Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

Coronavirus

Corona bewegt die Milchwirtschaft

Während die Absätze an Milchprodukten derzeit durch Hamsterkäufe steigen, bereiten die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie Sorgen auf der Seite von Produktion, Verarbeitung, Logistik und Export. Die Aussicht am Milchmarkt ist schlecht.

Das Corona-Virus COVID-19 wirkt sich weltweit auf den Milchmarkt aus. Während die Absätze an Milchprodukten im Inlandshandel derzeit durch den Bevorratungs-Aktionismus der Privathaushalte steigen, bereiten die zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen bzw. verordneten Maßnahmen Sorgen auf der Seite von Produktion, Verarbeitung, Logistik und Export. Die Auswirkungen der Pandemie auf die nationale sowie globale Milchwirtschaft können Markt- und Wirtschaftsexperten derzeit aufgrund der täglichen Veränderungen und entsprechend geringer Datengrundlagen nur vage einschätzen. Tendenziell steht es um die Aussichten allerdings pessimistisch. Die Krise führt zu hohem Druck auf dem Weltmarkt und kann - laut Rabobank - einen Abwärtszyklus am globalen Milchmarkt auslösen. Eine Kurzübersicht zu aktuellen Einschätzungen der Situation, die wir in den nächsten Tagen laufend ergänzen. Über die folgenden Verlinkungen gelangen Sie direkt zu den entsprechenden Abschnitten in diesem Artikel.

"Hamsterkäufe steigern Inlandsabsatz an Milchprodukten, aber bis dato nicht die Notierungen"

"Die Milchpreisentwicklung kann gerade niemand seriös beurteilen"

"Die Molkereien tun alles, um die Verarbeitung aufrecht zu halten"

"Einbußen im Exportgeschäft"

"Gesamtaussicht am Weltmilchmarkt pessimistisch"


Hamsterkäufe steigern Inlandsabsatz an Milchprodukten, aber nicht die Notierungen

Der Bevorratungs-Aktionismus der Privathaushalte sorgt dafür, dass Waren für den hiesigen Lebensmitteleinzelhandel stark nachgefragt werden. So etwa bei H-Milch. Die Hersteller hätten teilweise ein um die Hälfte gestiegenes Ordervolumen seitens des Handels, berichtete die Süddeutsche Butter- und Käsebörse. Auch abgepackte Butter wird massiv eingekauft. Nach der Senkung der Abgabepreise im neuen Monatskontrakt für März 2020 hätten die Bestellmengen der Handelsketten bei den Herstellern spürbar zugenommen und sich zuletzt durch Bevorratungskäufe der Bevölkerung noch verstärkt. Die Preise bleiben aufgrund der kontraktgebundenen Notierung unverändert.

Der Lebensmittelhandel ruft laut den Marktanalysten die Ware zügig seitens der Molke- und Käsereien ab, um für die Hamsterkäufe der Verbraucher gerüstet zu sein. Bei Schnittkäse lassen die großen Absatzmengen die Bestände in den Reifelagern schwinden. Das kann auch durch die saisonal ansteigenden Milchmengen nicht ausgeglichen werden, weil die Käsereien bereits unter Volllast produzieren. Es könne passieren, dass es zu Mengenstreichungen komme, berichtete die Süddeutsche Butter- und Käsebörse. Dabei helfe auch nicht, dass aus dem Bereich der Hotellerie und Gastronomie weniger Nachfrage komme. Trotz der regen Inlandsnachfrage blieben die amtliche Notierung auch bei Gouda und Emmentaler unverändert. Die Kontrakte bestehen.


Die Milchpreisentwicklung kann gerade niemand seriös beurteilen

Die Auswirkungen der COVID-19-Situation auf die Milcherzeugerpreise in Deutschland dürften regional, in Abhängigkeit des Produktportfolios der ansässigen Molkereien, unterschiedlich sein, so Dr. Kerstin Keunecke von der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI). Innerhalb von Deutschland könnten sich preistreibende (extreme Nachfrage) und preisdämpfende (u.a. eingeschränkter Export) Effekte möglicherweise kompensieren und zunächst zu weitgehend stabilen Erzeugerpreisen für Rohmilch führen.

Da aktuell aber niemand seriös beurteilen kann, wie sich die Corona-Krise weiterentwickelt, sind diesbezügliche Abschätzungen mit starker Unsicherheiten behaftet. Zudem es um die Stimmung am Weltmarkt nicht gut steht. Aber auch am Binnenmarkt zeichnen sich Probleme ab.

Dass es im EU-Binnenmarkt zu Logistikproblemen kommt, obwohl der Warenverkehr frei ist, liegt an den Staus und Wartezeiten an den Grenzen, die wegen der Personenkontrollen entstehen. Außerdem sind Lkw-Fahrer knapp. Derzeit hoffen alle auf eine schnelle Umsetzung der Einführung einer von Schnellspuren für Lastwagen mit "essenziellen Produkten", auf die sich die EU-Verkehrsminister und die EU-Kommission geeinigt haben.

Dem Vernehmen nach sollen nun vor allem kleinere Molkereien in Italien auf Grund kranker Mitarbeiter die Milchverarbeitung eingestellt bzw. deutlich reduziert haben. Italien ist eigentlich ein wichtiger Abnehmer deutscher Rohmilch, die Lieferungen aus Deutschland nach Italien seinen nun aufgrund der fehlenden Nachfrage bzw. Kapazitäten Italiens weitestgehend eingestellt worden. So zumindest berichtet die Trigona Dairy Trade. Die nicht verarbeiteten Rohstoffe belasten nun insbesondere die Spotmärkte.

Derzeit liegen die Milcherzeugerpreise bei ca. 33 Cent pro kg, was dem langjährigen Mittelwert entspricht. Jedoch haben sich die Aussichten für die kommenden Monate in den letzten Tagen und Wochen verschlechtert. So berichtet die ZMB, dass die Marktakteure an der EEX vor zwei Monaten noch auf einen Börsenmilchwert für die Monate April bis Dezember 2020 in Höhe von durchschnittlich 37,5 Cent pro kg gesetzt haben und dieser Wert nun heute bei 29,0 Cent pro kg liegt.


Die Molkereien tun alles, um die Verarbeitung aufrecht zu halten

Milch, als konstant erzeugtes und zugleich leicht verderbliches Lebensmittel, ist auf eine zügige Verarbeitung angewiesen. So hat der Europäische Milchindustrieverband EDA (European Dairy Association) am 14. März 2020 die in der EU für Gesundheit und Landwirtschaft zuständigen Generaldirektionen SANTI und AGRI sowie die Brüsseler Botschafter der EU-Mitgliedsstaaten und des UK aufgefordert, in alle Pläne zur Eindämmung einzubeziehen, dass die regionale sowie grenzüberschreitende Logistikkette für Milch nicht unterbrochen werden darf. Hier dürften entsprechende Berücksichtigungen selbstverständlich sein, denn laut Aussagen seitens der Bundesregierung werde und soll alles dafür getan werden, dass neben der medizinischen Versorgung auch die Lebensmittelversorgung bestmöglich aufrecht gehalten wird.

Die Molkereien, Schlacht- und Transportunternehmen versuchen derweil durch noch strengere Hygieneverhaltensregeln Infektionen der Mitarbeiter und damit mögliche Betriebsschließungen zu vermeiden. Es gilt die Verarbeitung aufrecht zu halten. Wie die Molkereien ihre Mitarbeiter und damit die Produktion schützen und welche Aufgaben dabei den Milcherzeugerbetrieben zu kommt, erfahren Sie in unserem Artikel "Corona: Die Milchverarbeitung hat oberste Priorität" sowie in dem Artikel "Corona: Was, wenn die Mitarbeiter ausfallen?".

Ähnlich äußern sich Unternehmen im Agrarversorgungs-Sektor: Hier gilt es die Futtermittelproduktion und Auslieferung an die Tierhaltungsbetriebe sowie anderer Betriebsmittel aufrecht zu halten. Mehr dazu bei uns finden Sie im folgenden Artikel: "Trotz Corona genügend Futter?".

Kritisch ist, dass innerhalb der EU zunehmend logistische Probleme auftreten. Obwohl der Warenverkehr frei ist, kommt es an den Grenzen wegen Personenkontrollen zu langen Staus und Wartezeiten. Außerdem fehlen LKW-Fahrer.


Einbußen im Exportgeschäft

Die Auswirkungen des fortschreitenden Auftretens von Covid-19 für den Export sind "sehr hart", schätzt der Sprecher der German Export Association for Food and Agriproducts (GEFA), Bern Wirtz, ein. Das treffe insbesondere auf die Branchen der Frischeprodukte mit geringen Haltbarkeiten, sehr eng getakteten Lieferketten und weiten Transportwegen zu - also auch Milch- und Rindfleischerzeugnisse. Kommt es zu Verzögerungen, drohen Verluste. Deren mögliches Ausmaß und wirtschaftliche Einbußen lassen sich derzeit nicht einschätzen. Klar sei jedoch, dass sich das Exportgeschäft mit China erheblich abgeschwächt hat und dies auch noch weiter tun wird. Den Tiefpunkt seitens der chinesischen Nachfrage könnte Deutschland, der Meinung vieler Analysten nach, erst Ende April spüren. Auf der anderen Seite heißt es bis dato (17.03.2020), dass sich die Nachfrage nach Milchprodukten in China nun, nach dem der Peak der Infektionswelle dort überschritten scheint, wieder langsam erhole.

Sorgen bereitet auch der Handel mit den südeuropäischen Ländern, insbesondere Italien, die zu den Hauptabnehmern deutscher Milchprodukte gehören. Die Grenzkontrollen bzw. das Schließen der Grenzen wird zu Verzögerungen im Lebensmitteltransport führen. Bleibt zu hoffen, dass derartige weitestgehend gering bleiben.

Den Marktbeobachtern, u.a. der ZMB Zentrale Milchmarkt Berichterstattung GmbH, zufolge, stehen die Preise für Produkte, die stärker im globalen Handel abgesetzt werden, bereits seit einigen Wochen unter Druck und haben sich zuletzt weiter verschlechtert, was insbesondere auf Magermilchpulver zutrifft. Die Anfragen für neue Abschlüsse für Magermilchpulver haben in den letzten Tagen nachgelassen - am Weltmarkt wie auch innerhalb des europäischen Binnenmarktes, so die ZMB Zentrale Milchmarkt Berichterstattung GmbH. Es kamen zwar weiterhin neue Abschlüsse zu Stande, die gehandelten Mengen seien allerdings geringer. Bestehende Aufträge wurden zuletzt überwiegend noch normal abgerufen und abgewickelt.

Die Kosten für die Logistik seien Mitte März nach wie vor wegen des Containerstaus in China erhöht. Container aus Europa werden in den asiatischen Seehäfen nach wie vor verzögert gelöscht und bis sie auf dem Seeweg zurück in der EU sind, dauert es mindestens vier Wochen. Problematisch ist allerdings dazu, das aufgrund des geringeren Transportaufkommens etliche Containerschiffe aus Kostengründen von den Reedereien zeitweise aus dem Betrieb genommen wurden. Bereits Mitte Februar seien es rund 400 Hochseefrachtschiffe (ca. 9% der weltweiten Kapazität in diesem Segment) gewesen. Entsprechend knapp und teuer sind freie Kühlcontainer in der EU. Es gibt aber Informationen, dass sich das Leben in China normalisiert und die Abfertigung dort in den Häfen wieder schneller ablaufen kann.

Die Preise für Magermilchpulver gaben vergangene Woche (KW 11) und diese Woche (KW12) entsprechend weiter deutlich nach. So teilt die Süddeutsche Butter- und Käsebörse zum 11. März 2020 einen Rückgang in der amtlichen Preisspanne für Magermilchpulver in Lebensmittel- (2.380 € bis 2.480 €/t; -100 € bis -80 € ggü. der Vorwoche) sowie Futtermittelqualität (2.180 € bis 2.250 €; -100 € bis -130 € ggü. der Vorwoche) mit. In der KW 12 gaben die Notierungen für Magermilchpulver um weitere -80 € pro Tonne nach.

Auch am Weltmarkt fällt der Preis für Magermilchpulver derzeit am stärksten. Im jüngsten Auktionstermin der internationalen Handelsbörse für Milchprodukte, der Global Dairy Trade in Neuseeland, fiel der Preis gegenüber dem vorherigen Termin um -8,1% (2.527 $/t).


Gesamtaussicht am Weltmilchmarkt pessimistisch

Die Experten der Rabobank nennen es in ihrem aktuellen Quartalsbericht das "Corona Hangover" und beschreiben die Aussicht am globalen Milchmarkt, nach der eigentlich positiven Grundstimmung zum Ende des letzten Quartals 2019, ganz ähnlich wie die Experten der Eucolait, pessimistisch: "Die Kombination aus reduzierten chinesischen Importen, erheblichen Unterbrechungen der Lieferkette, einschließlich eines extremen Wettbewerbs um Schiffscontainer auf der ganzen Welt und steigenden Milchüberschüssen in den großen Milch-Exportregionen wird den Druck auf den globalen Milchmarkt bis zu einem Großteil des Jahres 2020 aufrecht halten."

Angesicht der derzeit vorhandenen Daten kann die aktuelle Situation laut den Rabobank-Analysten zu einem Abwärtszyklus auf den globalen Milchmärkten führen. So erklärte der Milchmarktanalyst Tom Bailey von RaboAgriFinance, dass sich die Analysten insgesamt einig seien, dass Milchpreise um 15 bis 25% fallen könnten, was uns in die Nähe der Milchpreisentwicklung in 2008 bringen würde (Eingang Milchkrise 2008/2009).

Baileys beschreibt die aktuelle Situation allerdings auch als sehr surreal: "Es ist seltsam zu beobachten, wie die Märkte auf Basis der derzeit so begrenzten Daten implodieren." Die Datengrundlagen sind dünn, aufgrund der so raschen Veränderungen. Man könne derzeit nur sagen, dass die Analysten ihre Projektionen auf etwas verschieben, das sich als Rezession (wirtschaftlicher Abschwung) bezeichnen lässt.

Fazit Tom Bailey, Rabobank-Analyst: In den nächsten ein oder zwei Monaten sollten sich die Milchpreise auf dem aktuellen Niveau halten oder kurzfristig sogar steigen. Milcherzeuger sollten aber damit rechnen, dass ein "erheblicher Preisdruck" folgen wird, wenn sich "der Staub legt" (aufgewirbelt durch die Corona-Aufruhr) und die Auswirkungen einer Rezession in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 spürbar werden.

Allerdings hänge gerade auch alles davon ab, wie sich die Corona-Ausbreitungskurve weiter entwickelt! Wird es moderat, steige die Chance, dass die protektiven Maßnahmen der Wirtschaft und der Politik einiges auffangen können und sich die Situation schneller erholt, als es derzeit überwiegend erwartet wird.


Quellen: u.a. Trigona Dairy Trade, Eucolait, Rabobank, AgE, Süddeutsche Butter- und Käsebörse e.V., ZMB, AMI, Agrarzeitung, Dairy Herd Management