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2015: Melken nach der Quote

Die Wageningen UR (University & Research Centre) hat diese Woche zu einem Dairy Symposium geladen. Diskutiert wurden Strategien zur Ausrichtung der Milchbranche nach dem Quotenende im März 2015.

Die Experten der niederländischen Rabobank sind bekannt für ihre detaillierten Analysen der Agrarmärkte und für die Ausarbeitung von Prognosen. Ruud Huirne (Direktor Food & Agri) erklärte den rund 200 anwesenden Zuhörern denn auch sogleich, wie sich die internationalen Milchmärkte entwickeln werden:

In Europa wird die Milchmenge bis zum Jahr 2020 um 10 Mio. Tonnen zulegen. Vor allem im Wales, Nordfrankreich (Bretagne & Normandie), Belgien, den Niederlanden, Nordwestdeutschland und Dänemark wird deutlich mehr Milch gemolken werden als bisher. Der Wegfall der Fessel Milchquote sowie die guten klimatischen Bedingungen (Futterbau) lassen hier die Milch sprudeln. In den genannten Regionen würden denn auch größere Investitionen seitens der verarbeitenden Industrie getätigt.

Jedoch würden auch nach dem Fall der Quote die Bäume nicht in den Himmel wachsen, warnte der Experte vor allzu großem Optimismus. Aufgrund der mangelnden Flächen- und Kapitalverfügbarkeit würden Milcherzeuger in Nordwesteuropa bald schon wieder an neue Grenzen stoßen. Hinzu komme, dass die deutlichen Preisschwankungen an den Milchmärkten so manchem Unternehmerisch veranlagten Milcherzeugern, die Lust an weiteren Wachstumsschritten verspüren werde, empfahl Huirne auszuwandern oder zumindest Sateliten in anderen Ländern zu installieren. Die weniger Risikofreudigen seien in den ostdeutschen Bundesländern gut aufgehoben; wer hingegen bereit sei ein höheres Risiko einzugehen und kein allzu großen Wert auf ein soziales Leben lege, der sollte sich in Asien oder Russland umschauen. Dort würden in den kommenden Jahren neue Milchregionen erschlossen. Die hohe Flächenverfügbarkeit und die hohe Bevölkerungsdichte würden die Errichtung großer Milchviehanlagen begünstigen.

Nichtsdestotrotz bleibt aber auch in Europa die Milcherzeugung konkurrenzfähig – immer vorausgesetzt, sie wird von Unternehmertypen betrieben, die über einen gut ausgearbeiteten Buisinessplan verfügen. Schönrechnen von Investitionen müsse in Zukunft unterbleiben. Dies sei leider bislang nicht immer der Fall gewesen, erklärte Huirne. Im vergangenen Jahr hätte die Bank einige Insolvenzen hinnehmen müssen, trotz der guten Milchpreise.

35.000 kg Milch von jedem Hektar

Gert van Duinkerken und Imke de Boer von der Universität Wageningen beschäftigten sich intensiv mit der Frage, wie viel Milch zusätzlich noch in den Niederlanden bzw. in Nordwesteuropa erzeugen lässt. In den Niederlanden wird über ein jährliches Wachstum von 4 % diskutiert. Das würde bedeuten, dass bis zum Jahr 2020 rund 20 % mehr Milch den Molkereien angedient werden würde, so van Duinkerken. Dies sei durchaus realistisch, sofern es gelingt, den Futterbau weiter zu intensivieren, so der Wissenschaftler. Aktuell werden pro Hektar Grünland in den Niederlanden ca. 14.000 kg Milch erzeugt, künftig könnte es doppelt so viel sein. Schon heute melken Spitzenbetriebe 35.000 kg von einem Hektar Grasland. Ähnlich stellt sich die Situation bei Mais dar. Allerdings sei es noch ein längerer Weg bis flächendeckend eine maximale Ausbeute des Raufutters (Umwandlung in Milch) realisiert werden könne, erklärte van Duinkerken. Dazu müssten neue Planzen (Gräser) gezüchtet werden, die eine 365 Tage Nutzung erlauben. Auch müsse das Precision Farming noch weiterentwickelt werden.

Ob und wie sich diese Forderungen mit dem Weidegang der Kühe verbinden lassen, darüber wird noch kontrovers diskutiert. In den Niederlanden werden derzeit etwas 75 % der Kühe ausgetrieben, Tendenz rückläufig. Vor allem Milchfarmer mit größeren Herden lassen ihre Kühe verstärkt im Stall, obwohl sich die Vertreter der Milchbranche einig sind, dass niederländische Kühe ins Freie gehören. Dem will künftig auch der Molkereikonzern FrieslandCampina Rechnung tragen indem die Höhe des Auszahlungspreises an den Weidegang gekoppelt wird.

Etwas zurückhaltender beurteile Imke de Boer die Chancen für die Milcherzeuger nach dem Quotenende. Die Wissenschaftlerin prophezeite, dass aufgrund der hohen Umweltauflagen es ein „weiter so“ in der Produktion nicht geben werde. Sie empfahl den Milcherzeuger den Import von Futtermitteln drastisch einzuschränken und verstärkt regenerative Energien einzusetzen. Zudem müsse die absolute und die Lebensleistung der Kühe deutlich erhöht werden, da nur so verhindert werden könne, dass der Tierbestand weiter wächst. So würden weniger Treibhausgase produziert und der Gülleanfall wäre geringer

Familienberiebe mit mehreren tausend Kühen

Eine Blaupause, wie die Welt der Milchproduktion in einer Milchquoten freien Welt aussehen könnte, präsentierte der US-Berater Greg Bethard. Für ihn ist der Trend eindeutig: Milch wird künftig in größeren Einheiten – nicht selten in Farmen mit mehreren tausend Kühen – produziert. Allerdings seien die in aller Regel Familien geführte Unternehmen. Diese Entwicklung sei in den USA bereits in vollem Gang, dort würde bereits 50 % der Milch von Milchfarmen mit mehr als 1.000 Kühen gemolken. Für diese größeren Einheiten spricht laut Bethard die höhere Leistungsfähigkeit (Arbeitsproduktivität) die geringeren Produktionskosten und nicht zuletzt auch die besseren Haltungsbedingungen der Kühe. Letztgenannter Punkt müsse viel stärker als bisher kommuniziert werden, empfahl der Berater. Die proaktive Öffentlichkeitsarbeit gehöre künftig ebenso zum Job eines jeden Milcherzeugers. Wo die Milch künftig gemolken werde, das sei letztlich von unterschiedlichen Faktoren abhängig. „Wenn es irgendwo in der Welt einen Standort gibt, an dem die Infrastruktur passt, dann wird dort auch gemolken.“

Dairy Dreams: Hier ist der Name Programm! 3.200 Milchkühe werden auf diesem Familienbetrieb gemolken - ist das künftig Standard?