Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

Der Weg zu stabilen Preisen für konventionelle Milch Digital Plus

Für stabile Preise muss die Milchmenge besser an die Marktbedürfnisse angepasst werden. Bei konventioneller Milch klappt das aufgrund struktureller Defizite nicht, erklären Wissenschaftler vom Thünen Institut in einem neuen Workingpaper.

Auf einem funktionierenden Markt signalisiert der Preis, wie gut Angebot und Nachfrage nach einem Gut ausgeglichen sind. Besteht ein Ungleichgewicht sorgen steigende oder fallende Preise dafür, dass sich Angebot und Nachfrage wieder annähern. Im Ideal läuft dies, ohne dass es extreme Preisausbrüche auftreten. Klingt logisch und einfach - hat am Milchmarkt in Deutschland bis jetzt nicht nachhaltig funktioniert. Wissenschaftler des Thünen-Instituts haben in der Studie "Stabile und hohe Milchpreise?! – Optionen für eine Beeinflussung der Milchpreise" jüngst noch einmal die Ursachen für die festgefahrene Situation am Milchmarkt untersucht und Maßnahmen abgewogen, die die bestehenden strukturellen Defizite am Markt für konventionelle Kuhmilch aufbrechen und langfristig auflösen könnten. Einige Eindrücke aus der Studie finden Sie hier aufgegriffen Das komplette Workingpaper finden Sie unter dem folgenden Link: "Stabile und hohe Milchpreise?! – Optionen für eine Beeinflussung der Milchpreise" Der Begriff Workingpaper ist hier bewusst gewählt - denn die Autoren haben ihr Papier gezielt als neutrale und einfach verständliche Informationsbasis angelegt. Marktsignale kommen zu spät beim Erzeuger an Ein wesentliches von den Autoren Martin Banse, Janina Knuck und Sascha Weber herausgestellten Probleme ist, dass Marktsignale mit einer unnötig viel zu hohen Zeitverzögerung an der Produktionsbasis, den Milcherzeugerbetrieben, ankommen. Die aus natürlichen, ethischen und letztlich wirtschaftlichen Gründen ohnehin vergleichsweise "träge" Reaktionsfähigkeit der Milchproduktion (Kühe kann man nicht einfach "abstellen"!) wird bedingt durch die "traditionell" rückwärtsgerichtete Wertermittlung und Abrechnung der Rohmilch seitens der abnehmenden und verarbeitenden Hand noch zusätzlich gebremst. Sprich: In Deutschland geben die veröffentlichten Erzeugerpreise nicht die aktuelle Marktentwicklung wieder. Sie weisen einen Zeitverzug von bis zu mehreren Monaten auf. Eine weitere Zeitverzögerung der Marktsignale entsteht dadurch, dass die Milchverarbeiter

Digital Plus

Dieser Inhalt ist exklusiv für Elite Abonnenten

Login

Email-Adresse oder Benutzername
Passwort
Auf einem funktionierenden Markt signalisiert der Preis, wie gut Angebot und Nachfrage nach einem Gut ausgeglichen sind. Besteht ein Ungleichgewicht sorgen steigende oder fallende Preise dafür, dass sich Angebot und Nachfrage wieder annähern. Im Ideal läuft dies, ohne dass es extreme Preisausbrüche auftreten. Klingt logisch und einfach - hat am Milchmarkt in Deutschland bis jetzt nicht nachhaltig funktioniert. Wissenschaftler des Thünen-Instituts haben in der Studie "Stabile und hohe Milchpreise?! – Optionen für eine Beeinflussung der Milchpreise" jüngst noch einmal die Ursachen für die festgefahrene Situation am Milchmarkt untersucht und Maßnahmen abgewogen, die die bestehenden strukturellen Defizite am Markt für konventionelle Kuhmilch aufbrechen und langfristig auflösen könnten. Einige Eindrücke aus der Studie finden Sie hier aufgegriffen Das komplette Workingpaper finden Sie unter dem folgenden Link: "Stabile und hohe Milchpreise?! – Optionen für eine Beeinflussung der Milchpreise" Der Begriff Workingpaper ist hier bewusst gewählt - denn die Autoren haben ihr Papier gezielt als neutrale und einfach verständliche Informationsbasis angelegt. Marktsignale kommen zu spät beim Erzeuger an Ein wesentliches von den Autoren Martin Banse, Janina Knuck und Sascha Weber herausgestellten Probleme ist, dass Marktsignale mit einer unnötig viel zu hohen Zeitverzögerung an der Produktionsbasis, den Milcherzeugerbetrieben, ankommen. Die aus natürlichen, ethischen und letztlich wirtschaftlichen Gründen ohnehin vergleichsweise "träge" Reaktionsfähigkeit der Milchproduktion (Kühe kann man nicht einfach "abstellen"!) wird bedingt durch die "traditionell" rückwärtsgerichtete Wertermittlung und Abrechnung der Rohmilch seitens der abnehmenden und verarbeitenden Hand noch zusätzlich gebremst. Sprich: In Deutschland geben die veröffentlichten Erzeugerpreise nicht die aktuelle Marktentwicklung wieder. Sie weisen einen Zeitverzug von bis zu mehreren Monaten auf. Eine weitere Zeitverzögerung der Marktsignale entsteht dadurch, dass die Milchverarbeiter mit dem Lebensmitteleinzelhandel mehrmals im Jahr sogenannte Listungsgespräche führen und Kontrakte aushandeln. Die Laufzeit der Kontrakte beträgt bei Milch und Frischmilchprodukten 6 Monate, Butter 1 bis 3 Monate und Käse 6 bis 12 Monate. Marktentwicklungen werden also nicht kontinuierlich in Preisänderungen abgebildet, sondern sprunghaft, wenn neue Vereinbarungen getroffen werden. Lösungsansatz: Die Abkehr von der rückwärtsgerichteten Wertermittlung und ein weitestgehender Verzicht auf Vergleichspreise (häufig von Privatmolkereien mit der Orientierung an den großen Genossenschaften ausgeübt). Das neue Preisfindungssystem sollte so flexibel konstruiert sein, dass sich Marktentwicklungen zeitnah widerspiegeln können. Nur damit hätten Milcherzeuger ein individuelles Rüstzeug in der Hand, um marktgerechte Produktionsentscheidungen treffen zu können. Milchmengensteuerung unbedingt molkereigebunden! Grundsätzlich übernimmt am Markt der Preis die Steuerung von Angebots- und Nachfragemenge. Ist dies aus strukturellen Gründen nicht möglich, sollte eine Steuerung des Rohmilchangebotes vorgenommen werden. Der Staat wäre dafür laut den Autoren die denkbar ungeeignetste Institution! Denn der Staat kann der Heterogenität der Marktakteure und ihren jeweiligen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Er kann nur pauschale, verallgemeinernde Vorgaben machen, und diese gehen vielerorts an der Realität vorbei! Weit sinnvoller wäre daher, die Steuerung des Rohmilchangebotes denen zu überlassen, die damit täglich arbeiten (müssen). Denn jede Marktkrise wirkt sich unterschiedlich auf die Teilsegmente des Milchmarktes (Butter, Magermilchpulver, Käse, etc.) aus. Aus diesem Grund sind die Milchverarbeiter auch unterschiedlich stark von einer Marktkrise betroffen. Eine der großen Herausforderungen ist eine zeitgemäße Anpassung der Abnahmegarantie an die individuellen Bedürfnisse der Marktpartner. Folgende Maßnahmen sehen die Autoren u.a. als praktikabel und wirksam zur molkereiindividuellen Steuerung der Milchmengen an: Angebotssteuerung über Preise: Es wird ein Garantiepreis für eine definierte Rohmilchmenge vereinbart. Der Garantiepreis könnte pro-aktiv von den Unternehmen in Erwartung der zukünftigen Marktentwicklung gesetzt werden und somit das Angebot stimulieren oder hemmen. Somit könnte der Preis wieder seine Funktion als Marktsignal ausüben. Rohmilchlieferungen, die darüber hinausgehen, könnten z. B. mit dem Spotmarktpreis vergütet werden. Lieferverträge mit fixierter Anlieferungsmenge: Die Molkerei vereinbart mit dem Milcherzeuger eine Anlieferungsmenge. Für darüber hinausgehende Anlieferungen müssten gesonderte, neue Absprachen, insbesondere für den Preis, zwischen den Beteiligten getroffen werden. Betriebsindividuelle Absicherung der Preisrisiken Aufgegriffen wurde von den Autoren der Studie auch die Problematik, dass die Milcherzeuger nach wie vor das höchste Preisrisiko in der Wertschöpfungskette Milch tragen. Aber auch an dieser Stelle ist der Staat als "Helfer" keine Option. Denn staatliche Vorgaben könnten nicht auf individuelle Betriebssituationen eingehen, sondern würden pauschale Bestimmungen enthalten. Der Umgang mit Preisrisiken stellt eine betriebsindividuelle Herausforderung dar, für die auch betriebsindividuelle Lösungsansätze ausgearbeitet werden müssen. Ein Patentrezept gibt es daher nicht. Doch es gibt unterschiedliche Ansätze, dem Preisrisiko wirksam zu begegnen. Ein ausgewogenes Risikomanagement sollt aus mehreren Bausteinen zusammengesetzt sein, welche dem eigenen Unternehmen am besten gerecht werden. Eine Zusammenarbeit mit den Milchverarbeitern ist dabei attraktiv und wird bereits in Teilen praktiziert. Geeignete Risikomanagementinstrumente sind laut den Autoren Warenterminbörsen (z.B. EEX), Garantiepreis-Zertifikate (z.B. DTO), Garantiepreise seitens der Molkereien, Versicherungen, Intervention, Diversifikation von Betriebszweigen und der "Klassiker" Rücklagen. Eine Abkopplung vom Weltmarkt ist keine Lösung! Keine realistischen Optionen sind nach der Analyse der Autoren der Versuch das Weltmarktpreisniveau zu erhöhen, indem die EU-Milcherzeugung eingeschränkt würde oder ein Versuch das EU-Preisniveau von den Weltmarktpreisen abzulösen. Die Autoren befürchten, dass die anderen milcherzeugenden Länder mit Produktionssteigerungen darauf reagieren würden, wenn die EU-Milcherzeuger "Platz machen". Zum zweiten nicht, weil sich die EU-Handelsposition bei Milch und Milcherzeugnissen dann vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur wandeln müsste. Dies würde wiederum erhebliche Einschränkungen der EU-Milcherzeugung voraussetzen und ist laut den Autoren unter den gegenwärtigen Marktbedingungen sowie aufgrund der Effekte auf die Strukturen der Milcherzeugung und -verarbeitung als eine nicht realistische Option zu bewerten. Quelle: Thünen-Institut