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Russland: Ausmaß der Einfuhrsperre noch schlecht abschätzbar

Wie sich das von Russland angekündigte Embargo für Lebensmittel aus der Europäischen Union und den USA auf die Milchbranche auswirken wird, ist bisher nur schwer einzuschätzen. Die Auswirkungen dürften aber eher moderat ausfallen.

Wie genau sich das von Russland verhängte Einfuhrverbot von Lebensmitteln auf die deutsche Milchwirtschaft auswirken wird, ist derzeit noch unmöglich zu sagen. Eine exakte Liste der Russen über die Erzeugnisse deren Einfuhr beschränkt werden soll, wird heute im Laufe des Tages erwartet. Bisher werden die Auswirkungen jedoch als eher begrenzt eingeschätzt, da bereits seit dem letzten Jahr Exportrestriktionen für bestimmte Milcherzeugnisse galten.  

Bereits seit 2013 deutliche Einfuhrbeschränkungen für Milchprodukte

Den Auswertungen des Statistischen Bundesamtes zufolge wurden aus Deutschland in 2013 Milchprodukte wie Trinkmilch, Sahne, Buttermilch sowie Butter im Wert von rund 24 Mio. € nach Russland exportiert.

Russland importierte im vergangenen Jahr  5.005 Mio. Tonnen Milchprodukte, damit war "Putins Reich" die zweitgrößte Import-Nation nach China (12.563 Mio. Tonnen). Allein im ersten Quartal 2014 hat Russland deutlich größere Mengen an Molkereiprodukten aus dem Ausland bezogen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Fachinformationsdienst DairyNews.ru wies ergänzend zu den amtlichen Zahlen darauf hin, dass die Aufwendungen für die Importe an Molkereiprodukten um bis zu 80 % gestiegen seien. Marktexperten führen die höheren Einfuhrmengen auf das wachsende Angebotsdefizit an landeseigener Rohmilch und die mangelnde Wettbewerbskraft der Branche zurück.

Das Moskauer Büro des US-Landwirtschaftsministeriums USDA sieht Russland derzeit nicht in der Lage, die Milchproduktion des Landes zu stabilisieren. Die Marktexperten schätzen, dass das Milchaufkommen des Landes auf das Niveau von 1988 zurückfallen wird (Ende der Sowjetunion). Die offizielle jährliche Schätzung, die ursprünglich von einer Erzeugung von 31,4 Mio. Tonnen Milch ausging, ist jetzt auf 30,5 Mio. revidiert worden. Das käme, im Vergleich zum Vorjahr, eine Minderproduktion von 1,16 Millionen Tonnen gleich. Kurz vor dem Zerfall des kommunistischen Sowjetregimes wurden in der Region in Spitzenzeiten noch 54,5 Millionen Tonnen Milch jährlich gemolken. Aktuell werden rund 48% der russischen Milch in "privaten Haushalten" produziert.

Das Importverbot könnte in Russland zu Lebensmittelengpässen führen. Besonders große Städte wie Moskau sind auf Agrarimporte angewiesen. Dort haben ausländische Lebensmittel einen Marktanteil von 60 bis 70 Prozent. Meldungen der russischen Medien, wonach 90 bis 95 % der genannten Milchprodukte aus der eigenen, inländischen Produktion stammten, Russland kaum von den bisherigen Importen abhängig sei, stufen Marktexperten denn auch eher als Ablenkungsmanöver und Beruhigungspillen für die heimische Bevölkerung ein.

Käse muss schon länger draußen bleiben

Die Sanktionen werden aller Voraussicht nach eher das höherklassige Segment der Milchprodukte treffen: Die europäischen Käsesorten. Deutschland führte im vergangenen Jahr Käse im Wert von insgesamt 141 Mio. € nach Russland aus, der Wert der insgesamt aus allen EU-Ländern gelieferten Käsemenge wird mit 960 Mio. € beziffert.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) weist im Zusammenhang mit dem Embargo daraufhin, dass die russische Regierung bereits seit dem Herbst/Winter 2013 Einfuhrsperren für Käse aus Deutschland verhängt hatte. Begründet wurde dieses Vorgehen mit Bedenken in der Lebensmittelsicherheit der Produkte. Dabei seien jedoch bereits Tendenzen zu einer Marktabschottung erkennbar gewesen.

Wurden im ersten Halbjahres 2013  noch 19.000 t Käse nach Russland exportiert, ist  im gleichen Zeitraum diesen Jahres  die Ausfuhrmenge bereits auf 9.000 t gefallen. Nach Einschätzungen des DBVs werden die zusätzlichen negativen Auswirkungen der angekündigten neuen Sanktionen daher ehr begrenzt für die deutsche Milchwirtschaft ausfallen.

Abwarten statt Spekulieren

Auch in den Niederlanden werden die Auswirkungen der Sanktionen auf die Milchwirtschaft als eher gering eingeschätzt. Sprecher der Branchenorganisation  NZO und des Molkereikonzerns FrieslandCampina beobachten die Entwicklungen aufmerksam, wagen aber noch keine Prognosen.
Die Summe der von den Niederlanden ausgeführten Milchprodukte nach Russland ist relativ begrenzt, auch wenn Russland, wie für Deutschland, der größte Abnehmer in den Drittländern ist. In 2013 exportierten die Niederländer insgesamt Milchprodukte im Wert von 6,7 Mrd. €, mehr als zwei Drittel (4,5 Mrd.) davon wurden innerhalb der EU abgegeben, 2,2 Mrd. sind in die Drittländer gegangen. Dort ist Russland mit einem Anteil von 12 % (264 Mio.) der größte Abnehmer. Vom gesamten Milchexport von 6,7 Mrd. waren das nur knapp 4 %.

Ausmaß der Umlenkung der Export-Warenströme sehr ungewiss

Die Marktexperten der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) sehen die größten Risiken in einer massiven Umlenkung der Warenströme. Da alle Exportnationen in  der Europäischen Union sowie die USA  von dem russischen Embargo betroffen sind, werden nach Ansicht der Milchmarktexperten  jetzt alle Länder gleichzeitig versuchen, mit Volldampf die noch freien Exportkanäle für sich zu sichern.

(Quelle: DBV, AMI, Melkvee)