Coronavirus

Molkereien haben zuviel Milch - was tun?

Während in Deutschland und Frankreich Milcherzeuger aufgefordert werden, weniger "intensiv" zu melken, wird die Milch in den USA auf vielen Farmen schon nicht mehr abgeholt.

Aufgrund der Corona-Krise müssen weltweit viele Molkereien Absatzrückgänge verbuchen. Vor allem die Schließung von Gastronomie und Kantinen sorgt für volle Tanks in den Molkereien. Die nun überschüssige Milch wird derzeit sehr günstig auf dem Spotmarkt angeboten, doch auch hier halten sich die Käufer zurück, da eine Verwertung oft nicht absehbar ist.
Erste Molkereiunternehmen fordern die Milcherzeuger deshalb bereits auf, ihre Milchmengen zu reduzieren. In Deutschland erbittet die Privatmolkerei Schwälbchen eine Reduktion um 20% im Vergleich zum März. Auch die Bayern MeG forderte ihre 135 Erzeugerorganisationen mit rund 14.000 Milcherzeugern vergangene Woche auf, mit allen betriebsindividuellen Möglichkeiten die Erzeugung kurzfristig deutlich zu drosseln. Nur so lasse sich eine weitere „Wertevernichtung“ vermeiden. Die Nord MeG mahnt ebenfalls, überschüssige Rohmilch erst gar nicht zu produzieren.
UPDATE 14. April 2020
  • Gibt es Absatzprobleme, sollten Genossenschaftsmolkereien ihre Mitglieder zu einer niedrigeren Milchproduktion auffordern, um einem starken Preisverfall entgegenzuwirken, meint der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp. Jede Molkerei müsse dabei selbst entscheiden, wie sie gemeinsam mit ihren Milcherzeugern vorgehe. Der DRV bleibt damit bei der in der „Sektorstrategie Milch 2030“ getroffenen Vereinbarung, die Verantwortung für das Management der Anlieferungsmengen liege allein in den Händen der Marktakteure.
  • Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) unterstützt den Vorschlag, Produktionsmengen zu verringern, fordert aber einen EU-weiten Anreiz dazu sowie einen finanziellen Ausgleich für Milcherzeuger, die weniger Milch liefern als in einem Vergleichszeitraum.

Nicht-Lieferprämie in Frankreich?

In Frankreich hat der Branchenverband der Milchwirtschaft (CNIEL) eine Nichtlieferprämie angekündigt. Ziel ist es, die Liefermenge im April im Vergleich zum April 2019 um 2 bis 5% zu verringern. Entschädigt werden sollen die Milchbauern aus einem Solidaritätsfond. In diesen soll die EU 10 Mio. Euro einzahlen. Laut CNIEL soll jeder Milcherzeuger bis zu 1.000 Liter Milch mit 32 Cent pro Liter entschädigt bekommen. So hofft man, die angebotene Menge Milch um rund 30 Mio. Liter Milch zu reduzieren. Der Milcherzeugerverband (FNPL) sieht auch die Milchverarbeiter in der Pflicht, eine „doppelte Bestrafung“ der Milchbauern (Verringerung der Milchmenge und gleichzeitig sinkende Erzeugerpreise) zu verhindern. Kleinere Verbände wie der Landwirtschaftsverband Coordination Rurale (CR) fordern ebenso wie das European Milk Board ein zentrales Steuerungsinstrument der Milchmärkte von der EU.
In Großbritannien drohen große Angebotsüberschüsse, da hier viel Milch frisch (unverarbeitet) vermarktet wird. Einzelne Verarbeiter sollen bereits nicht mehr die regelmäßige Abholung der Milch garantieren können. Das trifft vor allem Molkereien, die sich auf Großverbraucher spezialisiert haben. Einige kleinere Molkereiunternehmen haben hingegen aufgrund fehlender Nachfragen angekündigt, dass sie ihre Auszahlungen an die Milcherzeuger ganz oder teilweise verschieben müssen. Hingegen hat die Privatmolkerei Müller UK die Produktion von Frischeprodukten deutlich gesteigert. Das Unternehmen stellt sogar Milchgelderhöhungen in Aussicht.
Der Verband der britischen Milcherzeuger RABDF forderte indess die britische Regierung auf, Milcherzeuger finanziell zu unterstützen. Nur so lassen sich eine Unterversorgung des Handels mit Frischmilch abwenden, warnte Peter Alvis, Vorsitzender des RABDF. Insbesonders Milchfarmer, die nur noch einen geringen Anteil des Milchgelds erhalten oder gar ihre Milch entsorgen müssen, sollten umfangreiche Finanzhilfen erhalten. So soll die Regierung in London einen Standardpreis für konventionelle Milch von 25 Pence pro Liter garantieren bzw. einspringen, sofern die Molkerei diesen nicht auszahlen kann. Beim Verband wird davon ausgegangen, dass etwa 300 Milchfarmer Anspruch auf eine solche Hilfe haben.
In den Niederlanden haben sich die Molkereien auf einen Notfall-Plan verständigt, sollten Problemen bei der Milchverarbeitung auftreten. Kann eine Molkerei die Milch nicht mehr vollständig sammeln oder verarbeiten, sollen freie Kapazitäten einer anderen Molkerei genutzt werden können. Auch will man im Zweifel die Trennung von Milchströmen aufheben. Dennoch werden die niederländischen Milcherzeuger darüber informiert, dass im Notfall (100 % Auslastung der Verarbeitungskapazitäten) möglicherweise Milch vorübergehend nicht mehr abgeholt werden kann.

Milchfarmer lassen ihre Tanks leer laufen

In den USA führt insbesondere der Wegfall der Nachfrage von Fast Food-Ketten, Gaststätten, Kantinen und Schulen zu enormen Milchüberschüssen. Die International Dairy Foods Association (IDFA) schätzt, dass 10% der amerikanischen Milchmenge derzeit nicht untergebracht werden kann. Das hat auch Auswirkungen auf die Notierungen, diese haben bereits deutlich nachgegeben.
In einigen Milchhochburgen wie Pennysylvania, Texas oder Wisconsin fordern Molkereien ihre Milchfarmer auf, die Milch auf ihren Farmen zu entsorgen. In Wisconsin sollen bereits mindestens zehn große Molkereien damit begonnen haben, die Milch aus den Tankwagen in Lagunen und Gräben laufen zu lassen.
Kristen Coady von Dairy Farmers of America (DFA), der größten US-Genossenschaftsmolkerei, erklärte dazu dass ... aufgrund des Überschusses an Milch und voll ausgelasteter Verarbeitungskapazitäten unter bestimmten Umständen Rohmilch in landwirtschaftlichen Betrieben entsorgt werden muss." Zwar zahlt DFA derzeit noch für die nicht abgeholte Milch, allerdings hat das Unternehmen seinen Lieferanten angekündigt, dass sie alsbald das Milchgeld für die entsorgten" Milchmengen vom Staat einfordern müssten.
Die Wisconsin Dairy Alliance mahnt hingegen rasche monetäre Hilfen für Milcherzeuger an, die ihre Milchtanks öffnen müssen, da die Milch nicht mehr abgeholt wird. Nur schnelle Ausgleichzahlungen könnten jetzt noch einen Strukturbruch verhindern. Aber selbst große Milchfarmen mit mehreren tausend Kühen könnten nicht längerfristig auf die Einnahmen aus dem Milchverkauf verzichten. Für Unverständnis sorgt bei vielen Farmern und Molkereien die Kaufbeschränkung von wenigen Litern Milch pro Person in den Supermärkten: „Wir können liefern und trotzdem dürfen die Verbraucher nicht nach Herzenslust Milchprodukte einkaufen? Das erschließt sich mir nicht“, sagt Paul Hartman, Milcherzeuger aus Pennysylvania. Diese Vorgabe komme noch aus den ersten Tagen der Krise, als die Lieferketten die steigende Nachfrage nicht bedienen konnten.
"Die Milchindustrie steht aufgrund der COVID-19-Pandemie vor beispiellosen Herausforderungen, erklärte jüngst Daniel Smith, Präsident von Cooperative Network, einem Interessensverband von Genossenschaften in Wisconsin und Minnesota. Smith forderte einen verstärkten staatlichen Ankauf und Vertrieb von Milchprodukten. Andere Organisationen fordern die Regierung auf, Käse aufzukaufen, diesen in kleine Portionen zu verpacken und dann an Hilfsbedürftige und Tafeln zu verteilen.
UPDATE 9. April 2020
Der verband der US-Milchfarmer (National Milk Producers Federation; NMPF) und der US-Milchindustrieverband (International Dairy Foods Association; IDFA) haben eine dreistufigen Plan zur Stabilisierung der Milchmärkte entwickelt und dem US-Landwirtschaftsministerium (USDA) vorgelegt. Die beiden Organisationen schlagen vor, dass
  • alle Milcherzeuger ihre Produktion gegenüber März 2020 um 10% reduzieren. Die Milchfarmer sollen bis September eine Entschädigung in Höhe von 3,0 USD pro cwt (50 kg; umgerechnet ca. 6 Euro-Cent/kg) auf die verbleibenden 90% erhalten.
  • Die Milcherzeuger sollen für die Milchmengen entschädigt werden, die aufgrund von COVID-19 nicht abgeholt bzw. entsorgt" werden mussten. Die Entschädigung soll bis Juni 2020 ausgezahlt werden. Ab dann rechnen die meisten Analysten mit einem Ende des Entsorgens von Milch". Zudem soll ein Programm zur Preisabsicherung (Dairy Margin Coverage-Program) rückwirkend wieder geöffnet werden.
  • Molkereien sollen günstige Darlehen erhalten. Zudem soll das Landwirtschaftsministerium größere Mengen an Milchprodukten aufkaufen und diese direkt an Lebensmittelbanken (Tafeln) verteilen. Auch sollen die Beschränkungen aufgehoben werden, die es den Verbrauchern untersagen, eine größere Auswahl an Milchprodukten zu kaufen.

„Unser Hauptproblem ist klar: Wir schätzen, dass das Angebot die Nachfrage um mindestens 10% übersteigt - eine Lücke, die sich vergrößern könnte, wenn das Milchaufkommen auf seinen saisonalen Höchststand steigt und der Absatz von Lebensmitteln weiterhin eingeschränkt bleibt, warnt Michael Dykes, CEO von IDFA. „Das Landwirtschaftsministerium sollte so viele Instrumente wie möglich einsetzen, um die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ohne längerfristige Auswirkungen auf den Markt zu schließen.”
Quelle: AgE, CNIEL, Milwaukee Journal Sentinel, NZO.nl, News13, Dairyherd.com, Dairyreporter.com, topagrar


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