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Kommentar | Strategie 2030

Die Milchbranche muss sich endlich neu erfinden!

Wenn 100 Vertreter der deutschen Milchwirtschaft eine Sektorstrategie erarbeiten, dann sollte man einen großen Wurf erwarten dürfen … Maßnahmen, mit deren Hilfe sich die Branche krisenfest und zukunftsorientiert aufstellen will. Denkste!

Mit großer Spannung wurde sie erwartet: Die "Strategie 2030 der deutschen Milchwirtschaft". Auf der grünen Woche wurde sie dann endlich präsentiert. Von Aufbruch ist die Rede, von Branchenkommunikation, Standardsetzung und Lieferbeziehungen. Doch das Strategiepapier liest sich wie eine Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse. Die „Strategie 2030" ist im Wesentlichen eine Auflistung allseits bekannter Statements, vagen Absichtserklärungen und nett formulierten Wünschen an den Handel und die Politik. Alter Wein in neuen Schläuchen!

Der Umbruch kommt ganz sicher ...

Anstatt sich bzw. die Branche neu zu definieren und die Transformation in ein nachhaltiges Zeitalter maßgeblich mitzugestalten, setzen der Deutsche Bauernverband (DBV), der Raiffeisenverband (DRV) und der Milchindustrieverband (MIV) weiterhin auf die Bereitschaft des Handels, für Premiumprodukte einige Cent mehr auf den Tisch zu legen und auf den massiven Export von Milchproduktion. Um der Strategie dennoch einen etwas zukunftsorientierten Anstrich zu geben, wird dann hier und da das Wort NACHHALTIGKEIT eingestreut.

Anscheinend ist bei den Akteuren noch nicht angekommen, dass die Milchproduktion sich vor einem tiefgreifenden Umbruch befindet. Nicht nur dass das veränderte Konsumverhalten und die Tierwohlbewegung die Märkte massiv verändern werden, die überbordende Bürokratie, die stetige Verschärfung des Bau- und Ordnungsrechtes, die fehlende Planbarkeit von Investitionen, das permanente Bashing (öffentliche beschimpfen) lässt derzeit viele (noch) gesunde Milcherzeuger das Handtuch werfen. Wer will schon eine halbe Million Euro in Beton investieren (Güllelager, Fahrsiloanlage, …) wenn unklar ist, wie und ob in zehn Jahren überhaupt noch gemolken wird oder sich täglich als Umweltsau und Massentierhalter anprangern lassen?

Die Akteure (Verbandsvertreter) hätten die Chance ergreifen können, endlich mal richtig durchzulüften, frischen Wind in die recht festgefahrene Branche zu bringen. Beispielsweise hätten Sie einen einheitlichen Produktionsstandard niederschreiben und für verbindlich erklären können. Dieser hätte sich ja durchaus am neuen QM-Standard orientieren können. Ein einheitlicher Produktionsstandard hätte zwei große Vorteile:

1. Anforderungen, die über den Mindeststandard hinausgehen, müssen extra honoriert werden! Es kann nicht sein, dass der Handel immer wieder neue Standards setzt (wie z.B. GVO-frei) und dann plötzlich diese als allgemeinverbindlich erklärt und den Milcherzeugern den zusätzlichen Aufwand finanziell nicht entschädigt! Es ist ja schon fast aberwitzig, dass die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, internationalen Handelspartnern mit Strafzöllen droht sofern diese nicht die europäischen Qualitäts-Standards einhalten (z.B. weniger klimafreundlich produzieren). Dieses beherzte Vorgehen sollten sich die Strategen in den Verbänden mal zu Herzen nehmen. Wer Milch oder Milchprodukte nach Deutschland liefert, die nicht diesem Branchenstandard entsprechen, der muss dann eben zahlen! Das wäre nur fair und würde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Milchbauern stärken!

2. Die Milchbranche muss sich ihren Kritikern besser als bislang stellen. Die allermeisten Milcherzeuger arbeiten heute schon sehr nachhaltig, auch beim Thema Tierwohl gibt’s (fast) nichts zu mäkeln. Hätte sich die Branche auf einen Standard geeinigt, könnte sie den immer offensiver und agressiver auftretenden Kritikern besser entgegentreten: Seht her, so produzieren wir Milch! So gehen wir mit unseren Rindern und Kühen um! Wer sich nicht daran hält, fliegt raus, dafür sorgen wir! Das wäre doch mal eine klare Botschaft gewesen. Aber da hat anscheinend die Verbände der Mut verlassen, es wird zum wiederholten Male auf freiwillige Apelle gesetzt bzw. darauf gehofft, dass der Handel sich einsichtig zeigt und das Glück im Export gesucht.

Lieferbeziehungen: Alles wie gehabt!

Enttäuschend ist auch, dass das Thema Vertragsgestaltung und Lieferbeziehungen nicht angepackt wurde. Aufgelistet wurden im Anhang des Strategiepapiers nur die allseits bekannten Modelle zur Mengenplanung bzw. Mengensteuerung. Jede Molkerei soll hier ihren eigenen Weg finden. Also alles wie gehabt, die Verantwortung wird wieder an die Erzeuger zurückgespielt, getreu dem Motto: Ihr seid’s ja selbst Schuld, wenn zu viel Milch auf dem Markt gelangt und dann im Nachgang die Preise sinken. Toll!

Viel zu lange hat die Milchbranche in den letzten Jahren ihr Glück in der Expansion bzw. im Export gesucht. Die Molkereien haben dabei allzu oft den Blick auf die Margen ebenso vernachlässigt wie die Kommunikation mit dem Verbraucher. Leidtragende waren die Milchbauern, die die stetig steigenden Produktionskosten oftmals nur durch höhere Milcherträge ausgleichen konnten. Dieses System stößt jetzt an so langsam aber sich an seine Grenzen. Leider zeigt die „Strategie 2030“ ihnen keine neuen, alternativen Wege auf. Hier wurde eine strategische Chance verpasst. Schade!

Gregor Veauthier

(was halten Sie von der Strategie 2030? Schreiben Sie mir unter gv@elite-magazin.de)


Die Broschüre zur Strategie kann abgerufen werden unter: https://idf-germany.com/veroeffentlichungen-publications/

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier