Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

German Dairy Show 2019

Patchwork ist nicht einfach

Vier Tage mit beeindruckenden Kühen, interessanten Menschen und extremer Hitze – das war, kurz zusammengefasst – die 1. German Dairy Show! Ein kritischer Rückblick.

Oldenburg war für Liebhaber schöner Holsteinkühe schon immer eine Reise wert. In diesem Jahr sollten sich auf dem nationalen Event erstmals auch schöne Kühe anderer Farben präsentieren. Größer, bunter, moderner und mehr als nur Holsteinkühe, so das neue Konzept der German Dairy Show. Und das ging auf - zumindest in Teilen. Rund 240 Schaukühe sechs verschiedener Milchrassen haben in den Stallungen ein beeindruckendes Bild abgegeben. Auch im großen Ring haben tolle Kühe im Einklang mit Licht- und Musikeffekten für gute Stimmung gesorgt. Lediglich die anhaltende Hitze hat das Gemüt von Mensch und Tier zu Teilen gedrückt. Ventilatoren auf Hochtouren und regelmäßige Duschen haben den Aufenthalt jedoch ein Stück weit erträglich gemacht.

Alles anders?

Rückblickend war es doch ein bisschen wie immer. Wieder war es ein großes Familientreffen (insbesondere der Holsteinzüchter). Die Hinzunahme von vier weiteren Rassen hat das Event sicherlich aufgewertet, aber dennoch drängt sich der Eindruck einer 2-Klassen-Gesellschaft auf. So wurden alle „bunten“ Kühe innerhalb von nur knapp zwei Stunden „durchgenommen“, zudem wurden ausschließlich Nachzuchten von Holsteinbullen präsentiert. Das HF-lastige Konzept spiegelte sich auch bei der Wahl des Supreme Champions, also der Siegerkuh im Rassenvergleich, wieder. Ganz ohne Zweifel hat Loh Tj Alessja den Titel verdient, sie ist eine beeindruckende Holsteinkuh und hätte zu diesem Zeitpunkt nicht besser aussehen können. Milchtyp, super Euter und schwarzbunt - sie hat das Bild der alten DHV-Schau perfekt repräsentiert und wurde schließlich mit drei Titeln gewürdigt. Hätte an dieser Stelle auch eine andere Kuh die Chance auf den Titel gehabt - als Zeichen des Neuaufbruchs?

Im Vorfeld wurde viel mit der Lebensleistung als Auswahl-Kriterium (für nachhaltige Zuchtarbeit) geworben. Leider ist man hier ein wenig "auf halber Strecke liegen geblieben." Denn was bei der Einteilung der älteren Kühe in Lebensleistungsklassen herum kam, war nicht unbedingt zufriedenstellend. Insgesamt gab es bei den Holsteinkühen nur drei Klassen alter Kühe. Hier bestand also nicht viel Spielraum, die Kühe großartig anhand ihrer Leistung einzuteilen. Auch die Prämierungen zeigen, dass jung und schön anscheinend immer noch am meisten zählen. Vermutlich haben viele Milcherzeuger gute alte Kühe im Stall. Aber das Image der typischen Schaukuh ist so fest eingebrannt, dass sich kaum einer traut, mit einer nur „mittelschönen“, aber hochleistenden alten Kuh nach Oldenburg aufzubrechen.

Etwas fragwürdig war zudem die Überwachung der Vorgaben, wie die Kühe präsentiert werden dürfen. Das ist aber auch auf anderen Schauen häufig ein schwieriges Thema. Wie auch auf anderen Schauen wurde in Oldenburg die Euterfülle stark diskutiert. Dass zu viel Euterdruck tierschutzrelevant ist und kritisch kontrolliert werden muss, ist unumstritten. Insgesamt war die Euterfülle zu vertreten. Das zeigt, dass dieses Bewusstsein bei den Züchtern angekommen ist und keiner mehr an die Grenzen gehen möchte. Zu Unsicherheit und Unverständnis führte aber, wie die Euterfülle beurteilt wurde. Anhand von Abtasten und Gangbeurteilung haben Veranstalter und Tierärzte die Euterfülle kontrolliert. Hätte ein Euter mehr wie ein Fremdkörper gewirkt oder wären bereits Schwellungen deutlich, hätte die Kuh ausgemolken werden müssen oder wurde ganz disqualifiziert. Um schon frühzeitig auf zu volle Euter hinzuweisen, haben Schau-Beauftragte die Kühe zudem bereits in den Stallungen kontrolliert. Diese Kontrollmethoden sind wichtig, aber auch sehr subjektiv und aufgrund gewaltiger Tierunterschiede schwierig zu vergleichen. Die Methode des Ödem-Messens mittels Ultraschallgerät wird zwar teilweise auch kritisiert, erscheint aber doch objektiver. Vielleicht hätte man auf dieses Hilfsmittel setzen sollen, zumal es sich bereits auf anderen nationalen und internationalen Schauen bewährt hat.

Auch das Thema „Rippen scheren“ hat für viel Diskussion gesorgt. Entsprechend der Schau-Richtlinien war ein extremes Nachscheren der Rippen (um die Rippenstruktur und den Milchtyp besonders zum Vorschein zu bringen) untersagt. Um die Sinnhaftigkeit dieses Verbotes lässt sich streiten, Tierwohl ist an dieser Stelle jedenfalls kein Argument. Entgegen der Regeln wurden die Rippen dennoch bei vielen Tieren nachgeschoren. Die Beurteilung, ab wann aber die Grenze überschritten ist, erschien sehr subjektiv und undurchsichtig. Disqualifiziert wurden schließlich zwei Tiere.

Wie geht es weiter?

Die Schau erinnerte ein bisschen an das erste Zusammentreffen einer Patchwork-Familie. Da funktioniert in den seltensten Fällen vom ersten Tag an alles wie geplant. Wenn nicht alle Seiten Kompromisse eingehen, wird man sich nicht zusammenraufen. Das bedeutet auch, dass viele Gewohnheiten und Rituale über Bord geworfen werden müssen. Nur so kann Neues, in diesem Fall z.B. Vielfalt, entstehen. In Oldenburg hat vieles schon harmoniert. Doch um die gesamte Schau als Event Milcherzeugern schmackhaft zu machen, neben den Top-Züchtern auch „normale“ Melker anzusprechen, muss weiter intensiv am Konzept gearbeitet werden. Die Präsentation lebensleistungsstarker Kühe aller Rassen muss wesentlich stärker in den Vordergrund gerückt werden. Um die German Dairy Show als gesamte Nationalschau aller Milchrassen zu etablieren, müssten sich in Zukunft auch Jungzüchter und Nachzuchten der bunten Rassen präsentieren dürfen. Auch der neue Management-Award (eine tolle Idee) muss noch transparenter werden. Unklar ist bislang, welche Auswahl-Kriterien hier genau verlangt werden. Vielleicht lässt sich so das Interesse und die Akzeptanz unter den Milcherzeugern wecken, die bisher keinen Wert auf einen Besuch typischer Schauen gelegt haben.

Werden mehr alte Kühe gezeigt und damit mehr Milcherzeuger angesprochen, kann das letztlich auch dazu beitragen, sich einer breiteren Öffentlichkeit in einem neuen Gewand zu präsentieren und bekannte Vorurteile zu wiederlegen. "Seht her, wir züchten keine Wegwerf-Kühe oder Milchmaschinen." Im Gegenteil, hier werden auch ältere Kühe gebührend geehrt. Es gibt nicht nur die schwarzbunte Holsteinkuh, auch mit anderen Rassen kann erfolgreich Milch produziert werden. Vielseitigkeit zählt! Bleibt zu hoffen, dass der BRS das Schau-Format weiterentwickelt und wir auch in 2021 wieder gerne nach Oldenburg fahren!