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USA

Kälber bis zum Horizont

Jay Hall zieht in Wisconsin bis zu 30.000 Kälber pro Jahr für andere Milchkuhbetriebe auf. Auch, wenn in den USA häufig andere Regeln gelten: von Dokumentation und Management können auch deutsche Betriebe etwas lernen!

„1995 habe ich mit 13 Hütten in meinem Garten angefangen“, erzählt Betriebsleiter Jay Hall, „heute ziehen wir für Betriebe mit Herdengrößen von 40 bis 7.000 Kühen auf.“ Sieben Betriebe lassen ihre Kälber bis zum Ende der Tränkephase, 23 Betriebe bis zum fünften Lebensmonat in Jay Hall’s Obhut. Danach gehen die Tiere auf einen weiteren Aufzuchtbetrieb in einem anderen Bundesstaat. Im Schnitt stehen an jedem Tag im Jahr 8.500 Kälber auf dem Betrieb, davon 4.500 an Milch. 60 Personen (48 Vollzeit, 12 Teilzeit) kümmern sich um die Tiere.

In Hütten bis zum 60. Tag

Die ersten 60 Tage ihres Lebens verbringen die Kälber in Einzeliglus. Lässt man den Blick schweifen, werden die Dimensionen dieses Aufzuchtbetriebs sichtbar. Über den gesamten Hügel ziehen sich Seite an Seite hunderte Kälberiglus. 5.200 Hütten besitzt der Betrieb insgesamt. Doch wer glaubt, Einzeltiere könnten dort nur verloren gehen, irrt: Jeder Betrieb erhält am Ende seine eigenen Tiere wieder zurück – und zwar mit vollständiger Dokumentation aller Gewichte, Behandlungen und täglichen Zunahmen! Möglich macht das ein RFID-Chip, den die Kälber nach der Ankunft auf dem Betrieb erhalten.

Halls Team sammelt die 12 bis 24 Stunden alten Kälber auf den Herkunftsbetrieben ein, wo sie bereits Kolostrum bekommen haben. In den ersten drei Tagen werden sie in einem Warmstall mit der Hand gefüttert (2x 2l pro Tag). Eine Blutprobe jeden Tag zur gleichen Zeit gibt Aufschluss darüber, ob mit der Kolostrumversorgung alles geklappt hat (Schnelltest im Labor). Zusätzlich wird der BVD-Status in einem Labor bestimmt.

Pasteurisierte Milch von Partnerbetrieben

Am dritten Lebenstag ziehen die Kälber in die Iglus um. Dort erhalten sie 2x3 l pasteurisierte Vollmilch pro Tag und einen Kälberstarter mit 18% XP. Zwei Drittel der vertränkten Milch besteht aus nicht-verkaufsfähiger Milch von einigen Partnerbetrieben. Sie wird gefiltert und pasteurisiert und dann mit Milchaustauscher verschnitten. Der Tränkeplan sieht aus wie folgt:

  • 2x3 l bis zum Alter von 6 Wochen
  • 1x3 l in der 7. Woche
  • 95% abgetränkt bis 7 Wochen nach der Geburt (Rest + 1 Woche)

Für die Fütterung der Kälber benötigen die Mitarbeiter rund zwei Stunden. Ein übergroßes „Kälbertaxi“ bringt die Milch zu den Kälbern.

Jedes Kalb hat einen eigenen Eimer, in den nach der Milch bei weiteren Fahrten auch Wasser eingefüllt wird. Mit diesem Tränkeregime erreichen die Kälber nach Halls Angaben tägliche Zunahmen 900 bis 1.100 Gramm pro Tag. „Die Kälber könnten mit mehr Milch sogar noch etwas mehr wachsen, aber ich muss auch Geld verdienen“, stellt Jay Hall klar.

Enthornt wird bis zu einem Alter von drei Wochen, die Tiere werden sediert und bekommen Schmerzmittel oder sind gleich genetisch hornlos. Bullenkälber werden dreimal pro Woche verkauft.

Die neunte und 10. Lebenswoche verbringen die Kälber noch in den Iglus, dann ziehen sie zu zehnt in eine Gruppenbox in einem Offenstall. 21 Ställe stehen für die abgesetzten Kälber zur Verfügung. Drei Ställe verfügen zusätzlich über ein Fressgitter, um die Tiere bei Bedarf auf den Heimatbetrieben daran zu gewöhnen. Ab der achten Woche erhalten die Kälber 75% Starter sowie 25% TMR, die sie nachher auch im Stall fressen werden.

Nach jedem Durchgang im Iglu wird der Mist abgeschoben und der Stellplatz mit Pulver desinfiziert. „Eine natürliche Tonschicht im Boden verhindert den Übertritt von kontaminiertem Wasser ins Grundwasser. Die Umweltbehörde hat die Haltung so genehmigt“, sagt Jay Hall. Gewaschen werden die Hütten hier nicht, nur eine Woche leer stehen gelassen (kein Problem mit Kryptosporidien). Das spart vier bis fünf Arbeitskräfte ein. Die Ställe werden zweimal pro Woche eingestreut, die Futtertröge täglich von Hand gereinigt. Der Futterrest beträgt dort etwa 10%.

Vorsorge ist elementar

Kommen so viele Kälber von unterschiedlichsten Betrieben zusammen, spielt die Gesundheitsvorsorge eine besondere Rolle: Direkt nach der Ankunft und weitere drei Mal werden die Kälber mit verschiedenen Mitteln gegen BVD, IBR, Weidekeratitis oder Rindergrippe geimpft, sie erhalten drei Mal einen Bolus gegen E.Coli. Bei Ankunft und bei jedem Stallwechsel werden die Kälber gewogen (die Waage ist mit einem RFID-Lesegerät ausgestattet, sodass das Gewicht automatisch zugeordnet wird). Im oft harten Winter von Wisconsin bekommen die Kälber Decken. Rund 4.000 Decken besitzt der Betrieb. „Immerhin kann man da Größenvorteile nutzen“, lacht Jay Hall, „für mich kosten die Decken 35 statt 50 Dollar.“ Eine Decke hält etwa fünf Jahre.

Durch dieses Management schafft das Team unter 2% Verluste. „Die Betriebe erhalten kein Geld zurück, wenn die Gesamtverluste unter 5% liegen“, erklärt Jay Hall sein Modell. Stirbt ein Kalb, gebe er meist aber 50% des Geldes aus Kulanz zurück.
Während der Tränkephase kostet die Aufzucht pro Tier 3,20 €/Tag (inklusive Abholung und Auslieferung in 50 Meilen Entfernung, Tests, Impfungen, ...), nach dem Absetzen 2,35 €/Tag.

Zusammenarbeit als Kern

„Ich habe allein und ganz klein angefangen. Doch ich habe mich mit guten Leuten umgeben – gute Leute geben wertvolle Tipps!“, erklärt Hall. Um erfolgreich zu sein, sieht Jay Hall vor allem drei Punkte als wichtig an:

  1. Kommunikation mit Mitarbeitern und Kunden: Klar sagen, was man erwartet, klar über Bedingungen sprechen, Probleme, z.B. mit kranken Kälbern, offen und deutlich aussprechen!
  2. Sauberkeit: den Betrieb hygienisch und ordentlich halten, das erleichtert die Arbeit und sorgt für die richtige Außenwirkung
  3. Details beachten: Dinge durchdenken und optimieren, Sorgfalt auch und vor allem bei den Kleinigkeiten.

Jay Hall hat sich aus dem Nichts ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut und fungiert als wichtiger Partner für die Milchkuhbetriebe in seiner Region. Doch abgehoben ist er nicht: „Was hilft, ist ein bisschen Demut. Denke nie, du wüsstest alles!“

Fazit: Auch wenn Empfehlungen mittlerweile zu einer höheren Tränkemenge gehen und in den USA sicherlich auch Impfstoffe und andere Mittel erlaubt sind, die in Europa keine Zulassung haben, kann man eines lernen: Die systematische Planung der Tränkeperiode und die hervorragende Dokumentation!

Noch mehr Eindrücke und Details finden Sie in der Bildergalerie

Quelle: Teilnahme 45-kg-Tour Innovationsteam Brandes, Oktober 2017

Text und Bilder: Stöcker