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Für die Zukunft: Robuste Kühe mit viel Milch Digital Plus

Wohin entwickelt sich die Tierzucht? In den letzten Jahren ist die Milchleistung der Holsteinkühe kontinuierlich angestiegen. Trotzdem sind Stoffwechselerkrankungen, Fruchtbarkeitsstörungen und die derzeitige Nutzungsdauer nicht zufriedenstellend.

Anfang März fand das Sommersymposium der Akademie für die Gesundheit e.V. (AfT) unter der Leitung von Prof. Dr. Karl-Heinz Waldmann in Montabaur statt. Experten aus den Bereichen Tiermedizin und Tierzucht haben sich an diesen Tagen mit der Frage: "Wohin entwickeln sich Tierzucht und Tiergenetik?" beschäftigt. Besonders die hochleistenden Milchkühe dienten dabei häufig als Beispiel - ein Beispiel für intensive Zucht auf Leistung und den möglicherweise daraus resultierenden Problemen. Zielgerichtet auf Fruchtbarkeit züchten Zu Beginn analysierte Prof. Sven König von der Universität Gießen die Instrumente der modernen Tierzucht und ging dabei auf die Trennung von Genetik und Umwelt ein. Die Hornlosigkeit von Rindern beruht allein auf den Genen. Viele andere Merkmale wie zum Beispiel Fruchtbarkeit sind stark durch Umwelteffekte determiniert. Die Aufgabe der Zuchtwertschätzung ist es, die genetischen von den umweltbedingten Einflüssen zu trennen. Dabei müssen die Wechselwirkungen der Merkmale berücksichtigt bleiben. Problem Fruchtbarkeit: Betrachtet man den genetischen Trend einzelner Merkmale über die Jahre, entwickelt sich fast jedes Merkmal positiv - mit Ausnahme der weiblichen Fruchtbarkeit. Die Selektionsintensität beim Zuchtwert für Milchleistung (RZM) liegt bei 1,6, dagegen ist sie beim Zuchtwert für Reprpduktion (RZR) mit -0,1 sogar im negativen Bereich. Der RZR wurde demnach nicht genug betrachtet, d.h. es wurde zu wenig auf Fruchtbarkeit selektiert. Entsprechend spiegelt sich das im genetischen Trend wieder. Entscheidenend ist also nicht der möglicherweise negative Zusammenhang von Leistung und Fruchtbarkeit, sondern die Ignoranz der Fruchtbarkeit bei gleichzeitigem Fokus auf Leistung. Untersuchungen zeigen zudem, dass Fruchtbarkeit und Leistung auf genetischer Ebene nicht im Zusammenhang stehen, Zysten und Leistung dagegen schon. Auf phänotypischer Ebene kommen Schwierigkeiten dazu, die den Datenbestand für die Zuchtwerschätzung verzerren. Zum einen verfälscht der Einsatz von Deckbullen die Non-Return-Rate, die für den Zuchtwert RZR herangezogen wird. Zum anderen sind die Abgänge aufgrund von Fruchtbarkeitsstörungen sehr ungenau erfasst. Beispielsweise wären die Progesteronverläufe von Kühen deutlich genauer und weisen eine höhere Erblichkeit auf. Um Progesteronwerte bei der Zuchtwertschätzung einzubinden, stellt die genomische Selektion auf Basis von Kuhlernstichproben eine gute Möglichkeit dar. Auch generell beschreibt König die Genomics als Schlüssel zum Erfolg, um neue Merkmale zu entwickeln. Perspektiven neuer Züchtungsmethoden Prof. Heiner Niemann (Hochschule Hannover) stellte den aktuellen Stand und besonders die Perspektiven neuer Züchtungsmethoden für Nutztiere vor. In den letzten 15 bis 20 Jahren haben enorme Fortschritte zu neuen Möglichkeiten in der Tierzucht geführt. Mit der genomischen Sequenzierung der Nu

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Anfang März fand das Sommersymposium der Akademie für die Gesundheit e.V. (AfT) unter der Leitung von Prof. Dr. Karl-Heinz Waldmann in Montabaur statt. Experten aus den Bereichen Tiermedizin und Tierzucht haben sich an diesen Tagen mit der Frage: "Wohin entwickeln sich Tierzucht und Tiergenetik?" beschäftigt. Besonders die hochleistenden Milchkühe dienten dabei häufig als Beispiel - ein Beispiel für intensive Zucht auf Leistung und den möglicherweise daraus resultierenden Problemen. Zielgerichtet auf Fruchtbarkeit züchten Zu Beginn analysierte Prof. Sven König von der Universität Gießen die Instrumente der modernen Tierzucht und ging dabei auf die Trennung von Genetik und Umwelt ein. Die Hornlosigkeit von Rindern beruht allein auf den Genen. Viele andere Merkmale wie zum Beispiel Fruchtbarkeit sind stark durch Umwelteffekte determiniert. Die Aufgabe der Zuchtwertschätzung ist es, die genetischen von den umweltbedingten Einflüssen zu trennen. Dabei müssen die Wechselwirkungen der Merkmale berücksichtigt bleiben. Problem Fruchtbarkeit: Betrachtet man den genetischen Trend einzelner Merkmale über die Jahre, entwickelt sich fast jedes Merkmal positiv - mit Ausnahme der weiblichen Fruchtbarkeit. Die Selektionsintensität beim Zuchtwert für Milchleistung (RZM) liegt bei 1,6, dagegen ist sie beim Zuchtwert für Reprpduktion (RZR) mit -0,1 sogar im negativen Bereich. Der RZR wurde demnach nicht genug betrachtet, d.h. es wurde zu wenig auf Fruchtbarkeit selektiert. Entsprechend spiegelt sich das im genetischen Trend wieder. Entscheidenend ist also nicht der möglicherweise negative Zusammenhang von Leistung und Fruchtbarkeit, sondern die Ignoranz der Fruchtbarkeit bei gleichzeitigem Fokus auf Leistung. Untersuchungen zeigen zudem, dass Fruchtbarkeit und Leistung auf genetischer Ebene nicht im Zusammenhang stehen, Zysten und Leistung dagegen schon. Auf phänotypischer Ebene kommen Schwierigkeiten dazu, die den Datenbestand für die Zuchtwerschätzung verzerren. Zum einen verfälscht der Einsatz von Deckbullen die Non-Return-Rate, die für den Zuchtwert RZR herangezogen wird. Zum anderen sind die Abgänge aufgrund von Fruchtbarkeitsstörungen sehr ungenau erfasst. Beispielsweise wären die Progesteronverläufe von Kühen deutlich genauer und weisen eine höhere Erblichkeit auf. Um Progesteronwerte bei der Zuchtwertschätzung einzubinden, stellt die genomische Selektion auf Basis von Kuhlernstichproben eine gute Möglichkeit dar. Auch generell beschreibt König die Genomics als Schlüssel zum Erfolg, um neue Merkmale zu entwickeln. Perspektiven neuer Züchtungsmethoden Prof. Heiner Niemann (Hochschule Hannover) stellte den aktuellen Stand und besonders die Perspektiven neuer Züchtungsmethoden für Nutztiere vor. In den letzten 15 bis 20 Jahren haben enorme Fortschritte zu neuen Möglichkeiten in der Tierzucht geführt. Mit der genomischen Sequenzierung der Nutztiere hat sich auch die Möglichkeit eröffnet, Genome gezielt genetisch zu modifizieren. Mit sogenannten molekularen Scheren (Gene Editing) können genetische Veränderungen exakt induziert werden, zum Beispiel um ein Gen auszuschalten oder Erbfehler zu korrigieren. Für die Zukunft gilt: Die neuen genomischen Kenntnisse und beispielsweise das Gen-Editing Verfahren können zur Entwicklung einer effizienten, zielgenauen und nachhaltigen Tierproduktion beitragen (Precision Breeding). Neben den allgemeinen Zuchtzielen besteht im Rinderbereich beispielsweise die Möglichkeit, Rinder genetisch gegen Tuberkulose resistent zu machen (China). Viele Chancen, aber auch Risiken. Es bleibt die Frage der gesetzlichen Regelung von genetisch veränderten Nutzieren. Wird sich Gene Editing als molekulares Hilfsmittel in Europa etablieren? Übersteigt die Zucht auf Leistung die physiologischen Grenzen? In den letzten 20 Jahren konnte die Milchleistung durch intensive Zucht auf Leistung bei der Rasse Deutsche Holstein deutlich angehoben werden. Allerdings sind diese hohe Lesitungen in Kombination mit sinkender Nutzungsdauer auch der Auslöser vieler kritischer Diskussionen. Prof. Gerhard Breves von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat sich mit den physiologischen Grenzen der Hochleistungskühe beschäftigt. Mit der durchschnittlichen Nutzungsdauer von knapp drei Laktationen wird das maximale physiologische Niveau der Kühe gar nicht erst erreicht. Von 2007 bis 2016 ist die Nutzungsdauer immerhin um 7% angestiegen. Doch ist das eine überzeugende Steigerung? Zu berücksichtigen sind dabei die geringen Erblichkeiten der funktionalen Merkmale. Ist die genetisch bedingt hohe Milchleistung also Schuld an den häufig zu frühen Abgängen? Kann sogar von einer Qualzucht gesprochen werden? Die genetischen Zusammenhänge zwischen Leistungs- und Gesundheitsmerkmalen sind sehr variabel. Dennoch sind einige Punkte zu nennen: Bei einer Milchleistung von 55kg und einer Trockenmasse-Aufnahme von 26kg, müsste die Ration theoretisch einen Energiegehalt von 8,2 MJ NEL aufweisen, um den Energiebedarf der Kuh zu decken. Eine derartige Ration ist allein aus Grundfutter kaum zu realisieren, hohe Kraftfuttergaben sind die Folge. Damit kann diese Ration kaum noch wiederkäuergerecht sein. Fehlt die Struktur für die Pansentätigkeit, arbeitet der Stoffwechsel nicht richtig, gleichzeitig frisst die Kuh weniger. Wie soll eine derartige Milchleistung also ausgefüttert werden? Eine negative Energiebilanz (NEB) als Folge eines Missverhältnisses zwischen Futteraufnahme und Energiebedarf kann sich negativ auf die Tiergesundheit auswirken. Auch wenn die Kuh nicht richtig krank wird, werden physiologische Prozesse bei fehlender Energie reduziert (z.B. Stoffwechseltätigkeit) oder bleiben vorübergehend ganz aus (z.B. Reproduktion). Vor allem Störungen im Hormonhaushalt (=Fruchtbarkeitsstörungen) lassen sich häufig auf eine NEB zurückführen. Bei einer sehr hohen Milchleistung ist die Gesundheit häufig stärker gefährdet, da das Immunsystem der Kuh geschwächt ist. Dabei hat die Fütterung keinen Effekt auf das Immunystem. Untersuchungen zeigen zudem, dass eine NEB nicht in Beziehung zum Immunglobulin-G (IgG)-Gehalt im Blut steht. Insgesamt sind die Zusammenhänge und der Einfluss der NEB schwierig nachzuweisen. Ausschlaggebend bleibt das Management! Für die Zukunft sollten züchterisch die Kühe im Fokus stehen, die die "Schranke" zwischen hoher Leistung und Gesundheit schaffen und folglich alt werden. Denn diese Tiere (bzw. die Betriebe) gibt es! Also kann von einer Qualzucht in diesem Bereich nicht die Rede sein. Möglicherweise könnte eine Zucht auf Persistenz sinnvoll sein, um besonders den Laktationsanfang in Bezug auf die NEB zu entschärfen. Dennoch bleibt die Futteraufnahme das Problem, und das auch schon vor der Kalbung. Tierzucht und Ethik - wir tragen Verantwortung! Im Rahmen der "After Dinner Speech" betonte Prof. Peter Kunzmann von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover die Verantwortung im Bereich Tierzucht. Besonders die Zucht prägt langfristig und schließt ethische Grundsätze mit ein. Einige Aussagen dazu: Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Tierwohl, Tierschutz etc. - alle diese Punkte werden von Mensch, Tier und Umwelt gefordert. Das wird auch in der Tierzucht schon lange berücksichtigt. Denn: Mit der Tierzucht tragen wir Verantwortung dafür. Was wir jetzt (züchterisch) festlegen, hat große Auswirkungen für die Tiere, die zukünftige Landwirtschaft und die künftigen Generationen. Das heißt auch, dass wir verantwortlich sind für Dinge, die wir nicht tun. Auch in §1 des Tierschutzgesetzes fällt das Wort Verantwortung. Innerhalb unserer Gesellschaft ist der Wert der Tiere sehr unterschiedlich angesehen. Wir können uns den Konsumenten nicht erziehen. Vielmehr müssen wir auf seine Anforderungen eingehen - z.B. mit der Tierzucht für qualitativ hochwertige Erzeugnisse von gesunden, langlebigen Tieren. Ein Beispiel: Die Ferkelkastration wird verboten, als nächstes könnte das Kälber Enthornen an der Reihe sein. Die Chance bestand, schon eher bzw. noch intensiver auf Hornlosigkeit zu züchten. Ebenso muss die Tierzucht nach dem Vorsorgeprinzip handeln. Die Ressourcen werden immer knapper. Also müssen Tiere immer robuster, d.h. auch mit knappen Ressourcen, leben und produzieren können. Mit der Tierzucht können aber auch Grenzen überschritten werden. Zum Beispiel die hohe Milchleistung im Verhältnis zur Futteraufnahme oder die Anzahl an Ferkeln im Verhältnis zu Zitzen. Mit dem Begriff Qualzucht möchte niemand konfrontiert werden. Insgesamt bietet die Tierzucht viele Chancen und Risiken - wir Züchter, Forscher und Tierhalter tragen Verantwortung dafür. Außerdem: Förderpreis für Doktorarbeit im Bereich Kälberdurchfall Den mit 5.000 Euro bestückten Förderpreis der AfT e.V. erhielt in diesem Jahr Dr. Florian Trefz. Trefz hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert, promoviert und habilitiert. Derzeit ist er an der Universität in Bern beschäftigt. In seiner Doktorarbeit hat sich Trefz intensiv mit Kälberdurchfall, Acidosen und der Rolle des Kaliums befasst: "Untersuchungen zu Störungen des Kaliumhaushaltes bei Kälbern mit Neugeborenendurchfall". Neugeborenendurchfall ist eine der verlustreichsten Krankheiten. In Untersuchungen zeigten sich häufig Laktat-Acidosen (D-Laktat) im Zusammenhang mit erhöhten Kaliumwerten (Hyperkaliämie). Diese erhöhte Kaliumwerte sind abhängig von der metabolischen Laktat-Acidose und führen vermehrt zur Dehydration der Kälber. Weitere Ergebnisse sind im Journal of Veterinary Internal Medicine und im Journal of Dairy Science veröffentlicht. Quelle: Akademie für Tiergesundheit e.V. (Sommersymposium 2019)