende" sei laut Prof. Götz aufgrund der Forderungen der Politik, des Umweltschutzes und des Lebensmitteleinzelhandels dennoch unausweichlich. Die daraus resultierenden Auflagen, Kosten und unternehmerischen Einschränkungen der Landwirte müssten durch politische Instrumente wie ein Tierwohlförderungsgesetz aufgefangen werden.

Transparenz fordert Auflagen und Stallkontrollen

Durch steigende Auflagen im Stallbau werden sich die Tierbestände in Deutschland laut Prof. Götz auf lange Sicht reduzieren. Politik und Handel fordern eine vollständige Transparenz der Nahrungsmittelkette, eine "gläsernde Produktion" mit strengen Vorgaben, Audits und Stallkontrollen wird zunehmend zum Standard. Mehr Stallkontrollen seien sinnvoll, um "schwarze Schafe" auszusondern um das Image der Branche zu verbessern.

Begrenzte Ressourcenansprüche verhindern Produktionssteigerung

Laut Prof. Götz müssen die Ressourcenansprüche begrenzt werden, um die gefordete Wende in der Tierhaltung zu realisieren. Zwar kann die Effizienz gesteigert werden, bei reduzierter Ressourcenverfügung kann sie aber nicht für eine Produktionssteigerung verwendet werden. Bei einer Begrenzung der Ressourcenansprüche müsse den Landwirten aber eine Einkommensmöglichkeit geschaffen werden. Um die Akzeptanz der Verbraucher zurückzugewinnen, müsse das Tier als wesentliches Element einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft dargestellt werden und die Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Mensch und Tier beseitigt werden. Dafür müsse man beispielsweise Nebenprodukte verfüttern und gleichzeitig Sojaimporte verringern, so Prof. Götz.

GVO-Urteil: Moderne Produktionstechnologien nicht ignorieren!

Nach dem GVO-Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Einstufung neuer Züchtungsmethoden, zählen Pflanzen, die durch eine gezielte Mutagenese produziert werden, zu GVO-Produkten. Seitens der Tierzuchtforscher wird dieses Urteil kritisch gesehen und stellt einen Rückschritt für Landwirtschaft und Gesellschaft dar. Prof. Brem stuft den Verzicht auf den Einsatz molekulargenetischer Techniken in der Tierzucht als unrealistisch ein. Gegner moderner Produktionstechnologien müssten sich dann auch der Verantwortung hinsichtlich der Konsequenzen für die Nachrungsmittelsicherheit stellen. Die Verantwortung sei nicht teilbar.

Quellen: AgE, DGfZ