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Brexit

Britische Milchfarmer müssen mit deutlichem Gewinnrückgang rechnen Digital Plus

Rund zwei Drittel der britischen Milchfarmer haben nach Schätzungen für den Brexit gestimmt, obwohl sie nach dem Austritt aus der EU auf Direktzahlungen aus Brüssel und auf günstige Arbeitskräfte verzichten müssen.

Der unmittelbar bevorstehende Brexit sorgt immer wieder für Unruhe, schließlich mit einem Milchaufkommen von knapp 15 Millionen Tonnen Milch Europas dritt größter Milcherzeuger (nach Deutschland und Frankreich). Sicher ist, dass ein Brexit am 31. Oktober 2019 um 23:00 Uhr ohne Ausstiegsvertrag zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU gravierende Auswirkungen für den europäischen Milchmarkt haben wird. Das Vereinigte Königreich weist ein Handelsdefizit bei Milchprodukten auf (hinter China das zweitgrößte Defizit im Milchhandel weltweit) und ist daher ein Netto-Importeur von Milchprodukten. Allerdings exportiert Großbritannien gleichzeitig auch rund 1,1 Mio. Tonnen Milchprodukte pro Jahr für im Durchschnitt 1,3 Milliarden Pfund (GDB). Rund 91 % der Ausfuhren wurden jedoch in die EU verschifft. Das zeigt die enorme Bedeutung des EU-Marktes für die britische Milchindustrie. Der volumenmäßig größte Teil der Exporte, 680.000 Tonnen, entfällt auf Frischmilch. 92% der Exporte verlassen UK über die innerirische Grenze in die Republik Irland, wo die Milch verarbeitet wird. Ein großer Teil der fertig veredelten Milchprodukte kehrt dann jedoch wieder nach Großbritannien zurück. Wertmäßig ist Käse das bedeutendste Exportprodukt für den britischen Milchsektor. Großbritannien exportiert im Durchschnitt 150.000 Tonnen pro Jahr im Wert von 495 Millionen Pfund. 83% der Exporte verbleiben in der EU (in Irland und in den Niederlanden). 40 % der Gewinne "zahlt" die EU Was aber bedeutet der Brexit für die 10.000 Milchfarmer auf der Insel?Bislang entfallen rund 40 % der Unternehmensgewinne der britischen Milchfarmen auf die EU-Direktzahlungen. Diese wird es nach einem Brexit nic

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Der unmittelbar bevorstehende Brexit sorgt immer wieder für Unruhe, schließlich mit einem Milchaufkommen von knapp 15 Millionen Tonnen Milch Europas dritt größter Milcherzeuger (nach Deutschland und Frankreich). Sicher ist, dass ein Brexit am 31. Oktober 2019 um 23:00 Uhr ohne Ausstiegsvertrag zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU gravierende Auswirkungen für den europäischen Milchmarkt haben wird. Das Vereinigte Königreich weist ein Handelsdefizit bei Milchprodukten auf (hinter China das zweitgrößte Defizit im Milchhandel weltweit) und ist daher ein Netto-Importeur von Milchprodukten. Allerdings exportiert Großbritannien gleichzeitig auch rund 1,1 Mio. Tonnen Milchprodukte pro Jahr für im Durchschnitt 1,3 Milliarden Pfund (GDB). Rund 91 % der Ausfuhren wurden jedoch in die EU verschifft. Das zeigt die enorme Bedeutung des EU-Marktes für die britische Milchindustrie. Der volumenmäßig größte Teil der Exporte, 680.000 Tonnen, entfällt auf Frischmilch. 92% der Exporte verlassen UK über die innerirische Grenze in die Republik Irland, wo die Milch verarbeitet wird. Ein großer Teil der fertig veredelten Milchprodukte kehrt dann jedoch wieder nach Großbritannien zurück. Wertmäßig ist Käse das bedeutendste Exportprodukt für den britischen Milchsektor. Großbritannien exportiert im Durchschnitt 150.000 Tonnen pro Jahr im Wert von 495 Millionen Pfund. 83% der Exporte verbleiben in der EU (in Irland und in den Niederlanden). 40 % der Gewinne "zahlt" die EU Was aber bedeutet der Brexit für die 10.000 Milchfarmer auf der Insel?Bislang entfallen rund 40 % der Unternehmensgewinne der britischen Milchfarmen auf die EU-Direktzahlungen. Diese wird es nach einem Brexit nicht mehr geben. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Regierung in London ihren Milchfarmer mit Subventionen unter die Arme greifen wird. Sicher scheint aber zu sein, dass die Milchfarmer Verluste werden hinnehmen müssen. Wie hoch diese ausfallen, das hängt davon ab, ob sich London und Brüssel noch auf einen Austrittsvertrag werden verständigen können. Wissenschaftler der AHDB haben mehrere Szenarien durchgerechnet: Szenario 1: Es kommt doch noch zu einem (Freihandels)Abkommen zw. UK und der EU inklusive der „Backstop“ Regelung. Diese sieht vor, dass das Vereinigte Königreich weiterhin effektiv den Binnenmarkts- und Zoll-Regeln der Europäischen Union unterworfen bleibt. Dadurch würden Warenkontrollen an der inneririschen Grenze entfallen, da weiterhin auf beiden Seiten gleiche Regeln gelten. Dieser Zustand bliebe erhalten, bis neue Regelungen (etwa neue technische Möglichkeiten für die Warenkontrolle) einvernehmlich vereinbart werden. Das würde bedeuten, dass die britische Milchbranche bis zum 1. Januar 2021 quasi im gemeinsamen Milchmarkt bleiben würde. Szenario 2: Austritt ohne Abkommen (ungeregelter Brexit bzw. Handel nach WTO-Vereinbarungen): In diesem Fall würde die EU ab dem 31. Oktober das Vereinigte Königreich wie ein Drittland behandeln. Auf beiden Seiten würden sofort Zölle in Kraft treten. Sollte Szenario 1 eintreten, so dürften sich nach Berechnungen des AHDB die Verbraucherpreise für Milchprodukte in UK um 2,6 % erhöhen, im Fall eines ungeregelten Brexit (Szenario 2) um 3,8 %. In beiden Szenarien sinken die Einkommen der Milchfarmen. Im Fall des Szenario 1 (Freihandelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU) fallen die Unternehmensgewinne um 19 %, von 71.000 auf 57.860 GBP. Erfolgt ein ungeordneter Brexit (Szenario 2; Handel unter WTO-Bedingungen) fällt der „Verlust“ für die Milchfarmer größer aus. In diesem Fall wird ein Gewinnrückgang um knapp 24 % auf 55.042 GBP prognostiziert. Zurückzuführen sind diese Änderung neben dem Verlust der Direktzahlungen, sinkenden Milchpreisen insbesondere auf die Erhöhung der Arbeitskosten um 20.582 GBP (rund 50 % der in der Milchproduktion eingesetzten Arbeitskräfte sind EU-Bürger aus Osteuropa, diese müssten durch teurere britische Arbeiter ersetzt werden). Allerdings könnten die britischen Milchproduzenten profitieren durch direkte Subventionen, höhere Exporterlöse bei Milch- und Fleischprodukten (besserer Absatz da geringere Differenz zwischen Großbritannien und dem Weltmarkt). Anmerkung: Die aufgezeigten Ergebnisse gelten ab dem Jahr 2022, bis dato sollte sich der Markt beruhigt haben. Es wurde nicht versucht, kurzfristige Störungen und Anpassungen zu bewerten. Es ist durchaus möglich, dass nach einem ungeregelten Brexit kurzfristig einige Notierungen für Milchprodukte zeitweise stark nachgeben werden. So verfügen z.B. die britischen Verarbeiter über Cheddar-Bestände, die für den Export in die EU bestimmt sind. Diese Bestände müssten alternative Märkte finden, wenn sie EU-Zöllen ausgesetzt werden und deshalb einen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben. Knackpunkt Logistik und fehlende Arbeitskräfte „Sicher ist, dass im Fall eines ungeregelten Brexit das Chaos ausbrechen wird“, erklärte Tom Hind vom britischen Beratungsunternehme AHDB (Agriculture and Horticulture Development Board). „Jährlich über- oder unterqueren vom europäischen Festland kommend Mio. LKW den Nordatlantik in Richtung UK. Theoretisch startet alle acht Sekunden ein LKW. Sollten demnächst Zollformalitäten erforderlich sein, bricht der Warenverkehr zusammen!“ Ein weiteres Risiko sieht der Unternehmensberater in dem Wegfall vieler Arbeitskräfte. „Es dürfte sehr schwierig werden, die zumeist aus Osteuropa stammenden Mitarbeiter zu ersetzen. Es gibt in Großbritannien kaum Menschen, welche die Arbeit auf den Milchfarmen verrichten wollen.“ Hind schätzt deshalb auch, dass die größeren Milchkuhbetriebe von einem Brexit am stärksten betroffen sein werden.