Futterbau

Grünland: Gibt es Einsparpotenziale bei der Frühjahrsdüngung? 

Die extrem hohen Düngerpreise könnten zu einer reduzierten Frühjahrsdüngung im Grünland führen. Welche Folgen hat das für den Ertrag und die Futterqualität? 

Martin Hoppe

LWK NRW

Die Düngerkosten explodieren. „Eine derartige Lage am Mineraldüngermarkt mit exorbitant hohen Preisen gab es bislang in dieser Form noch nie“, sagt Grünland-Experte Martin Hoppe von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Grund dafür seien vor allem die drastisch gestiegenen Preise für fossile Energieträger, insbesondere Erdgas, welche die Produktion extrem verteuern.
Die Preisentwicklung? Mindestens bis zum Frühjahr sind keine gravierenden Preisrückgänge zu erwarten. Bei reduzierter Nachfrage wird sich die Zeitspanne hoher Preise sogar verlängern, weil die Ware zu hohen Preisen vom Handel eingelagert wurde und nur entsprechend teuer wieder verkauft wird.  
Und die Verfügbarkeit? Die vorgekaufte Ware des Handels sollte sicherlich für die Frühjahrsdüngung ausreichen. Ob auch im Sommer/Herbst ausreichend Dünger verfügbar ist, ist fraglich. Einige Herstellerfirmen haben die Produktion aufgrund der hohen Kosten bereits reduziert. 

Ein Betrieb mit knapper Futterausstattung und geringen Reserven sollte aus der Erfahrung der Trockenjahre 2018 bis 2020 kein Risiko eingehen, indem er die Frühjahrsdüngung zum 1. Schnitt reduziert.  (Bildquelle: Berkemeier )

Frühjahrsdüngung nicht unterschätzen! 

Für die anstehende Frühjahrsdüngung ist also ausreichend Mineraldünger verfügbar, aber, sofern nicht frühzeitig vorgekauft wurde, nur zu extrem hohen Preisen! Die allgemein hohen Produktionskosten und die üppigen Futterreserven aus dem letzten Jahr könnten viele Milcherzeuger in diesem Frühjahr dazu verleiten, die Düngungsmaßnahmen deutlich zu reduzieren bzw. ganz auszusetzen.
Mit welchen Folgen muss man rechnen? 
„Die Frühjahrsdüngung zum ersten Schnitt ist mit Abstand die wichtigste Düngungsmaßnahme in der gesamten Vegetationsperiode!“, ist sich Hoppe sicher. Eine zeitige Andüngung der Bestände spätestens zum Vegetationsbeginn habe sich im langjährigen Mittel immer als sehr effizient erwiesen. Hinzu kommt, dass die Ertragsleistung und Futterqualität des ersten und zweiten Schnittes in Bezug auf die Gesamtjahresleistung am bedeutsamsten sind. Da die Folgeschnitte meist ertraglich abnehmen, reduziert sich auch der Nährstoffbedarf. Jedoch ist das Ertragspotenzial im Spätsommer extrem witterungsabhängig. 
Die uns erwartende Witterung in 2022 ist eine Blackbox. 
Martin Hoppe
Die Einsparpotenziale sind deshalb sehr begrenzt. Das gilt auch trotz üppiger Futtervorräte aus dem letzten Jahr! „Ein Betrieb mit knapper Futterausstattung und geringen Reserven sollte aus der Erfahrung der Trockenjahre 2018 bis 2020 kein Risiko eingehen, indem er die Frühjahrsdüngung zum 1. Schnitt reduziert“, meint Martin Hoppe. Die frühjahrsbetonte Düngung hat sich durch eine bessere Ausnutzung der Winterfeuchtigkeit durch zügiges Wachstum insbesondere in Trockenjahren bewährt. Da niemand die Witterung im kommenden Sommer vorhersagen kann, sollte die Frühjahrsdüngung vor allem für Futter-knappe Betriebe als eine Art Risikoabsicherung angesehen werden. 

Die konsequente Narbenverbesserung im Grünland ist wichtige für die passende Ertags- sowie Düngebedarfsermittlung.  (Bildquelle: Berkemeier )

Stickstoff bietet Einsparpotenziale 

Grundsätzlich gilt: Die Schnittflächen zur Silageproduktion haben aufgrund des hohen Nährstoffentzuges einen hohen Düngungsbedarf. Der Bedarf von Weideflächen ist verhältnismäßig gering, da die Weidetiere ca. 80 % der Nährstoffe auf der Fläche belassen. Bei korrekter Düngebedarfsermittlung wird dies berücksichtigt. 
Während eine ausreichende Schwefelversorgung auf intensivem Schnittgrünland zum ersten Aufwuchs unbedingt erforderlich ist, um eine ausreichende Proteinbildung sicherzustellen, lässt sich die N-Düngung je nach Ertragspotenzial, Artenzusammensetzung und Grasnarbe um ca. 20 bis 30 % reduzieren. Achtung: Die N-Einsparpotenziale sind extrem betriebsindividuell und sind vor allem auch vom Futtervorrat und der Nutzung (Schnitt/Weide) abhängig. Bei Gemischtbetrieben mit Ackerbau bietet zudem der Anbau von Kulturen mit einem geringeren N-Bedarf wie z.B. Hafer, Sommergerste oder Leguminosen eine Alternative. 
Einsparpotenziale wären ggf. eine reduzierte N-Düngung um ca. 20 bis 30 % bei ausreichendem Futtervorrat im Betrieb.
Martin Hoppe
Mögliche Auswirkungen reduzierter N-Düngung: Wird die N-Düngung im Frühjahr reduziert, wird sich zwangsläufig der Ertrag reduzieren. Der tatsächliche Ertragsrückgang wird allerdings durch die Mineralisierung von organischem Stickstoff, vorhandene Kleeanteile sowie die Witterungsbedingungen beeinflusst. Mittelfristig stellt sich die Grünlandnarbe durch höhere Kleeanteile auf eine deutlich reduzierte N-Düngung ein. In Bezug auf die Futterqualität haben die Artenzusammensetzung der Grünlandnarbe sowie der Schnittzeitpunkt deutlich größeren Einfluss als die N-Düngung. 

Die bodennahe Gülleausbringung bei passender Witterung trägt dazu bei, die N-Verluste zu minimieren und damit die gesamte Nährstoffeffizienz im Betrieb zu verbessern.  (Bildquelle: Berkemeier )

Was ist jetzt zu tun? 

Wie sollten Milchkuhhalter nun also vorgehen, um Düngungsmaßnahmen einzusparen, ohne dass die Grünlandbestände und spätere Grassilagen darunter leiden? Grundsätzlich empfiehlt Martin Hoppe: Die betriebsinterne, schlagbezogene Pflanzenernährung bestmöglich optimieren! In der Praxis gibt es hier oft viele Baustellen. 
  • Prüfung der Flächen: Bodenuntersuchungsergebnisse, Kationen-Austauschkapazität sowie die Nährstoffverhältnisse untereinander kritisch prüfen. Gibt es Einzelflächen mit sehr niedrigem pH-Wert oder sehr niedrigen Kaligehalten? 
  • Defizite beheben: Akuter Kaliummangel im Grünland kann bis zu 40 % Ertrag kosten, sehr niedrige pH-Werte werden zwangsläufig die Verfügbarkeit der Grundnährstoffe einschränken. Diese Defizite müssen behoben und ausgeglichen werden, bevor überhaupt über den Einsatz von hochpreisigen mineralischen N-Düngern nachgedacht wird. 
  • Wirtschaftsdünger effizient einsetzen: Betriebsinterne Wirtschaftsdünger, die wertvoll und ohnehin vorhanden sind, so effizient wie möglich einsetzen. Das beinhaltet die Nährstoffuntersuchung der Gülle sowie die N-min-Untersuchung der Ackerschläge. 
  • Wirtschaftsdünger-Verteilung prüfen: Die betriebsinterne Verteilung der Wirtschaftsdünger prüfen! In vielen Futterbaubetrieben wird der Mais zu üppig mit Gülle versorgt, während das intensive Schnittgrünland einen deutlich höheren Bedarf hätte. Eine Umverteilung der Nährstoffkreisläufe kann so Einsparpotenziale von Zukaufdünger schaffen. 
  • Wirtschaftsdünger-Aufnahme: Die Nährstoffkosten von Wirtschaftsdüngern werden immer geringer ausfallen als beim Einsatz von Mineraldünger. Deshalb sollte man prüfen, ob Wirtschaftsdünger, Gärreste oder Ähnliches von anderen Betrieben aufgenommen werden kann. Achtung: Bei Gärresten darauf achten, dass keine Geflügelexkremente aus Mastbetrieben enthalten sind, wenn diese auf Grünland ausgebracht werden sollen! Weiterhin muss bei der Aufnahme organischer Düngemittel die betriebliche max. N-Grenze von 170 kg/ha im Auge behalten werden, welche durch den N-Anfall aus eigener Tierhaltung und Wirtschaftsdüngeraufnahme nicht überschritten werden darf!
  • Düngebedarfsermittlung: Die Düngebedarfsermittlung für jede bewirtschaftete Fläche gibt vor der Düngung die Obergrenze für N und P2O2 vor, um Grünlandbestände mit realistischer Ertragsabschätzung ausreichend zu ernähren. Für die übrigen Nährstoffe gelten die klassischen Düngungsempfehlungen anhand von Bodenuntersuchungen, Nutzungsformen und Erträgen. 
  • Ertragserfassung: Insbesondere bei der Ertragsabschätzung können grobe Fehleinschätzungen passieren, weil Erträge nicht ermittelt und beispielsweise Bestände mit lückigen Narben so schnell überdüngt werden, während das Ertragspotenzial anderer Schläge mit dichten, leistungsfähigen Narben nicht voll ausgenutzt wird. 
  • Konsequente Narbenverbesserung: Die konsequente Narbenverbesserung sowie eine teilflächenspezifische Ertragserfassung und Düngung sind besonders wichtige Bausteine für die Effizienzsteigerung! 
  • N-Verluste reduzieren: Zu einer maximalen N-Effizienz gehört es zwangsläufig auch, jegliche N-Verluste zu minimieren. Verluste bei der Lagerung und der Ausbringung von Wirtschaftsdüngern lassen sich unter anderem durch folgende Maßnahmen reduzieren: Saubere Laufgänge und kühles Stallklima; Belassen von Schwimmschichten während der Lagerung zur Vermeidung von Ammoniakemissionen; Einsatz von Güllezusatzstoffen bzw. Ansäuerung zur Emissionsreduktion; kurz vor der Ausbringung gut homogenisieren, separieren oder Wasser zusetzen (Ziel: Gülle max. 6 % TS); Ausbringung bei bedecktem, kühlen Wetter mit möglichst bodennaher Ausbringung wie Schleppschuh oder Gülledrill. 
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