Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

Kälberaufzucht

Erst Powern, dann bremsen!

„Großhungern“ lohnt sich nicht. Lieber zu Beginn der Tränkeperiode Gas geben und für die richtigen Anlagen sorgen, damit später die Voraussetzungen stimmen. Praxistipps vom Fachforum Rind in Oldenburg!

„Wir sind unseren Kälbern einen optimalen Wachstumsverlauf schuldig – denn jede einzelne Kuh muss eine Hochleistungssportlerin werden, ein Mensch kann sich das aussuchen!“ Mit diesen markigen Worten stellt Dr. Ilka Steinhöfel klar, was sie von den Tierhaltern erwartet. Denn gerade kranke Kälber machen auch später viel Aufwand und benötigen Zeit, die man sich auch sparen könnte. Ein Haltungstag der Tränkekälber kostet etwa 3,40 Euro, während eine Durchfallerkrankung rund 100 bis 260 Euro verschlingen kann – das entspricht 30 bis 75 Haltungstagen! Damit ließe sich beinahe ein weiteres Tränkekalb aufziehen.

Die ersten acht Lebenswochen entscheiden über das ganze Leben

Gerade Probleme in den ersten Lebenstagen sorgen für Defizite in den Organen. So zeigten Versuche, dass sich durch eine hohe Nährstoffversorgung in den ersten acht Lebenswochen bis zu zwei Drittel mehr Eutergewebemasse bildet. Legen die Tiere später an Gewicht zu, dann im Verhältnis mehr Fett als Muskeln.

Kontrollieren lässt sich die Aufzucht durch den Wachstumsverlauf der Tiere: Regelmäßig wiegen oder messen ist darum Pflicht! Jede verfügbare Methode (Waage, Maßband oder Messstock) lässt sich leichter anwenden, wenn man sie mit einer Einzeltiererkennung kombiniert.

Wer Kennzahlen nicht einhält, muss im Stall kontrollieren, woran es liegt und auf die Funde reagieren. Wann sind Probleme wahrscheinlich?

  • Verlustrate >3%
  • Erkrankungsrate >35%
  • Körpermassezunahme in der Tränkephase <600g pro Tag
  • Körpermassezunahme ab dem 6. Monat >800g

Wie reagieren?

  1. Gesundheitsstatus der Kälber/Jungrinder absichern!
  2. Bedarfsabdeckung überprüfen und anpassen (+ / -)
  3. Technologische Verzögerungen aufspüren und abstellen

Mehr Infos gibt es hier: Download

Frisches Kolostrum ist immer die erste Wahl

Eine adäquate Kolostrumversorgung ist die mit Abstand wichtigste Maßnahme zur Gesundheitsvorsorge bei jungen Kälbern. Adäquat heißt:

  • Rechtzeitig: Kuh sofort melken, zwei Liter Kolostrum innerhalb der ersten Stunde vertränken! Im Stall herrscht eine hohe Keimbelastung, darum benötigt das Kalb den bestmöglichen Immunschutz. Innerhalb von 20 Minuten sollte das Kalb erstversorgt im Kälberiglu sein.
  • Ausreichend: mehr als 100g, besser 250 g Immunglobuline in den ersten sechs Stunden nach der Geburt. Bei 50 g/Liter Biestmilch macht das 4-5 Liter (2 Mahlzeiten) Kolostrum! Drenchen sollten Sie nur dann, wenn ein Kalb weniger als 1,5 bis 2 Liter freiwillig aufnimmt. Wirkt es nicht fit, Eisen geben!
  • Hochwertig: Es gibt große Unterschiede zwischen den Tieren einer Herde. Das Alter ist dabei nicht das entscheidende! Sowohl Färsen als auch Kühe können gutes Kolostrum haben. Aber:

Den Wert des Kolostrums erhalten!

Sobald die Kuh ihre Milchproduktion beginnt, verdünnen sich die Immunglobuline in der Milch. Auch deswegen ist das rasche Abmelken des Erstkolostrums wichtig. Dabei rät Dr. Ilka Steinhöfel, qualitativ schlechte Biestmilch lieber mit Kolostrumergänzern aufzuwerten, als auf eingefrorene Kolostrumreserven zurückzugreifen. Beim Auftauen gehen 30 bis 40 Prozent der Immunglobuline verloren! Frisches Kolostrum der eutergesunden Mutter ist darum immer die erste Wahl. Reste lassen sich im Kühlschrank bei 4 bis 6°C für sechs bis sieben Tage aufbewahren.

Kontrollieren lässt sich die Aufnahme mit dem Refraktometer: zwei bis drei Tage nach der Geburt sollten 80% der Kälber einen Blutserumgehalt von >54 g Protein je Liter aufweisen.

Muss es immer ad libitum sein?

Nein! Denn mehr Nährstoffe lassen sich auch rationiert ins Kalb bugsieren. Indem man öfter kleine Portionen tränkt (z.B. 4x2,5 Liter), erreicht man ebenfalls eine Gesamtmenge von 10 l Milch oder Milchaustauscher pro Tag. Aber der vierten Woche sollte man dann die Tränkemenge um 1,5 bis 2 Liter pro Woche reduzieren. Alternativ können Sie auch die Milchpulverkonzentration von anfangs 150 g/l absenken. Nach dem Abtränken am 56. Tag haben die Kälber auch so 350l Tränke erhalten. Wasser und Festfutter gehört von Anfang an dazu.


Weitere Tipps:

  • Infektionen vermeiden: Keime, z.B. in der Milch, können alle 20 Minuten ihre Zahl verdoppeln. Bei einer Ausgangszellzahl von 100.000 macht das 800.000 somatische Zellen nach einer Stunde! Am besten Pasteurisieren, danach kühlen oder ansäuern.
  • Ställe sauber halten: Der Boden des Tränkeeimers gehört nicht auf den Boden des Kälberstalls. Berührungskontakt zwischen den Kälbern in den ersten zwei Wochen vermeiden.
  • Ursachen erkennen: Durchfallerreger identifizieren. Bei E.Coli, Rota- und Corona-Viren sind Mutterschutzimpfungen eine gute Wahl, bei Kryptosporidien und Kokzidien (Parasiten) hilft nur eine gute Hygiene!
  • Das richtige Desinfektionsmittel wählen: Auf den Desinfektionsmittellisten der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) nachschauen, ob die benutzten Mittel gegen den gefundenen Erreger wirksam sind.
  • Stress vermeiden: Wasser ab dem ersten Tag anbieten und die Gerinnung der Milch optimieren. Diese ist temperatur- und konzentrationsabhängig. Warm tränken und Empfehlungen einhalten!
  • Häufig tränken: Eine schnelle pH-Wert-Absenkung ist die Voraussetzung für eine optimale enzymatische Verdauung und wirkt als Barriere für Erreger. Dabei senkt häufiges Tränken den pH-Wert im Magen rascher ab.
  • Bedarf decken: Trainingseffekte durch eine frühe Futteraufnahme sollten nicht überschätzt werden. An erster Stelle steht die Bedarfsdeckung an Energie und Nährstoffen. Fütterungserfolg = Futterenergieverwertung!
  • Das Ziel für die Jungrinder: Maximale Futteraufnahme bei minimalem Fettansatz. Jeder Fettabbau sorgt für einen Jojo-Effekt. Ein verpasster Zyklus beim Jungrind bedeutet ca. 8kg mehr Körperfett. Untergrenze 12% Rohprotein, die der Pansen braucht; Mineralstoffe und Spurenelemente ausbalancieren. Aber Achtung: Eine zu kurze Aufzuchtdauer geht zu Lasten der Milchleistung und des Durchhaltevermögens. Und zu guter Letzt: Dokumentieren und kontrollieren. „Passt die Situation in dieser Bucht zu dem, was darüber geschrieben steht?“ Das geht auch grafisch aufbereitet! Ein tolles Beispiel gibt es beim Landesamt für Landwirtschaft Sachsen (siehe auch der Download oben)


Dr. Ilka Steinhöfel, Vortrag anlässlich des 4. Fachforums Rind in Oldenburg (12.06.2014)