Zucht

RZ€: Wie entsteht der Geldwert? 

Der RZ€ stellt als erster Zuchtwert mögliche Gewinnunterschiede zwischen Einzeltieren als Geldwert dar. Wie entsteht dieser Geldwert und was sagt er aus? 

In den aktuellen Bullenkatalogen deutscher Zuchtverbände wird seit der Zuchtwertschätzung im August 2020 der neue Zuchtwert RZ€ (RZ Euro) für Holsteins ausgewiesen. Betriebe, die ihre Herde genomich typisieren lassen, finden diesen Zuchtwert ebenfalls für jedes weibliche Tier bei NETRINDgenom.

Der Effekt von Genetik als Geldwert 

Der neue Zuchtwert macht den möglichen wirtschaftlichen Wert von Genetik sichtbar und dient vor allem der Vergleichbarkeit zwischen Einzeltieren. Anhand des RZ€ sollen Milcherzeuger ihre Zuchtentscheidungen (Anpaarung und Selektion) wirtschaftlich bewerten und optimieren können.
Ein Wert von zum Beispiel +2.000 Euro bedeutet beim weiblichen Tier, dass es selbst 2.000 Euro in seinem Leben mehr erwirtschaften kann als der Durchschnitt der Population. Ein Bulle mit +2.000 Euro kann dieses Potential nicht „selber melken“, sondern gibt es an seine weibliche Nachzucht weiter – aber eben nur zur Hälfte. 
RZ€ 2.880 – und jetzt? Die Werte sind vorhanden und können genutzt werden. Dennoch stellt sich noch häufig die Frage, wie dieser Geldwert entsteht. Wie lässt sich die genetische Ausstattung eines Tieres in einen finanziellen Wert umwandeln und warum setzt er sich anders zusammen als der bekannte RZG? 

Ein Bulle mit RZ€ +2.000 Euro kann das genetische Potential nicht „selber melken“, sondern gibt es an seine weibliche Nachzucht weiter.  (Bildquelle: Hilbk-Kortenbruck)

Vom Relativ-Wert zum Geld-Wert

Ausgewiesen wird der Zuchtwert in einer €-Skala, die, wie alle anderen Zuchtwerte auch, im Vergleich zur durchschnittlichen Population angegeben wird. Anders als die übrigen Zuchtwerte bezieht sich der RZ€ nicht auf eine Laktation, sondern auf das produktive Leben einer Kuh. Das umfasst derzeit ca. drei Laktationen.
Der RZ€ baut auf einer ökonomischen Bewertung der einzelnen Merkmale auf. Grundlage der Kalkulation für jedes Merkmal, das im RZ€ berücksichtigt wird, ist der Grenzgewinn oder Grenzverlust für die Einheit eines Merkmals. Um den Euro-Wert eines Tieres zu berechnen, sind also zwei Werte von hoher Bedeutung:
  1. Die phänotypische Einheit, die einem Relativzuchtwert-Punkt entspricht
  2. Der Grenzgewinn für eine zusätzliche phänotypische Einheit

Klingt kompliziert, ist aber simpel:

Der Phänotyp meint das tatsächliche Erscheinungsbild, also die sichtbare Ausprägung am Tier. Die phänotypische Einheit ist immer abhängig von dem betrachteten Merkmal. So wird die Nutzungsdauer in Tagen angegeben, die Größe in Zentimetern, etc.
Eine Standardabweichung zeigt, wie sehr die Ausprägung von einem Merkmal innerhalb der Population verteilt ist, das heißt, wie groß die Unterschiede sind. Eine Standardabweichung (= 12 Relativzuchtwert-Punkte) bedeutet aktuell: Die Kuh bleibt 259 Tage länger im Stall. Ein Relativzuchtwert-Punkt entspricht also einer phänotypischen Einheit von 21,58 Tagen.
Beispiel Größe: Hier beträgt eine Standardabweichung 2,1 cm bzw. ein Relativzuchtwert-Punkt 0,175 cm.

Was wird im Grenzgewinn berücksichtigt?

Grenzgewinn = Grenzertrag – Grenzkosten
Der Grenzgewinn bezieht sich auf den genetisch bedingten Unterschied zwischen zwei Tieren eines Betriebes. Im Grenzgewinn sind nur die direkt zuteilbaren Kosten berücksichtigt. Im Fall einer Mastitis sind das z.B. die Behandlungskosten und der Milchgeldverlust für die verworfene Milch. Also Kosten, die in direkter Verbindung zur Ursache stehen. Die indirekten Kosten werden in anderen Zuchtwerten berücksichtigt. So wird die fehlende Milch in einer Laktation nach der Heilung einer Mastitis im Zuchtwert Milch kg berechnet. Der Anteil von Abgängen wegen einer Mastitis ist dagegen im RZN enthalten. 
Die Berechnung für den Grenzgewinn erfolgt für jedes Merkmal einzeln – unter sonst gleichen Bedingungen. Das heißt, dass alle Merkmale konstant bleiben, bis auf das eine Merkmal, für das der Grenzgewinn gerade ermittelt wird. Die Grenzkosten oder -erträge wurden vom Rechenzentrum vit mit Daten von unter anderem der Landwirtschaftskammer Niedersachsen erstellt.

Berechnung des RZ€ am Beispiel Nutzungsdauer:

Die Kosten für das Merkmal Nutzungsdauer (RZN) errechnen sich hauptsächlich aus den Remontierungskosten. Dazu werden die Kosten einer Ersatzfärse mit dem Erlös der Abgangskuh verrechnet. Daraus entsteht der Grenzgewinn/-verlust.
Beispielrechnung:
Kosten einer Ersatzfärse: 1.800€
Durchschnittlicher Erlös einer Abgangskuh: 701 €
1.800 – 701 = 1.099 €
Bei drei Laktationen ergeben sich 1.100 Tage Nutzungsdauer, das entspricht 1 €/Tag. Der Grenzgewinn für eine Standardabweichung bei 259 Tagen und 1€/Tag liegt damit bei 259 €.
Die Nutzungsdauer ist mit 27 % im neuen Zuchtwert gewichtet und steht in enger Verbindung zur Abgangsrate. Im folgenden Diagramm werden die Unterschiede eines hohen bzw. niedrigen RZ€ im direkten Vergleich zur Abgangsrate dargestellt.

RZ€ vs. Abgangsrate in der ersten Laktation

Bei den unteren 25 % der Erstlatkierenden Kühe liegt der RZ€ im Durchschnitt bei -450 €. Die Abgangsrate liegt bei 23,6 %. Das bedeutet, dass jedes vierte Tier die zweite Laktation nicht erreicht. Im Gegensatz dazu liegt der RZ€ mit +950 € bei den besten 25 % deutlich höher.  Mit einer Abgangsrate von 14,8 % geht hier nur noch ungefähr jede siebte Kuh nach der ersten Laktation ab.

Merkmalsgewichtung im RZ€

Das Verhältnis der Grenzgewinne je Standardabweichung ergibt die relative Gewichtung im RZ€. Das heißt, dass die Auswirkung der Einzelmerkmale auf die Wirtschaftlichkeit über den Anteil des Merkmals im RZ€ entscheidet. Die höchsten Grenzgewinne sind bei der Milchleistung, der Nutzungsdauer und der Gesundheit zu erzielen. Geringere Auswirkungen sind bei der Fruchtbarkeit, den Kalbemerkmalen und der Kälberfitness zu beobachten. 
Merkmale mit weniger als 1 % Einfluss sind im RZ€ nicht integriert. Eine Ausnahme gibt es: die Melkbarkeit. Zwar hat dieses Merkmal einen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit (ca. 4 %), jedoch ist der Einfluss stark vom Melksystem abhängig und somit extrem unterschiedlich. Daher wurde dieses Merkmal bewusst NICHT integriert. 

Warum zwei Gesamtzuchtwerte?

Mit dem neuen RZ€ und dem weiterhin bestehenden relativen Gesamtzuchtwert (RZG) gibt es nun zwei Gesamtzuchtwerte. Die Gewichtung der Zuchtwerte im RZG* richtet sich nach dem Zuchtziel der Deutschen Holsteinzucht. Im RZ€ ist die Aufnahme von Merkmalen ausschließlich ökonomisch ausgerichet. Merkmale die keine wirtschaftliche Bedeutung haben (wie z.B. das Exterieur) sind in im RZ€ nicht enthalten.
Der Fokus liegt damit auf Merkmalen zu Produktion, Nutzungsdauer und Gesundheit. Trotzdem ist es bei der reinen Zucht auf den RZ€ möglich, über die integrierten Merkmale indirekt auch einen Zuchtfortschritt im Exterieur (RZE) zu erreichen. So finden sich beispielsweise Euter- oder Fundamentmerkmale im RZN wieder. 
Fazit: Mit dem ökonomischen Gesamtzuchtwert RZ€ ist der maximale Zuchtfortschritt möglich, um wirtschaftlich Milch zu produzieren. Er zeigt den möglichen wirtschaftlichen Effekt züchterischer Entscheidungen und kann ebenso wie der bekannte RZG zur Anpaarung und Selektion genutzt werden.
*Ab April 2021 ändert sich die Zusammensetzung des RZG. Die Gewichtung der Zellzahl fällt weg, dafür werden die neuen Gesundheitszuchtwerte aufgenommen. 

Welche Kuh hat das genetische Potenzial, um möglichst wirtschaftlich Milch zu produzieren?  (Bildquelle: Hilbk-Kortenbruck)

Mehr zum RZ€: 

Tipps, wie der €-Zuchtwert bei der Anpaarung und vor allem für die Selektion der Nachzucht genutzt werden kann, finden Sie hier: 
Die ersten Werte der Zuchtwertschätzung im August 2020 finden Sie hier: 
Quellen: RUW, vit



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