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„Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten“

Milcherzeuger diskutieren auf den DLG-Unternehmertageb in Oldenburg über Wege aus der aktuellen Notlage. Heftiger Kritilk sahen sich dabei die Molkereigenossenschaften ausgesetzt.

Niedersachsens Agrar-Minister, der eigentlich kein Freund der modernen Landwirtschaft ist, zumindest nicht der Art wie sie die DLG anstrebt, ließ es sich nicht nehmen, ein Grußwort an die rund 450 Teilnehmer beim Unternehmertag der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in den Oldenburger Weser-Ems-Hallen zu richten.

Aus Sicht von Meyer liegt derzeit das eigentliche Problem im Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage. Es sei zu viel Milch auf dem Markt und der Angebotsdruck sei zu hoch. „Wir müssen Angebot und Nachfrage in Einklang bringen, dann wird es auch wieder zu vernünftigen Preisen kommen“, zeigte sich der Minister überzeugt. Meyer bekräftigte, dass er die von ihm geforderte Agrarwende für den richtigen Weg halte, um die landwirtschaftlichen Betriebe zu stabilisieren und die Zukunft zu sichern. „Agrarwende heißt, drängende Probleme in der Landwirtschaft gemeinsam mit den Bauern zu lösen und auf eine zukunftsfeste Landwirtschaft zu setzen“, so der Minister. Agrarwende bedeute nicht, Bauern immer mehr Lasten aufzubürden und sie am Gängelband zu halten. „Wir wollen die Tierhaltung nicht verbieten, sondern weiterentwickeln“, betonte er.

Strikte Kostendisziplin

DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer sprach sich für unternehmerische Lösungen in der zurzeit angespannten Situation aus. „Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten“, sagte er. „Ein Unternehmer ruft nicht nach besseren Preisen, sondern fragt nach den Ursachen und arbeitet an seiner Wettbewerbsfähigkeit.“

Der DLG-Präsident mahnte unter anderem „strikte Kostendisziplin“ an. Es könnten immer noch Ressourcen identifiziert und Potenziale gehoben werden, sagte er. Zugleich sprach er sich für die Etablierung von Marken aus. „Daran krankt zurzeit die Milch!“

Staatliche Unterstützung forderte Bartmer vor allem in Hinblick auf faire Marktzugänge und den Abbau von Handelshemmnissen. Markthilfen seien dagegen nur „ein Tropfen auf dem glühenden Stein“. Vorstellungen von staatlich honorierten kleinen Ställen und idealisierten, regionalen Produktionssystemen sind seiner Meinung nach so lange Psychologie, wie dahinter keine ausreichend kaufkräftige Nachfrage steht.

Gutes Herdenmanagement als Basis für effiziente Milcherzeugung

Judith Siebers
 Judith Siebers, Milchviehhalterin in Kleve-Rindern (Niederrhein), zeigte ihre Ansätze im Herdenmanagement als Basis für effiziente Milcherzeugung auf. Bei ihr steht die kontinuierliche Analyse von Fütterung und Arbeitserledigung im Fokus, um möglichst hohe Leistungen aus dem Grundfutter zu erreichen und Kosten bei der Arbeitserledigung einzusparen. „Schaffen Sie sich Freiräume für ein verbessertes Management.“ So könne man zum Beispiel über eine bessere Brunstkontrolle die Besamungskosten und die Remontierungskosten kurzfristig senken. Nachdenken müsse man in Krisenzeiten an aber auch über unkonventionelle Lösungen, wie beispielsweise das Teilen von Spermaportionen.

Jetzt schon an die nächste Krise denken!

Bernd Lührmann
 Bernd Lührmann, Berater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, kritisierte dass während besserer Preisphasen nur unzureichende oder keine Liquiditätsreserven gebildet wurden. Doch alles jammern über fehlende Reserven hilft jetzt auch nicht weiter, es gilt den Blick nach vorne zu richten, denn die nächste Krise kommt bestimmt. Lührmann rät daher bereits jetzt den Umgang mit vorhandener Liquidität in einer zukünftigen Hochpreisphase zu durchdenken. Denn die effektivste Liquiditätssicherung beginne in Hochpreisphasen. Nur dann könnten Liquiditätsreserven angelegt werden, die den Betrieb erheblich stabilisieren und das Bankrating sehr positiv beeinflussen. Aber auch Sondertilgungen oder die vorzeitige Rückführung von Darlehen in Phasen sehr guter Liquidität könnten den zukünftigen Kapitaldienst senken und dadurch Tiefpreisphasen erleichtern.

Genossenschaftsmolkereien unter Beschuss

Richtig Stimmung kam am Nachmittag auf im Arbeitskreis „Milch produzieren im Preistief: Reserven mobilisieren, Potenziale heben“

Hans Eggert Rohwer
 Hans Eggert Rohwer, Milcherzeuger aus Schleswig-Holstein, ist sich sicher, dass Milch in den kommenden Jahren knapp werden wird. Zu viele Milcherzeuger seien keine Unternehmer kritisierte er den eigenen Berufsstand. Viele Betriebsleiter würden gerne die Probleme (im Stall und in der Betriebsführung) verdrängen bzw. würden zu schnell wachsen. Rohwer muss es wissen, immerhin hat seine Familie den Kuhbestand in den letzten Jahren deutlich aufgestockt. Aktuell werden auf der Hofstelle in Neuhörn 3,6 Mio. kg Milch jährlich gemolken. Den minimalen Milchpreis, den die Familie benötigt um langfristig über die Runden zu kommen, beziffert der Unternehmer auf 28 ct/kg (Vollkosten liegen bei 32 ct/kg). Getreu seinem Motto konsolidieren satt wachsen, ist Rohwer bestrebt das Maximum aus dem Milchkuhbetrieb zu melken. So liegt die mittlere Milchmenge pro Arbeitskraft umgerechnet bei 600.000 kg, der Tierbesatz bei 3,0 GV/ha (6.000 m3 Gülle werden abgeben). Das Ziel des unternehmerischen Handelns müsse auf dem Vermögenserhalt liegen, fordert Rohwer. Wenn absehbar ist, dass Vermögen abzuschmelzen droht, müsse die Milchproduktion eingestellt werden, rät er seinen Berufskollegen.

Aber nicht nur das eigene Unternehmen gelte es auf Vordermann zu bringen, auch die Vermarktungspartner sollten endlich mal ihre Hausaufgaben erledigen, forderte der impulsive Norddeutsche. Heftige Kritik übte der an den Molkereigenossenschaften. Das seien oftmals Erbhöfe („die Geschäftsführung wird von Generation zu Generation weiter gegeben“), Veränderungen seien kaum möglich, kritisierte Rohwer. Milcherzeugern sollte ein (kurzfristiger) Wechsel des Vermarktungspartners ermöglicht werden. „Hätte ich die letzten Jahre zur Arla liefern können, hätte ich jetzt 200.000 € mehr auf dem Konto“, ärgert sich Rohwer. Eine zweijährige Kündigungsfrist bei seiner Molkereigenossenschaft habe dies nicht zugelassen.

GVO-freie Milch

 Auch Matthias Tauber aus Hiltpoltstein in Bayern ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Noch 2008 hielt er 25 Milchkühe im Nebenerwerb. Zum großen Sprung, den mir die Beratung damals nahe gelegt hat, habe ich zum Glück nicht angesetzt“, resümiert Tauber heute. Er habe nach der ersten Milchkrise in 2009 kapiert, dass er die versteckten Potenziale im Betrieb heben müsse. Damals habe er begonnen, sich intensiv mit dem Grünland auseinander zu setzen. Das zahle sich mittlerweile aus. Zudem habe er sich um eine „vernünftige“ Molkerei gekümmert. Seine Milch liefert der Oberfranke an die Naabtaler Molkerei, die schon sehr frühzeitig auf GVO-frei Milch gesetzt habe. Dadurch habe er nicht nur einen Zuschlag von einem Cent erhalten, auch sei sichergestellt, dass eine ordentliche Verwertung seiner Milch selbst in Krisenzeiten gegeben sei. Zusätzliche Erlöse erzielt Tauber durch die gezielte Teilnahme an Agrarumweltprogrammen (u.a. Leguminosenanbau).

Kritisch setzte sich Tauber auch mit den Molkereigenossenschaften auseinander. Dass Privatmolkereien wie z.B. Müller so gut dastehen, liegt nur an den schwachen Genossenschaften.“ Kein privates Molkereiunternehmen müsse richtig tief in die Tasche greifen, da die Genossenschaften ja so schlecht auszahlen würden.

Milcherzeuger sind selbst Schuld

Nach diesen Steilvorlagen wurde in der sich anschließenden Diskussion heftig auf die Genossenschaftsmolkereien eingedroschen. Mangelnde Wertschöpfung infolge Innovationsverweigerung wurde ihnen ebenso vorgeworfen wie Angst vor Veränderungen. Allerdings, so Berater Lührmann, müssen sich die Milcherzeuger zumindest fragen lassen, warum sie als Eigentümer der Genossenschaften deren Kurs so lange schweigend tolerieren? Erst kürzlich wären beim DMK alle Anträge, die zu tiefergreifenden Veränderungen hätten führen können, von den Vertretern abgelehnt worden.

Letztlich meldeten sich dann doch noch einige Befürworter des Genossenschaftsprinzips zu Wort, die darauf verwiesen, dass es auch innovative Genossenschaftsmolkereien am Markt gebe, die „vernünftig“ auszahlen würden. An den Marktverhältnissen müsse sich aber letztlich nunmal jede Molkerei orientieren.

Bleibt festzuhalten: Sowohl unter den Milcherzeugern als auch bei den Molkereien finden sich Unternehmer, die sich der Herausforderung der freien Märkte stellen und damit klar kommen – unabhängig von der Größe! Das sind aber bei weitem nicht alle!