Kommentar

Dranbleiben!

Aldi hat mit den jüngsten Preissenkungen mal wieder die Milchbranche an der Nase herumgeführt. Jetzt gilt es den Druck auf den Discounter aufrechtzuerhalten!

In den vergangenen Wochen haben immer wieder Landwirte, darunter etliche Milcherzeuger, für höhere (kostendeckende) Erzeugerpreise und für mehr Wertschätzung für die einheimische Landwirtschaft demonstriert. Um sich Gehör zu verschaffen, blockierten sie mit Traktoren u.a. die Zufahrten mehrerer Zentrallager der großen Discounter Aldi  und Lidl sowie von Edeka.
Bereits nach den ersten Blockaden zeigten Vertreter aus der Politik (mal wieder) Verständnis für die (Milch)Bauern: „Landwirte müssen von ihrer Hände Arbeit leben können. Sie produzieren unsere Lebensmittel und verdienen Respekt, der sich nicht nur in Worten und vereinzelten Zugeständnissen äußern darf“, so Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, Landwirtschaftsminister in Thüringen.
Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) versteht die Wut der Erzeuger, wenn Milchprodukte wie z.B. aktuell Butter im Laden verramscht werden sollen. Das sei ein „krankes System“. Es müsse „anständige Preise“ für Lebensmittel geben, so der Minister laut NDR. Die Verbraucher sollten verstehen, „dass man für gute, qualitative Lebensmittel auch vernünftige Preise bezahlt.“ Gleichzeitig lobte der Minister aber auch die Verantwortlichen bei Aldi-Nord. Man habe dort erkannt, dass es so nicht weitergehen könne. Anscheinend hat der Minister aber nicht bemerkt, dass Aldi – nichtsdestotrotz – an einer drastischen (aber angeblich „jahreszeitlich üblichen“) Butterpreissenkung von 58 Cent/kg festhält.

Markt liefert keine Gründe für die Preissenkung

Die Situation am Milchmarkt ließ und lässt keine Begründung für das drastische Vorgehen von Aldi gelten: Nicht nur dass der Handel (LEH) vom Lockdown durch erhöhten privaten Verbrauch besonders profitiert hat, sowohl der nationale als auch der internationale Milchmarkt präsentieren sich derzeit durchaus robust! Die kurzfristigen Indikatoren, die Preise am Spotmarkt, sind für die Jahreszeit erstaunlich stabil. Zudem ist die am Jahreswende übliche Konsum- und Absatzdelle aufgrund des Lockdowns weitgehend ausgeblieben. Das gilt auch auf der Fettseite (Butter)! Bei der ersten Auktion des Jahres beim Global Dairy Trade in Neuseeland haben die Durchschnittpreise über alle Produkte hinweg sogar um 3,9 % zugelegt, bei Butter wurde sogar ein Plus von 7,2 % erzielt!

Von Aldi an der Nase herumgeführt

Der Lebensmitteleinzelhandel hat die Milchbauern bzw. die Milchverarbeiter mal wieder an der Nase herumgeführt. Von den vielfach propagierten „fairen“ Zusammenarbeit ist nichts, aber auch gar nichts zu sehen!
Milcherzeuger sollten denn auch nicht mehr den schönen Worten glauben, die da aus den Konzernzentralen kommen, denn die Aldi’s, Lidl’s, Edeka’s und Co.  werden, im Rahmen des Erlaubten, immer das tun, was sie immer getan haben: Den maximalen finanziellen Nutzen für sich herausschlagen! Die Molkereien haben das längst erkannt und deshalb auch resigniert. „Ich glaube nicht, dass sich Grundsätzliches verändern wird, auch wenn es in den nächsten Wochen Gesprächsrunden mit Bauernverbänden, Politik, Verarbeitern und dem Handel gibt“ erklärte unlängst erst Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer Milchindustrie-Verband (MIV), gegenüber dem Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Nicht den Kopf in den Sand stecken!

Den Kopf in den Sand zu stecken (siehe MIV) ist aber keine Lösung! Es muss gelingen, den Handel nachhaltig zu mehr Fairness im Umgang mit der Landwirtschaft zu verpflichten. Eine erste Gelegenheit bietet sich am 13. Januar, wenn die Videokonferenz mit Handel, Verarbeitern und Landwirten stattfindet. Dabei geht es um mehr als nur um eine Einigung über die Rücknahme von Rabatten. Dem LEH muss klar gemacht werden, dass die heimischen Milcherzeuger keine global austauschbaren Produkte herstellen, sondern sie auch  den vergleichsweise hohen gesellschaftlichen Erwartungen (insbesondere bei Tierwohl und Umweltschutz) gerecht werden. Das alles kostet Geld! Höhere (Basis)Preise sind deshalb nachvollziehbar und gerechtfertigt. Eine Milchproduktion zu regionalen Kosten bei gleichzeitig globalen Milchpreisen ist langfristig nicht möglich!

Blockaden aufrecht erhalten und …

Wie aber lassen sich diese berechtigten Forderungen der Milcherzeuger durchsetzen? Hilfe aus der Politik ist derzeit nicht zu erwarten. Auch wenn die politisch Verantwortlichen Verständnis äußern für die Proteste, so beschränken sie sich – wenn überhaupt - auf eine Moderationsrolle. Deshalb sollten (müssen) Milcherzeuger weiter „dran bleiben“ und u.a. weiter medienwirksam mit Traktoren vor den Zufahrten der großen Zentrallager zu „pa­t­rouil­lie­ren“. Zum einen tun leere Regale dem LEH einfach weh, zum anderen fürchten die Handelsketten nichts so sehr wie einen Image-Verlust. Keinesfalls wollen die Aldi’s und Lidl’s als Totengräber der deutschen Milchproduktion in die Geschichte eingehen. Den Konsumenten wäre es sicherlich nur sehr schwer zu vermitteln, dass Milch, Butter und Käse nur noch aus Osteuropa oder gar aus Übersee stammen.

… QM-Stufe 2 als Standard ausloben!

Gleichzeitig sollten die Themen Regionalität und Qualität gestärkt stärker in den Vordergrund geschoben bzw. kommuniziert werden. Viele Verbraucher würden sicherlich mehr für Milchprodukte zahlen, wenn Ihnen garantiert würde, dass diese aus einer besseren Tierhaltung stammen. Hier kommt QM-Milch ins Spiel. Im Rahmen einer Branchenvereinbarung könnten sich die Molkereien und der LEH verpflichten, nur noch Milchprodukte zu vermarkten, die von Milch stammt, die gemäß der QM-Stufe 2-Kriterien wirtschaften (weitere Infos in Elite 4/20, Seite 20).

Ein Vergleich der Entwicklungen von Erzeuger- und Verbraucherpreisen zeigt, dass die Margen des Lebensmittelhandels in den vergangenen Jahren eher zugenommen haben. (Bildquelle: AMI)

Wenn es der neuen Marketingorganisation „Branchenkommunikation Milch“ dann auch noch gelingt, ordentlich die Werbetrommel für diesen Qualitätsstandard zu rühren, dann dürfte einer Anhebung der Basispreise nichts mehr im Wege stehen - zumal die von den Akteuren oft so beschworenen Mechanismen der freien Marktwirtschaft dadurch ja nicht ausgehebelt werden. Die Discounter und Supermarkketten können sich auch weiterhin in Rabattschlachten verlustieren … nur dass eben bei den Milcherzeugern ein paar Cent mehr ankommen! Also dranbleiben …!


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