Weidesysteme

Welche Weide passt zu mir?

Ein Angebot für Weidegang hängt von Standort, Flächenstruktur und dem Interesse des Betriebsleiters ab. Es kann sich auch lohnen Systeme zu überdenken.

Wenn Milcherzeuger den Kostenvorteil von Weidegras nutzen möchten, brauchen sie eine hohe Weideleistung bzw. -effizienz. Hierfür gilt es möglichst viel Energie und Eiweiß sowie Masse für die Versorgung der Kuh aus dem Gras zu gewinnen.

Über den an einem Standort höchst möglichen Weideertrag bestimmen als beeinflussbare Faktoren die Qualität des Grünlands, aber auch das Weidemanagement. Also, wie die vorhandenen Aufwüchse bestmöglich dem Bedarf der Kühe zugeteilt werden.
Tipps und Erfahrungswerte zur optimalen Einrichtung von Treibwegen, Tränken und weitere nützliche Informationen zur Weide, finden sie auf unserer Themenseite Weidehaltung für Milchkühe.

Das Weidemanagement optimieren

Neben der Herdengröße und dem Bedarf der Kühe bestimmt das Ertragspotential im verfügbaren Grünland darüber, wie hoch der Weideanteil an der Gesamtration ausfallen kann. Im folgenden finden Sie Erfahrungswerte, die dazu beitragen können, die Ausführung der Weide am eigenen Standort zu planen bzw. zu optimieren:
Bedarf: Die irischen Profis hinsichtlich Weideeffizienz rechnen mit einem Futterbedarf bzw. möglichen Futteraufnahmen in der Vollweide von 16 bis 18 kg Trockenmasse (TM) aus Gras. In Deutschland kalkuliert man eher mit 15 kg TM. Das entspricht bei 100 Kühen einer pro Tag mindestens verfügbaren Grasmenge von 1.500 bis 1.800 kg TM/ha. Dazu ist ein Weiderest von 20 bis 25 % mitkalkuliert werden.
Ertragspotenzial Dauergrünland: Um das Ertragspotenzial zu bestimmen und die Zuteilung der Weideflächen vorausschauend vornehmen zu können, muss der mittlere Graszuwachs/Tag über den Vegetationsverlauf bekannt sein. Da sich dieser geografisch, klimatisch (Niederschlag, Temperatur!) und zeitlich bedingt deutlich unterscheidet, sollten zur Planung mindestens regionale Orientierungswerte herangezogen werden (z. B. hinterlegt im Riswicker Weideplaner).
  • März bis April: Mittelgebirge 10 kg TM bis Niederungslage 30 kg TM/ha/Tag.
  • April bis Juni: 45 kg bis 95 kg TM/ha/Tag.
  • Juni bis August: 35 kg bis 60 kg TM/ha/Tag
  • August bis September: 25 kg bis 50 kg TM/ha/Tag
  • Oktober bis November: 5 kg bis 20 kg TM/ha/Tag
Jahreserträge pro Hektar können so ca. 65 bis 125 dt TM erreichen. Entscheidend sind aber die am eigenen Standort möglichen Zuwachsraten und das in Echtzeit. Diese zu kennen setzt ein Messen der eigenen Aufwüchse  mindestens einmal pro Woche voraus. Die Zuwachsrate ergibt sich aus der Differenz des aktuellen Aufwuchsertrag einer Fläche und der letzten Messung auf dieser, geteilt durch die Anzahl an Tagen.

Ganzjährige Futterplanung in Betrieben mit Weidegang, wie geht das? Tipps zur Graszuteilung und der Herstellung von Silagen und Heu für die Zu- und Winterfütterung.

Zwei große Weidesysteme

Im Prinzip gibt es nur zwei Weidesysteme bzw. -formen: Die Stand- und die Umtriebsweide. Je nach betrieblicher Situation finden sich individuellere Konzepte und Mischformen.

Standweide intensiv als Kurzrasen

Bei der Standweide werden ein bis max. drei Weideflächen pro Betrieb über die ganze Vegetationszeit bzw. über lange Abschnitte bestoßen. Intensiv betrieben wird sie als Kurzrasenweide bezeichnet, die Kühe sollen auf Beständen mit konstant 5 bis 6 cm Aufwuchshöhe weiden. Die Futterqualität kann so im Optimum sehr stabil sein.
Ein Überweiden bzw. zu hohe Weidereste (sinkende Energiekonzentration) sind über das Anpassen der Besatzdichte zu regeln. Die Gräser erreichen das erwünschte 2,5 bis 3 Blattstadium in sehr geringer  Wuchshöhe. Der Gesamtertrag kann um 10 bis 15 % geringer ausfallen als in der Umtriebsweide.
Die Standweide geht mit einem geringeren Arbeitsaufwand einher. Nachteilig sind bei nur einer Weidefläche die begrenzten Möglichkeiten in Düngung und der Verringerung von Parasitendruck (keine zwischenzeitliche Pause oder Schnittnutzung).

Umtriebsweide mit Flexibilität

Bei der Umtriebs-/Rotationsweide ist das Grünland in ähnlich große Weideparzellen eingeteilt. Deren Größe orientiert sich am Ertragspotenzial und daran, dass die Herde max. drei Tage auf einer Fläche verbringen soll. Dabei ist der Aufwuchs zur Beweidung optimal mit 8 bis 10 cm Höhe, es wird auf  höchstens 3,5 bis 4,0 cm abgeweidet. Danach ruht die Fläche bis zum nächsten nutzbaren Aufwuchs (ca. 21 Tage im Mittel). Hier können Düngung, Reinigungsschnitt etc. gut praktiziert werden.
Überschreitet ein Aufwuchs die optimale Weidehöhe, wird dieser in Schnittnutzung genutzt. Ansonsten erhöht sich der Weiderest; die Kühe treten zu viel Gras platt. Erfahrungen zeigen, dass ein nochmal aufgewachsener Weiderest zur Beweidung ohne eine  zwischenzeitliche Schnittnutzung, zu hören Weideresten führt.
Die intensivste Form der Umtriebsweide ist die Portionsweide. Hier erfolgt 1 bis 2 x täglich eine neue Zuteilung von Gras. Es wird so ein sehr konstantes Futter geboten (sehr guter Anreiz für die Kühe; z. B. für AMS oder Halbtagsweide).

Eine intensiv betriebene Standweide gilt als Kurzrasenweide. Hier sollen konstant 5 bis 6 cm Aufwuchshöhe bestehen.  (Bildquelle: Berkemeier)

Flächeneinteilung und Flächengröße für Umtriebsweide optimieren

Flächeneinteilung Umtriebsweide: Hier sollen die Kühe 24 Stunden bis max. drei Tage pro Fläche grasen. Ideal sind zwei bis drei Beweidungen. Die  Futterqualität sinkt ansonsten stark und das Risiko, dass das Gras überweidet wird, steigt. Als idealer Aufwuchs zur Weidereife gelten ca. 1.400 kg TM/ha (8 bis 10 cm Aufwuchshöhe), beweidet wird auf max. 3,5 bis 4,0 cm (ca. 50 bis 100 kg TM/ha). Je nach Graswachstum dauert die Ruhezeit bis zur nächsten Nutzung rund 14 bis 21 Tagen im Mai/Juni und 28 bis 56 Tagen ab Spätsommer. Diese Ruhezeiten einzuhalten ist wichtig, um die Reserven der Grasnarbe nicht zu strapazieren. Entsprechend müssen genügend Flächen vorhanden sein. Als Faustzahl gelten 10 bis nach irischem Prinzip 20 Stück. Je ungünstiger die Wachstumsbedingungen, desto höher sollte die Anzahl der Weideflächen sein.
Flächengröße Umtriebsweide: Zur Planung der Größe für die Flächen in der Umtriebsweide sollte man sich am Maximum orientieren: Die Kühe sollen maximal drei Tage auf einer Fläche sein und das auch unter den höchstmöglichen Aufwüchsen (April – Juni). Die ideale Weidegröße errechnet sich aus:
Futterbedarf der Herde pro Tag/idealer Weideertrag. Ein Beispiel:
  • Vollweide, 16 kg TM Futteraufnahme/Kuh, 100 Kühe = 1.600 kg TM/ha.; idealer Weideertrag 1.400 kg TM/ha
  • Flächengröße: 1.600 kg TM/1.400 kg TM = 1,14 ha für 100 Kühe und 24 Stunden (2 Beweidungen)
  • Sind drei Beweidungen angestrebt (1,5 Tage): 1.600 kg TM x 1,5/1.400 kg TM = 1,7 ha für 100 Kühe und 36 Stunden.
Form: Nasse Flächen sollten idealerweise parallel und rechteckig zu einem Haupttreibweg angelegt sein, sodass mehrere Zugänge pro Fläche genutzt werden können (weniger Trittschäden).

Besatzdichte und Flächenbedarf Kurzrasenweide optimieren

Besatzdichte Kurzrasenweide: Je nach Aufwuchs reichen die Faustzahlen für die variierende Besatzdichte in der intensiven Standweide (Kurzrasenweide) von 0,6 Kühen (ca. 10 kg TM Zuwachs/Tag) bis ≥ 5,0 Kühen (95 kg TM  uwachs/Tag), die gleichzeitig zugeteilt pro Hektar weiden. Bei sinkenden Futterzuwächsen ist die Besatzdichte entweder über ein Zuteilen von Fläche (z. B. die aus der Schnittnutzung 1. und 2. Schnitt) zu reduzieren oder die tägliche Weidezeit wird reduziert (mehr Zufütterung im Stall).
Flächenbedarf  Kurzrasenweide: Je nach Zuwachsrate reichen die Faustzahlen für den Flächenbedarf von 1,8 ha/Kuh (ca. 10 kg TM Zuwachs/Tag) bis 0,2 ha/Kuh (bis 95 kg TM Zuwachs/Tag).

Wegstrecke: Max. 4 bis 5 km pro Tag

Was bei der Planung der Flächen ebenfalls zu berücksichtigen ist, sind die Stall-Weide-Entfernungen. Uneingeschränkt (lahmfrei, klauenfreundlicher Weg) laufen Kühen mit einer Schrittgeschwindigkeit von ca. 4,0 km/h (entspricht 15 Min./Wegkilometer). Als maximale Laufstrecke für pro Stall-Weide-Weg nennen erfahrene Vollweidebetriebe für gesunde Kühe 2,0 km. Ein längerer Weg kostet zu viel Zeit und gefährdet Körperkondition, Klauengesundheit (Belastungsrehe) und Milchleistung.

Überblick dank Mapping

Um einen Überblick bei der Weideplanung zu behalten, haben sich  Flächenkarten mit Nummerierungen der Weiden bewährt. So lassen sich Einteilungen optimal vornehmen oder die Rotation der Flächen und ihre Nutzungen (Weide oder Schnitt) planen. Aufbauend lassen sich die Daten der Ertragsmessung, Nutzung, Düngung und Pflege gut dokumentieren.

Flächenkarten erleichtern es einen Überblick in der Weideplanung zu behalten. Es gibt Firmen, die sich auf das Erstellen von Weide-Maps (Mapping) spezialisiert haben (z. B. hier Grasstec aus Irland). (Bildquelle: Berkemeier)

Weidegang erfordert ein bestimmtes Herdenmanagement

Je nachdem welchen Anteil die Weide an der Gesamtration einnehmen soll, ist ein daran angepasstes Herden- bzw. Repromanagement sinnvoll.
Die höchste Weideeffizienz kann über das System der Blockabkalbung erzielt werden. Die  Kühe kalben hier idealerweise in einem auf zwei Monate begrenzten Zeitfenster im Februar bis März. Die Transitphase und Frühlaktation verbringen sie so unter Stallfütterung, was auch die nötige individuelle Betreuung der Kühe erleichtert. Zu Beginn der Vollweide ist ihr Stoffwechsel weitestgehend stabil. Über gute  Grasqualitäten können sie dann in der Weide durchaus bis zu 80 % über das Gras versorgt werden.
Unter ganzjähriger Abkalbung ist die Versorgung der Kühe auf der Weide in ihren unterschiedlichen Laktationsstadien eine Herausforderung. Der Anteil der Zufütterung ist hier höher, um die Kühe tatsächlich bedarfsgerecht  versorgen zu können.
  • Die Fütterung der Trockensteher und Anfütterungskühe erfordert hier ebenfalls viel Aufmerksamkeit. Bei Vollweidebetrieben mit Umtriebsweide hat es sich bewährt, die Trockensteher den nährstoffärmeren Weiderest der laktierenden Herde nachweiden zu lassen.
  • Die Anfütterungskühe lassen sie mind. 14 Tage vor dem Kalbedatum bei den Laktierenden mitlaufen und füttern sie gezielt mit Kraftfutter an. Von Vorteil ist dabei auch, dass die Anfütterungskühe täglich mit über den Melkstand gehen und so genau beobachtet werden können.

Bei Betrieben mit Vollweide und AMS ist ein Tageszeitpunkt zu organisieren, an dem alle Kühe im Stall zur Kontrolle überblickt werden können. (Bildquelle: Berkemeier)

Nicht zu Unterschätzen ist die Tierkontrolle in der Vollweide. Während sie bei konventionellen Melkssystemen gezielt beim Melken vorgenommen werden kann, müssen sich Betriebe mit Automatischem Melksystem einen Tageszeitpunkt auswählen, an dem möglichst alle Kühe einmal im Stall gesichtet werden (z. B. bei Vorlage der Zufütterung am Trog). Kühe zur Besamung, Klauenkontrolle etc. lassen sich am AMS bzw. Weide- Selektionstor natürlich sehr gut zurück im Stall halten. So gegebenenfalls auch erkrankte oder frischabgekalbte Kühe.


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