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Kommentar

Die große Abzocke

Der Lebensmittelhandel nutzt seine Marktmacht brutal aus. Den größten Teil der zusätzlichen Erlöse aus den jüngsten Trinkmilchabschlüssen behält er ein. Aber auch die Molkereien kassieren ab. Nur die Milcherzeuger gehen mal wieder leer aus!

Anfang November hat der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) die Verbraucherpreise für Trinkmilch angehoben. Konventionelle Trinkmilch dürfte in den kommenden Wochen und Monaten zwei Cent pro Liter mehr kosten als bislang, Biomilch sogar vier Cent mehr. Eigentlich müssten die Milcherzeuger zumindest einen Teil der Preiserhöhung auf ihrer Milchgeldabrechnung wiederfinden – dem ist aber nicht so! Auf den Milchgeldabrechnungen finden sich jedenfalls die zwei Cent nicht! Wo bitte schön bleibt das Geld hängen? Bei den Molkereien oder beim LEH? Wer macht sich hier auf Kosten der Milchbauern die Taschen voll?

Laut Recherchen von agrarheute erhalten die Molkereien vom LEH für konventionelle Trinkmilch nur knapp einen Cent pro Liter mehr. Bei Biomilch gab es sogar eine Nullrunde, teilweise mussten die Biomilchhersteller gar mit einem Minus von zwei Cent pro Liter den Verhandlungstisch verlassen. Allein bei der konventionellen Trinkmilch sind es laut Berechnungen von agrarheute über 16 Mio. Euro, die der LEH einsackt. Bei Biomilch dürften sich die zusätzlichen Einnahmen des LEH nochmals auf knapp sieben bis zehn Millionen Euro summieren (hochgerechnet mit den zu erwartenden Absatzmengen an Trinkmilch bis April 2020; solange laufen die neuen Trinkmilchkontrakte).

Unter dem Strich zahlen die Verbraucher über den Winter also rund 25 Mio. Euro mehr, nur für die Trinkmilch -­ davon kommt aber kein Cent bei den Milchbauern an, obwohl diese das Geld dringend benötigen!

Hinzu kommt, dass sich nach Recherchen von agrarheute auch die Handelsmarge bei Butter deutlich verbessert (verdoppelt) hat. All das zeigt doch ganz klar: Das stinkt nicht nur nach illegalen Preisabsprachen, Aldi, Lidl und Co. nutzen ihre Marktmacht gegenüber Molkereien und damit den Milchbauern ganz brutal aus. Und die Politik schaut mal wieder tatenlos zu.

Knappes Angebot beflügelt Rohstoffpreise, nicht aber die Milcherzeugerpreise

Eine Ausrede, die sich Milcherzeuger immer wieder anhören müssen, zieht aktuell nicht: Es ist zu viel Milch auf dem Markt, weshalb sich keine Preiserhöhungen durchsetzen lassen! Das Gegenteil ist aktuell der Fall, die Milchanlieferung in Deutschland bewegt sich laut Berechnungen der Zentralen Milchmarkt Berichterstattung (ZMB) in etwa auf Vorjahresniveau. Anscheinend ist derzeit gar nicht so viel Rohmilch vorhanden, wie zur Produktion verwendet werden könnte. Einige Molkereien gehen sogar davon aus, dass die Anlieferungsmengen im Winterhalbjahr 2019/20 nicht im saisonal-gewohnten Umfang nach oben bewegen werden. Schon wird in der Branche befürchtet, dass im Weihnachtsgeschäft nur eine begrenzte Rohstoffmenge zur Verfügung steht.

Die begrenzte Rohmilchverfügbarkeit lässt schon lange die Preise am Spotmarkt auf einem hohen Niveau verweilen: In Deutschland wurde Spotmilch zuletzt (KW47) laut Angaben des Informationsportals „Molkerei Industrie“ im Mittel mit 39,83 € (Süd) bzw. 36,96 € (Nord) pro 100 kg Milch (3,7 % Fett) gehandelt. Laut Molkerei Industrie wird immerhin 20 % der angelieferten Milch an andere Molkereien verkauft.

Auch am Weltmarkt sind seit Wochen festere Preistendenzen zu beobachten. So haben beim GlobalDairyTrade-Tender in Neuseeland die Preise für Milcherzeugnisse bereits mehrfach zugelegt – produktübergreifend! Gegenüber dem Vorjahr, als sich die Preise im November im Dreijahrestief bewegten, fiel das aktuelle Ergebnis zuletzt um gut ein Viertel (25%!) höher aus.

Bleibt festzuhalten: Die Milchbauern werden gerade mal wieder gründlich abgezockt! In erster Linie vom Lebensmitteleinzelhandel, der nicht - wie immer wieder behauptet - die Preisanpassungen im Einkauf an die Verbraucher weitergibt, sondern sich die eigenen Taschen vollstopft. Nicht viel besser handeln die Molkereien. Sie frieren die Auszahlungspreise ein, obwohl sich am Markt auf breiter Front höhere Erlöse erzielen lassen. Und dann kritisieren die Molkereien unter sich, dass einzelne Molkereiunternehmen immer wieder bisher vereinbarte Preise unterbieten, um sich Absatzmengen zu sichern. Das sei auch zur letzten Verhandlungsrunde der Fall gewesen. In die Röhre schauen mal wieder die Milcherzeuger! Aber sicherlich wird sich demnächst in Berlin wieder ein runder Tisch dieses Problems annehmen …

Quellen: u.a. agrarheute, ZMB, AMI, Süddeutsche Butter- und Käsebörse, BLE, Molkerei Industrie