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„Bauern selbst für niedrigen Milchpreis verantwortlich“

Welches Gehirn hat sich (bei Aldi) ausgedacht, die Milchpreise in der vergangenen Woche von 59 auf 55 Cent zu senken? wollte Bauer Willi Schillings am Sonntagabend im TV bei Günther Jauch vom ehemaligen Aldi-Bereichsleiter Prof. Thomas Roeb wissen, der zuvor die sinkenden Ausgaben für Lebensmittel als normale Folge des Wohlstandes begründet hatte.

Die provozierende Antwort lieferte allerdings Fleischunternehmer Jürgen Abraham. „Es sind die Bauern selber, die sich das ausgedacht haben“, sagte er, was Renate Künast von den Grünen direkt als „zynisch“ zurückwies.

Laut Abraham sind die niedrigen Milchpreise für die Bauern zwar durchaus eine Misere, aber verantwortlich seien sie deshalb, weil ihnen die Molkereigenossenschaften gehören. Und wenn die halt mit Überproduktion auf den Markt kämen, sei klar, dass höhere Mengen nur zu niedrigeren Preisen abgenommen werden. Das sei eine Entwicklung aus dem Markt heraus, so der Ehrenvorsitzende der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Jürgen Abraham (Bild: ARD)
Er möchte nicht stehen lassen, dass der Handel allein für die Preise verantwortlich ist. „50 % der bei uns hergestellten Milch gehen in den Export, ein Drittel der verbleibenden Menge nimmt die Industrie und nur ein Drittel schließlich geht in den Handel“, so Abraham. Seiner Überzeugung nach sind niedrige Lebensmittelpreise heute auch eine soziale Leistung, jeder könne sich das leisten.

Das platte Argument, die Genossenschaften seien schuld, empört Journalistin Tanja Busse. Die Buchautorin stellte klar, dass die Genossenschaften heute sehr weit weg von den Bauern sind. In diesem Zusammenhang stellte sie die Idee des BDM vor, der den Einfluss auf den Milchmarkt zurück in die Hände bäuerlicher Betriebe legen will. Daraufhin entwickelte sich eine lautstarke Diskussion um die Struktur heutiger Höfe, um Weidegang für Kühe etc.

Milchbauer sauer über Milchgeldsenkung

Günther Jauch fragt bei Milchviehhalter Timo Wessels nach. Der ist sauer über die unberechtigte Milchpreissenkung (Bild: ARD)
Als betroffener Milchbauer saß Timo Wessels aus Brandenburg im Publikum. Er musste auf Anraten seiner Berater auf 530 Milchkühe aufstocken und melkt heute 16.000 l am Tag. Seine Molkerei - "nicht Meyer oder Schulz", wie Jauch den Namen andeutete - hat letzte Woche den Auszahlungspreis auf 27,5 Cent gesenkt und begründet dies mit dem Druck vom Handel. Wessels hat allerdings Kosten von 34 Cent und bräuchte 40 Cent, damit er etwas verdient. 

„Wir haben einen Liefervertrag mit der Molkerei, die Preise kann ich dabei nicht einzeln verhandeln“, schildert er seine Situation. Aufgrund von Krediten und Fördergeldern sei er zum Wachsen gezwungen, je größer umso niedriger die Einzelkosten, hätten ihm die Berater empfohlen. Einfach aufhören kann er nicht. Die Politik sei eben auf Wachstum ausgerichtet und die Grünen würden das noch befeuern, so die Kritik.

Renate Künast sieht die Verantwortung für das Exportbestreben allerdings bei der CSU. Außerdem sollten die Landwirte überlegen, ob der Bauernverband noch die richtige Vertretung für sie ist. „Die Bauern müssen sich wehren, sie haben es in der Hand.“

Roeb: "Bauern sind schizophren"

Bauer Willi (Bild: ARD)
Anlass der Sendung von Günther Jauch war der Wutbrief von „Bauer Willi“ Schillings, in dem er sich über katastrophale Preise für landwirtschaftliche Rohwaren aufregte. Zu Beginn der Sendung fasste er seine Aussagen noch einmal zusammen. „Wer 2,79 Euro für ein Hähnchen bezahlt, darf sich nachher nicht beschweren“, so Willi, der den Verbraucher für schizophren hält. Er sieht aber auch ein, dass die Bauern versäumt haben, die Bürger bei der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten mitzunehmen.

Das sieht der Marketingprofessor und frühere Aldi-Bereichsleiter Thomas Roeb ganz anders. Er sollte sich in der Sendung mit seinen provokanten und teils aroganten Äußerungen keine Freunde machen. So hält Roeb die Bauern für schizophren. „Die Bauern gehen hin, profitieren

Thomas Roeb war eingeladen, um provokante Gegenansichten zu liefern (Bild: ARD)
vom technischen Fortschritt - ich seh den schweren Trecker von Bauer Willi mit Klimaanlage etc. - alles haben haben haben, aber selber möchte man ein bisschen auf dem Niveau der 70 oder 80er Jahre stehen bleiben, was die Betriebsgrößen angeht. Alle anderen sollen sich weiterentwickeln und auf die internationalen Märkte drängen, aber selber möchte man abgeschottet bleiben“, kritisierte Prof. Roeb.

Diese Aussage ärgert wiederum Autorin Tanja Busse. Sie verweist auf die Leistungen der Agrarbranche wie etwa Tierwohl, neue Erkenntnisse und die Beachtung des Verbraucherwillens. Abraham stellt dagegen klar, dass das Preis-Leistungsverhältnis heute in Ordnung ist. Die Frage, ob Lebensmittel zu billig seien, wäre falsch. Vielmehr müsse man sehen, wie Lebensmittel produziert werden. Man dürfe Probleme nicht auf „Billig“ schieben und die Schuld bei den 4,3 Mio. Menschen der Ernährungsbranche suchen. Er plädiert dafür, in Ruhe die Ursachen zu suchen, warum die Bauern zu wenig Geld bekommen.

Renate Künast (Bild: ARD)
Renate Künast wertet das als Ausflüchte und ist überzeugt, dass der Lebensmitteleinzelhandel die Preise drückt. Bemerkenswert war dabei ihre Aussage, dass die Größe eines landwirtschaftlichen Betriebes keine Rolle spielt. Auch große Höfe würden gut arbeiten. Vielmehr sei es der Druck, dass Bauern nicht mehr von ihrer Arbeit leben können.

Roeb verteigte daraufhin den Handel. „Von 1 Euro Verkaufspreis bleiben im Supermarkt 25 bis 30 %, um die Kosten zu decken, nur 2 % davon sind Gewinn für den Händler. 30 bis 50 % bleiben in der Industrie, der Rest ist für den Bauern.“ Er fragt aber, was diese Diskussion um Preise bringe, wenn doch die Kosten des Einzelnen gar nicht bekannt seien. Als Argument führt er die Bauern in Süddeutschland an, die „wunderbar mit den Preisen klarkommen“. Dort gebe es offenbar ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Dieses Gleichgewicht will Künast allerdings nicht erkennen. Sie sieht vielmehr die verheerende Losung „Wachse oder Weiche“.

Bio nicht rentabel und erwünscht

Tanja Busse (Bild: ARD)
Weitere Themen der Diskussion waren auf Bestreben Busses die Gerüchte um die Tötung männlicher Kälber, regionale Produkte oder die von den Grünen geforderte Herkunftskennzeichnung für Fleisch. Zuletzt ging es um den Ökolandbau. Jürgen Abraham berichtete von seinen schlechten Erfahrungen mit Bio-Wurst, die er einst hergestellt hat. Die sei 40 % teurer gewesen, hätte aber genauso geschmeckt wie das konventionelle Gegenstück. Kein Kunde wollte die haben. Bauer Willi stellte indes klar, dass er eine sechsstellige Summe investieren müsse, um auf Öko umzustellen und die Vorgaben zu erfüllen. Er bräuchte dann 15 bis 20 Jahre Zuverlässigkeit, um das Geld wieder reinzuholen. „Das kann mir keiner garantieren, der Markt ist zu unsicher, da bin ich auch Unternehmer.“

Seinen Erfahrungen nach kommen heute nur noch Bio-Äpfel, -Dinkel und -Kartoffeln aus Deutschland. Der ganze Rest werde importiert. Für seinen Betrieb kämen da nur die Kartoffeln in Frage, und eben die Kartoffelpreise waren ja der Auslöser seines Wutbriefs.

Renate Künast begründet diese Importabhängigkeit bei Ökoware dagegen damit, dass die Nachfrage höher sei als das Angebot und deutsche Bauern nicht liefern könnten.

Am Ende der Sendung versuchte Jauch zur Ausgangsfrage zurückzukehren. Es zeigte sich, dass das Thema sehr komplex war und die Gäste viele Themen und Facetten ansprachen. Sicherlich hätte ein Marktexperte der Sendung gut getan, der ganz nüchtern etwa die Nachfrage nach Milch darstellt und aktuelle Entwicklungen erläutert. Für den Verbraucher jedenfalls dürfte es schwer gewesen sein, hier Begründungen und Lösungen zu erkennen, es gab für ihn keine klaren Antworten. Das sah auch Willi so und meinte, er habe keine Hoffnung, dass sich etwas ändert.

Quelle: www.topagrar.com

 

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