Wohin mit den Bio-Kälbern?

Die Ausdehnung der Bio-Milchproduktion führt dazu, dass immer mehr Bio-Kälber geboren werden, die letztlich vermarktet werden müssen. 

Allein in Baden-Württemberg werden jährlich über 22.000 Kälber auf ökologischen wirtschaftenden Milchviehbetrieben geboren und größtenteils konventionell vermarktet, da aus Mangel an Nachfrage für Bio-Kalbfleisch und mangelnder Wirtschaftlichkeit bislang keine Bio-Kälbermast etabliert werden konnte. Somit sehen sich viele Bio-Milcherzeuger gezwungen, ihre Kälber an konventionelle Mäster zu konventionellen Preisen zu vermarkten. Männliche und nicht zur Remontierung benötigte weibliche Kälber werden zumeist an konventionell wirtschaftende Mäster verkauft. Für Bio-Landwirte und Verbraucher eine unbefriedigende Lösung.  
Für die Bio-Milchviehhalter ist die konventionelle s oft mit einem finanziellen Verlust einher, zumal viele Bio-Milcherzeuger milchbetonte Kuhrassen (Holsteins) melken. Für viele Bio-Milchviehhalter und Verbraucher stehen die derzeitigen Vermarktungswege nicht im Einklang zu den ökologischen Prinzipen, da die Kälber teilweise in das europäische Ausland transportiert werden und zudem die Methoden der Kälbermast oft nicht den Öko-Tierwohlstandards gerecht werden.
In Anbetracht dieser „Bio-Kälberproblematik“ hat es sich eine im Fachgebiet Tierhaltung und -züchtung der Universität Hohenheim angesiedelte Arbeitsgruppe zum Ziel gesetzt, Lösungen zur Verbesserung der Bio-Kälbervermarktung zu identifizieren, mögliche neue Vermarktungsstrategien zu benennen und notwendige Maßnahmen und Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Bio-Kälbervermarktung aufzuzeigen. Dazu wurden 13 Leitfadeninterviews zwischen Juni und Oktober 2019 mit Experten entlang der gesamten Wertschöpfungskette geführt.

Bio-Kälbermast ist unrentabel

Die Bio-Kälberproblematik wurde von allen Experten bestätigt, aber durch unterschiedliche Ursachen begründet.
  • Niedrige Preise machen eine ökologische Kälberaufzucht und Mast unrentabel.
  • Fehlende Nachfrage für Bio-Kalbfleisch.
  •    Nutzung von milchbetonten Rassen. 

Vermarktungslösungen

Zur Verbesserung der Bio-Kälbervermarktung identifizierten die Experten nachfolgend genannte Vermarktungskonzepte:
  • Aufzucht der Bio-Kälber und anschließende Selbst- bzw. Direktvermarktung (vor allem in Ballungsgebieten empfohlen). Auf diesem Weg lassen sich oftmals überdurchschnittliche Preise erzielen.
  • Gebrauch von Zweinutzungsrassen oder Einkreuzung von Fleischrassen.
  • Querfinanzierung der Kälberaufzucht über einen Preisaufschlag der selbstvermarkteten Milch querfinanziert (Beispiel: Bruderkalb von den Hohenloher Biobauern).
  • Zusammenschluss mit anderen Bio-Betrieben in der Region zu einer Erzeugergemeinschaft, um eine Arbeitsaufteilung in der Aufzucht, Mast und Vermarktung zu ermöglichen (Beispiel: Demeter HeuMilchbauern).
Obwohl diese Vermarktungswege die Bio-Kälberproblematik entlasten können, sind noch weitere Lösungen nötig, um alle Bio-Kälber (in Baden-Württemberg) innerhalb des Bio-Sektors zu vermarkten. Dazu gehört u.a. die Einführung von Bio-Fleisch in öffentlichen Mensen und Kantinen und als wichtigster Absatz die Vermarktung von Bio-Kalbfleisch und Bio-Rindfleisch durch den Lebensmitteleinzelhandel in Frischfleisch-Theken und als ‚Convenience-Produkt‘.
Sinnvoll ist sicherlich auch der Einsatz von Zweinutzungsrassen oder die Einkreuzung von Fleischrassen in der Milchkuhherde. In Verbindung mit der ohnehin verpflichtenden dreimonatigen Vollmilchtränke  in Bio-Milchviehbetrieben ließe sich einen preislicher Vorsprung auf dem konventionellen Markt sichern, während die Mastfähigkeit des Kalbes die Chancen einer regionalen Vermarktung und Mast erhöht.

 Bio-Kalbfleisch als Premiumprodukt positionieren

Bio-Kalbfleisch dürfte aufgrund seines hohen (erforderlichen) Preises jedoch auch künftig ein deutliches Risiko für Händler darstellen. Um den Absatz sicherzustellen sind speziell für den Lebensmitteleinzelhandel Vermarktungskonzepte erforderlich, die eine Profilierung des Produkts durch seine Attribute „Regionalität“, „höchste Tierwohlstandards“ und „Bio“ beinhalten.
Gegenüber den Konsumenten muss  das regionale Bio-Kalb- und Bio-Rindfleisch unmissverständlich als Premium Produkt Kunden positioniert werden. Der Mehrwert der ökologischen Aufzucht und Mast von Kälbern aus der Milchviehhaltung muss in der Vermarktung deutlicher herausgestellt werden. Mittlerweile hat die Handelskette Kaufland Bio-Kalbfleisch von einer Bruder-Kalb Initiative ins Sortiment aufgenommen – vielleicht ein erster Schritt?
Quelle: Josephine Gresham (M.Sc.); Dr. Christoph Reiber und Prof. Dr. Mizeck Chagunda ; Universität Hohenheim;  Fakultät Agrarwissenschaften;  Fg. Tierhaltung und Tierzüchtung in den Tropen und Subtropen

Forschungsprojekt WertKalb

Die ökologische Landwirtschaft gilt als Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Nahrungsmittelerzeugung. Dabei hat die Bio-Milchproduktion eine besondere Bedeutung, da sie die höchsten Verkaufserlöse aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse in der Bio-Branche erwirtschaftet. Um das Ziel der Stärkung des Ökolandbaus zu erreichen, bedarf es eines starken Wachstums der Produktion und Nachfrage, insbesondere auch nach Bio-Produkten tierischen Ursprungs. Voraussetzung für eine höhere Nachfrage nach Bio-Milch und Bio-Fleisch ist ein unter ökonomischen, ethischen und tierschutzrelevanten Gesichtspunkten funktionierendes System der Bio-Milchproduktion. Um die gesellschaftlichen Anforderungen an die Nutztierhaltung und die Realität der landwirtschaftlichen Produktion stärker in Einklang zu bringen, werden in dem von Professor Mizeck Chagunda geleiteten Projekt WertKalb (Innovative Strategien für eine ethische Wertschöpfung der Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung) innovative Lösungsansätze unter Berücksichtigung der verschiedenen Interessen diskutiert und entwickelt.
Gefördert wird das Projekt durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.


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