Gemeinsames Strategiepapier für den Milchsektor steht

Beteiligte Vertreter der Milchwirtschaft stellen nächste Woche ihre Sektorstrategie 2030 für den deutschen Milchsektor vor. Karsten Schmal, der Projektleiter, spricht vorab im Interview über Ziele, Schwerpunkte und deren Finanzierung.

Vertreter der Milchwirtschaft* hatten im April 2019 angekündigt, bis Ende des Jahres die - bereits in 2018 von der Bundeslandwirtschaftsministerin geforderte - Sektorstrategie Milch zu erarbeiten. Das Ergebnis der Sektorstrategie 2030" soll kommende Woche im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorgestellt werden.
Karsten Schmal, Präsident des Verbandes der Deutschen Milchwirtschaft (VDM) und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), hat in einem Interview mit Agra-Europe einen ersten Überblick über die Inhalte des 36-seitigen Papiers zur Strategie gegeben. Schwerpunkte der Strategie sind eine einheitliche Branchenkommunikation, Milchlieferbeziehungen und Produktionsstandards für Milch.
* Deutscher Raiffeisenverband, Milchindustrieverbands, Deutscher Bauernverband, Bund Deutscher Milchviehhalter, Bundesverband Privatmolkereien, Interessensgemeinschaft Genossenschaftliche Milchwirtschaft (IGM)
In Kürze:
  • Das Strategiepapier sieht eine einheitliche Branchenkommunikation vor, die allseits über Bedingungen in der modernen Milchproduktion informiert und gleichzeitig schnell gegen manipulativ verbreitete Nachrichten (Fake-News) vorgeht. Eine funktionierende Kommunikationsstelle muss finanziert werden. Denkbar ist ein Modell, in dem über einen festgelegten Abgabenbetrag je Milchmenge die notwendigen finanziellen Mittel akquiriert werden.
  • Das Strategiepapier soll bestehende Optionen für Milchlieferbeziehungen aufzeigen, die eine bessere Verteilung des Preisrisikos zwischen Erzeugern und Verarbeitern gewähren. Diese gilt es dann in den Unternehmen zu diskutieren.
  • Das Strategiepapier beschäftigt sich mit der Standardsetzung für Milch, hier diskutieren die Beteiligten u.a. mit dem Lebensmitteleinzelhandel über QM-Milch 2020. Es müsse gewährleistet werden, dass Mehrleistungen in der Produktion auch entsprechend bezahlt werden.
  • Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) hat trotzt Beteiligung an der Ausarbeitung der Sektorstrategie das Papier nicht unterzeichnet. Die Erklärung über den Sachverhalt des Warum-nicht klingt bei Karsten Schmal (DBV) und dem BDM allerdings recht unterschiedlich. Siehe hier: "Sicht des BDM zur nicht unterzeichneten Sektorstrategie 2030"
  • Eine echtes Übereinkommen zu einer gemeinsamen" Sektorstrategie Milch scheint es also nicht geworden zu sein.

Interview: Sektorstrategie ist kein Papiertiger"

Hier finden Sie das vollständige Interview Karsten Schmal - Agra-Europe (AgE) im Wortlaut. Hilfe: Mit einem Klick auf die folgenden Verlinkungen gelangen Sie direkt zu den entsprechenden Passagen im Interview:

Die Beteiligten und Gründe

AgE: Wer hat an der Strategie mitgearbeitet?
Schmal: In den neun Arbeitsgruppen haben alle wesentlichen Akteure des Milchsektors mitgearbeitet. Das waren der Deutsche Raiffeisenverband, der Milchindustrieverband, der Deutsche Bauernverband, der Bund Deutscher Milchviehhalter, der Bundesverband Privatmolkereien und die Interessensgemeinschaft Genossenschaftliche Milchwirtschaft (IGM). Insgesamt waren rund 100 Personen an den rund 50 Sitzungen der Arbeitsgruppen beteiligt. Gesteuert wurde das Ganze von einem Lenkungsgremium mit zwölf Personen unter meinem Vorsitz.
AgE: Die Interessenunterschiede zwischen den Beteiligten liegen auf der Hand. Hatten Sie von Beginn an wenig Zutrauen in die Kompromissbereitschaft der Akteure, dass Sie sich mit dem ehemaligen Abteilungsleiter im Bundeslandwirtschaftsministerium, Dr. Theodor Seegers, einen Fachmann von außen als Moderator ins Boot geholt haben?
Schmal: Wenn man eine Branche zusammenführen will, wie das bei der Milch bisher noch nicht erfolgt ist, kann eine fachlich anerkannte Persönlichkeit wie Dr. Seegers eine große Hilfe sein. Er hat die Kompromissfindung ohne Zweifel erleichtert. Allein die Tatsache, dass Dr. Seegers bis zum Schluss an Bord geblieben ist, nachdem er zu Beginn deutlich gemacht hatte, für eine Schauveranstaltung und einen Papiertiger nicht zur Verfügung zu stehe, zeigt, dass wir tatsächlich etwas Substanzielles auf den Weg gebracht haben.
AgE: Alle Akteure im Milchsektor haben mitgearbeitet. Tragen auch alle das Ergebnis mit?
Schmal: Alle bis auf den BDM, der sich im letzten Moment aus dem vorliegenden Kompromiss verabschiedet hat. Das ist schade, aber im Moment nicht zu ändern. Nachdem seine Kernforderung nach zentralen Eingriffen in den Milchmarkt in Krisenzeiten nicht mehrheitsfähig war, hat der BDM sich nicht imstande gesehen, das Abschlusspapier zu unterzeichnen. Die Tür bleibt aber offen, wenn es nun an die Umsetzung der festgehaltenen Punkte geht.
AgE: Strategien im Agrarbereich haben derzeit Konjunktur. Warum braucht die Milchwirtschaft eine eigene Strategie?
Schmal: Angesichts der sich verändernden gesellschaftlichen Erwartungen an die Milcherzeugung, wachsenden Umwelt- und Tierwohlanforderungen, vielfältigen Vorstellungen der Marktpartner und den Herausforderungen in einem liberalisierten Markt bleibt nach meiner Überzeugung der Branche keine andere Wahl als zusammen zu rücken und gemeinsam einen Weg zu finden, um die nächsten zehn oder zwanzig Jahre gemeinsam zu meistern. Die allenthalben zu spürende Verunsicherung in der Landwirtschaft trifft auch die Milchbranche, und der müssen wir etwas entgegensetzen.

Schwerpunkte und die Finanzierung

AgE: Was sind die Schwerpunkte, an denen Sie vorrangig gearbeitet haben?
Schmal: Ein Bereich sind die Lieferbeziehungen zwischen Milchbauern und Molkereien. Wir sind uns einig, Milchpreise müssen zwischen den Vertragspartnern oder über die Börse oder über Festpreiskontrakte auch abgesichert werden können. Intensiv haben wir uns auch mit dem Thema „Standardsetzung“ beschäftigt. Hier stehen wir als Milchwirtschaft vor der Aufgabe, selbst aktiv tätig zu werden, wenn wir nicht wollen, dass andere Standards für uns setzen, sei es der Lebensmitteleinzelhandel oder seien es NGOs. Schließlich hat die Frage der Branchenkommunikation eine ganz wichtige Rolle gespielt.
AgE: Kommunikation ist derzeit in aller Munde, Defizite im Agrarbereich werden allenthalben beklagt. Worum geht es Ihnen?
Schmal: Aus unserer Sicht ist es in Zukunft unerlässlich, der Gesellschaft transparent, ehrlich, wissenschaftlich fundiert und sachlich zu erklären, warum Milch wie produziert und verarbeitet wird. Außerdem erscheint es notwendig, den hohen Gesundheitswert von Milchprodukten für die Ernährung zu erläutern.
AgE: Was wollen Sie tun?
Schmal: Wer eine wahrnehmbare und effektive Kommunikation aufbauen will, muss auch Geld in die Hand nehmen. Wir werden aus der Branche heraus Geld einsammeln, um mit diesem Geld professionell Kommunikation zu betreiben.
AgE: Hatten wir das nicht schon einmal?
Schmal: Die CMA ist Geschichte. Das mag man bedauern, aber es ist so. Wir benötigen einen neuen Ansatz. Denkbar ist ein Modell, in dem über einen festgelegten Abgabenbetrag je Milchmenge die notwendigen finanziellen Mittel aquiriert werden. Unser Ziel muss es sein, eine Struktur aufzubauen, die zweierlei leisten muss: Zum einen muss sie ein Dauerrauschen erzeugen, um die Branche kontinuierlich in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Zum anderen muss sie in der Lage sein, unmittelbar zu reagieren, wenn uns betreffende Fake News auftauchen oder Katastrophenmeldungen über Milch im Netz die Runde machen.
AgE: Wer soll das Geld aufbringen?
Schmal: Das Geld muss aus der Kette kommen. Wir werden nun ein Konzept ausarbeiten, das bei Molkereien und Milchbauern eine möglichst breite Zustimmung erfahren soll. Wir sind nach den Gesprächen der letzten Wochen und Monate überzeugt, dass sich ein Großteil der Unternehmen und damit der Milchmenge in Deutschland in diesem Konzept wiederfinden wird.
AgE: Warum soll es keine verpflichtende Umlage geben, um das Problem der Trittbrettfahrer zu umgehen?
Schmal: Das ginge nur, wenn man den Weg über einen anerkannten Branchenverband gehen würde. Ich könnte mir das vorstellen, andere sind zurückhaltend. Wenn es uns gelingt, auf freiwilliger Basis unser Ziel zu erreichen, ist das zweifellos die bessere Lösung. Ich bin zuversichtlich.
AgE: Wieviel Geld ist nötig für eine wirksame Branchenkommunikation?
Schmal: An der Beantwortung dieser Frage werden Kommunikationsexperten aus der Branche arbeiten. Es soll ein finanzieller Rahmen definiert werden, der notwendig ist, um national sichtbar zu werden. Wir brauchen belastbare Zahlen. Spekulieren bringt da nichts. Aber nochmal: Ich bin zuversichtlich, dass wir eine nationale Branchenkommunikation auf die Bahn bringen.
AgE: In zehn Jahren?
Schmal: Nein. Es geht darum, noch in diesem Jahr die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, so dass wir zügig loslegen können. Dazu gehört auch eine rechtssichere Grundlage. Das alles ist machbar, das haben unsere intensiven Gespräche auch unter Einbeziehung von Wissenschaftlern und externen Fachleuten gezeigt.

Zu den Milchlieferbeziehungen

AgE: Konkrete Ergebnisse in puncto Branchenkommunikation - gilt das auch für die Gestaltung der Milchlieferbeziehungen mit dem Ziel einer besseren Verteilung des Preisrisikos zwischen Erzeugern und Verarbeitern?
Schmal: Wir haben nicht den Stein des Weisen gefunden, also die eine Lösung für alle Fälle. Die kann es angesichts der unterschiedlichen Strukturen in Deutschland auch gar nicht geben. Wir sind uns aber einig, dass die Molkereien mit ihren Milcherzeugern gefordert sind, zu einer moderneren Gestaltung ihrer Lieferbeziehungen zu kommen. Dafür gibt es bekanntlich unterschiedliche Möglichkeiten, die im Einzelfall geprüft werden müssen. Eine Strategie kann keine Vorgaben machen, sondern lediglich die bestehenden Optionen aufzeigen, die es dann in den Unternehmen zu diskutieren gilt.
AgE: Eine dieser Optionen ist die Preisabsicherung über die Börse. Die Branche bemüht sich seit Jahren darum. Wie weit sind Sie?
Schmal: Es gibt einige große Molkereien, die gute Erfahrungen gemacht haben und zum Teil eine vielversprechende Probephase durchlaufen haben. Und das unter schwierigen Rahmenbedingungen eines zwar niedrigen, aber sehr stabilen Milchpreises im letzten Jahr. Ich bin überzeugt, dass wir 2020 weitere Fortschritte sowohl hinsichtlich der börslichen Absicherung als auch der Etablierung von Festpreismodellen machen werden. Es bewegt sich in die richtige Richtung.
AgE: Die Politik liebäugelt nach wie vor mit staatlichen Vorgaben für die Lieferbeziehungen. Mit dem Zaunpfahl Artikel 148 Gemeinsame Marktordnung winken nicht nur regelmäßig Landesminister, sondern auch die Bundeslandwirtschaftsministerin. Können Sie im Ergebnis der Sektorstrategie Frau Klöckner Entwarnung geben, so dass sie keine Veranlassung für solcherlei Aktivitäten mehr sieht?
Schmal: Die Sektorstrategie 2030 ist nach meiner Überzeugung in dieser Frage ein Schritt in die richtige Richtung. Wir sind noch nicht am Ziel, das räume ich ein. Es muss noch einiges abgearbeitet werden, aber es bewegt sich was. In einem Milchmarkt mit mehr als 100 Molkereien und 60.000 Milchbauern kann eine einheitliche staatliche Vorgabe immer nur die zweitbeste Lösung sein.
AgE: Die aber dann akut wird, wenn die favorisierten freiwilligen Lösungen nicht umgesetzt werden, so dass der Staat bei der nächsten Milchkrise wieder in die Pflicht genommen wird.
Schmal: Es wird in Zukunft Molkereien geben, die zu wenig Milchlieferanten haben. Eine Molkerei kann nur gewinnorientiert Milch verarbeiten, wenn sie ausgelastet ist. Das bedeutet aber auch, dass sie Milcherzeuger hat, die bereit sind, zu dem Preis, den sie zahlt, Milch zu erzeugen. Ist dies nicht gewährleistet, steigen die Betriebe spätestens im Generationswechsel aus. Ich beobachte das gerade in Mittelgebirgsregionen wie etwa meiner waldeckischen Heimat mit großer Sorge. Ich glaube, diese Gefahr hat die Branche erkannt. Das gilt auch für die notwendigen Schlussfolgerungen. Dazu gehören faire Lieferbeziehungen.
AgE: Strukturen ändern sich nicht nur in der Erzeugung, sondern auch in der Verarbeitung. Was sagt die Sektorstrategie?
Schmal: Wir haben auch die Molkereistrukturen diskutiert und festgestellt, dass in den letzten Jahren keine Megafusionen mehr angestrebt worden sind. Größe ist beileibe nicht alles. Es gibt regionale Molkereien, die in ihrem begrenzten Markt sehr erfolgreich unterwegs sind und kein Interesse an Größenwachstum haben. Daneben verfügen wir über Global Player wie Arla, FrieslandCampina und DMK, die inzwischen eine Größe erreicht haben, dass weitere Fusionen nicht mehr unbedingt erforderlich sind. Klar ist aber auch, dass wir bei der Wertschöpfung im europäischen Vergleich mit Molkereien zum Beispiel aus Dänemark, Niederlande, Frankreich oder Österreich hinterherhinken. Es wird bei den rund 160 Molkereien, die wir noch in Deutschland haben, weitere Änderungen geben, aber nicht mehr um jeden Preis. Keinesfalls wollen wir das über die Sektorstrategie forcieren.

Zum Standard für Milch

AgE: QM-Milch ist eine Antwort der Branche, um auf die Aktivitäten des Lebensmitteleinzelhandels für immer neue Produktionsstandards zu reagieren und selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Wie weit sind Sie?
Schmal: Der QM-Standard ist in der Milchproduktion breit etabliert. Circa 90 % nehmen bereits an diesem Qualitätssicherungssystem teil. Wenn eine Molkerei sich davon noch abheben will, um im Wettbewerb Vorteile zu haben, soll sie das tun, wenn sie ihren Erzeugern den zusätzlichen Aufwand honoriert. Wir versuchen aber auch, selbst bei der Standardsetzung aktiv zu werden und diskutieren mit dem Lebensmitteleinzelhandel über QM-Milch 2020. Wir sind zu vielem bereit, wenn Mehrleistungen entsprechend bezahlt werden. QM muss und wird sich weiterentwickeln, vielleicht auch schneller als in der Vergangenheit. Klar muss aber sein: Langfristig erfolgreiche Produktionsstandards werden auf Augenhöhe von allen Akteuren der Lebensmittelkette gemeinsam definiert und mit einem hohen Maß an Verbindlichkeit von allen Akteuren der Kette umgesetzt. Daran lassen wir in der Sektorstrategie keinen Zweifel.

Umsetzung - die Arbeit fängt an

AgE: Wie geht es mit der Sektorstrategie weiter?
Schmal: Der Prozess ist keineswegs abgeschlossen. Ganz im Gegenteil: In vielen Bereichen fängt die Arbeit nun erst richtig an. Mit der Strategie 2030 wird der Startschuss für einen fortlaufenden Prozess gegeben. Unser 36-seitiges Papier ist also eine Momentaufnahme. Zur konstruktiven Arbeit an der Umsetzung des Maßnahmenkataloges sind alle wesentlichen Akteure der deutschen Milchwirtschaft eingeladen. Darüber hinaus sollen die Strategie 2030 sowie die einzelnen Maßnahmen regelmäßig auf den Prüfstand gestellt und nachjustiert werden.
AgE: Wird die Umsetzung überprüft?
Schmal: Wir planen für Mitte des Jahrzehnts eine Art Halbzeitbewertung. Wir werden die Ziele überprüfen ebenso wie die Maßnahmen und bei Bedarf Änderungen vornehmen. Auch nach den zurückliegenden intensiven neun Monaten besteht keine Veranlassung, die Hände in den Schoß zu legen. Wir bleiben dran.
AgE: Hat die Sektorstrategie Milch Vorbildcharakter für andere Bereiche?
Schmal: Das Wichtigste ist: Fortschritte gibt es nur, wenn sich alle Beteiligten aufeinander zu bewegen. Das ist aus meiner Sicht die zentrale Botschaft, die sich auch auf andere Initiativen übertragen lässt.
AgE: Vielen Dank für das Gespräch.
Quelle: AgE


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