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Gesunder Darm, gesunde Kälber Digital Plus

American Association of Bovine Practioners (AABP-Kongress) Ein besseres Verständnis der natürlichen Abwehrmechanismen und mehr Diagnostik im Kuhstall soll in Zukunft helfen, den Antibiotikaeinsatz zurückzufahren. Der 51. Kongress der Amerikanischen Rindertierärzte (AABP) fand in Phoenix, Arizona statt. 1.100 Tierärzte, vorwiegend aus den USA, und einige wenige aus Europa, kamen zusammen, um neue veterinärmedizinische Trends zu diskutieren. Zu einem der Schwerpunkte des Kongresses gehörte die Erforschung des gesunden Mikrobioms im Darm von Kälbern. Hier sollen in Zukunft neue Ansatzpunkte für Prophylaxe und Therapie entstehen. Ein zweiter Schwerpunkt lag auf innovativen Schnelltests, die direkt im Stall am Tier eingesetzt werden können und innerhalb weniger Minuten Ergebnisse liefern. Mikrobiom schützt vor Erregern Tierarzt King Hickman, ein renommierter Fütterungsberater aus Iowa, erklärte die Wechselwirkungen von Fütterung, Stress und Bakterien auf die Darmgesundheit junger Kälber. Ein geschädigter, durchlässiger Darm, der sogenannte „leaky gut“, hat nachweislich eine negative Wirkung auf die spätere Milch- und Fruchtbarkeitsleistung junger Kühe. Die Faktoren, die die Zellverbindungen am Darm durchlässig machen können, reichen von Fütterungs- und Haltungsstress bis zur Besiedlung der Darmschleimhaut mit pathogenen Keimen wie Kryptosporidien, Clostridien, Colikeimen (alles Durchfallkeime) und Mykobakterien (Erreger der Paratuberkulose). Inzwischen weiß man, dass drei Schutzzonen die Darmzellen (Epithel) vor eindringenden Keimen schützen (Übersicht). In der äußeren Schutzzone befindet sich die Schleimschicht (Mukosa) und die normale, nicht krankmachende Bakterienflora des Darmes (Mikrobiom). In der zweiten Schicht befinden sich sekretorische Antikörper (IgA), die eindringende Bakterien binden können. Erst dann kommen die eigentlichen Darmzellen. Durchdringen Krankheitskeime diese innerste Schicht, wird das spezifische Immunsystem mit den sogenannten T-Lymphozyten und Killerzellen aktiviert. Es ist also gar nicht so einfach für krankmachende Bakterien, die intakte Darmbarriere zu durchdringen. Aktuelle Studien zeigen, dass die Darmbarriere über 90% der pathogenen Keime abwehren kann. Wassermangel fördert Infektionen Doch wenn das Mikrobiom beeinträchtig und die Mukosaschicht zu dünn ist (z.B. bei Flüssigkeitsmangel), dann hat der Darm den Bakterien wenig entgegenzusetzen. Die Schutzzonen werden dünner und weniger abwehrstark. Dadurch wird der Darm durchlässiger für krankmachende Bakterien und das Risiko für Infektionen steigt. Das zeigt, wie wichtig ein gesundes Mikrobiom ist. Infektionen lass

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American Association of Bovine Practioners (AABP-Kongress) Ein besseres Verständnis der natürlichen Abwehrmechanismen und mehr Diagnostik im Kuhstall soll in Zukunft helfen, den Antibiotikaeinsatz zurückzufahren. Der 51. Kongress der Amerikanischen Rindertierärzte (AABP) fand in Phoenix, Arizona statt. 1.100 Tierärzte, vorwiegend aus den USA, und einige wenige aus Europa, kamen zusammen, um neue veterinärmedizinische Trends zu diskutieren. Zu einem der Schwerpunkte des Kongresses gehörte die Erforschung des gesunden Mikrobioms im Darm von Kälbern. Hier sollen in Zukunft neue Ansatzpunkte für Prophylaxe und Therapie entstehen. Ein zweiter Schwerpunkt lag auf innovativen Schnelltests, die direkt im Stall am Tier eingesetzt werden können und innerhalb weniger Minuten Ergebnisse liefern. Mikrobiom schützt vor Erregern Tierarzt King Hickman, ein renommierter Fütterungsberater aus Iowa, erklärte die Wechselwirkungen von Fütterung, Stress und Bakterien auf die Darmgesundheit junger Kälber. Ein geschädigter, durchlässiger Darm, der sogenannte „leaky gut“, hat nachweislich eine negative Wirkung auf die spätere Milch- und Fruchtbarkeitsleistung junger Kühe. Die Faktoren, die die Zellverbindungen am Darm durchlässig machen können, reichen von Fütterungs- und Haltungsstress bis zur Besiedlung der Darmschleimhaut mit pathogenen Keimen wie Kryptosporidien, Clostridien, Colikeimen (alles Durchfallkeime) und Mykobakterien (Erreger der Paratuberkulose). Inzwischen weiß man, dass drei Schutzzonen die Darmzellen (Epithel) vor eindringenden Keimen schützen (Übersicht). In der äußeren Schutzzone befindet sich die Schleimschicht (Mukosa) und die normale, nicht krankmachende Bakterienflora des Darmes (Mikrobiom). In der zweiten Schicht befinden sich sekretorische Antikörper (IgA), die eindringende Bakterien binden können. Erst dann kommen die eigentlichen Darmzellen. Durchdringen Krankheitskeime diese innerste Schicht, wird das spezifische Immunsystem mit den sogenannten T-Lymphozyten und Killerzellen aktiviert. Es ist also gar nicht so einfach für krankmachende Bakterien, die intakte Darmbarriere zu durchdringen. Aktuelle Studien zeigen, dass die Darmbarriere über 90% der pathogenen Keime abwehren kann. Wassermangel fördert Infektionen Doch wenn das Mikrobiom beeinträchtig und die Mukosaschicht zu dünn ist (z.B. bei Flüssigkeitsmangel), dann hat der Darm den Bakterien wenig entgegenzusetzen. Die Schutzzonen werden dünner und weniger abwehrstark. Dadurch wird der Darm durchlässiger für krankmachende Bakterien und das Risiko für Infektionen steigt. Das zeigt, wie wichtig ein gesundes Mikrobiom ist. Infektionen lassen sich so vorbeugen und dadurch Arzneimittel einsparen. Derzeit wird an weiteren Fragestellungen geforscht, wie z.B.: Was ist das optimale Mikrobiom, um Kälber vor Krankheiten zu schützen? Wie gut ist die Wirkung von Prae- und Probiotika auf die gesunde Bakterienflora im Darm? Schwachstelle Tränkehygiene Aber nicht nur Krankheitskeime greifen die Darmbarrieren an, auch azidotisch wirksame Futterkomponenten wie Stärke (z.B. Maissilage) können zu chronischen Entzündungsprozessen am Darm führen, die die Abwehrkräfte schwächen. Die Aufnahme von ausreichend Wasser kann Kälbern mit „angeschlagenem“ Darm helfen, die Schutzbarrieren (v.a. die Mukosa) wieder zu verstärken. So konnte Dr. Chris Chase, Immunologe von der South Dakota Universität, im Umkehrschluss zeigen, dass es bei Kälbern mit Wassermangel zu mehr Kryptosporidien-Infektionen kam. Die infizierten Durchfallkälber brauchen zur normalen Milchtränke (Energieversorgung) mindestens sechs Liter Elektrolyttränke pro Tag. Ist der Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen und die Mukosaschicht dick genug, können Kryptosporidien das Darmepithel gar nicht erst angreifen. Das angebotene Wasser muss aber in jedem Fall frei von Colikeimen sein, um seine gesundheitsfördernde Wirkung zu entfalten. Im Zweifel kann die Untersuchung von Wasserproben helfen, eine Belastung des Tränkewassers zu erkennen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Tränken von absolut hygienischer Biestmilch, Milch und Milchaustauscher. In einer amerikanischen Untersuchung kam heraus, dass nur 4% der untersuchten Kolostrumproben weniger als 100.000 Keime pro Milliliter Milch hatten. Das zeigt sehr deutlich, dass im Tränke-Hygienemanagement noch erhebliche Reserven stecken. Antibiotika nicht bei Colimastitis Neben der Untersuchung des Mikrobioms im Darm sind auch die Epithelzellen anderer Organsysteme (Euter, Lunge) mit einer mehr und weniger gesunden Bakterienschicht ausgestattet. Wissenschaftlerin Amy Vasquez konnte anhand einer komplexen RNA-Sequenzanalyse zeigen, dass Kühe mit einer Coli-Euterentzündung ein weniger vielfältiges Mikrobiom haben als eutergesunde Kühe. Sie schlussfolgerte, dass der Verzicht auf die antibiotische Therapie, die auch gesunde Keime abtötet, bei der Bekämpfung der E.coli-Euterentzündung der richtige Weg ist. Die Therapieempfehlung bei E.coli-Infektionen lautet also umgehende Injektion von NSAID (Entzündungshemmer), kreislaufstabilisierende Infusionen und Flüssigkeitsdrench. Vaginalkeime in der Lunge Eine Arbeitsgruppe aus Cornell berichtete von der Bedeutung der frühen mikrobiellen Besiedlung des Atmungstraktes neugeborener Kälber mit Keimen. Sie wiesen darauf hin, dass Kälber sich während der Geburt bei der Mutter anstecken. Wurden z.B. in der Vaginalflora der Kuh Mannheimien nachgewiesen, litten die Kälber später vermehrt unter Grippesymptomen und Lungenentzündungen. Auch die fäkale Flora der Neugeborenen glich der der Mutter bis zum Tag 35 nach der Kalbung. Die diagnostizierten Keime stammten nachweislich aus der Abkalbebox. Die Ergebnisse unterstreichen die Rolle maximaler Hygiene rund um die Geburt für die langfristige Gesundheit des Kalbes. On-farm-Diagnostik Der Trend zu mehr Diagnostik im Kuhstall ist ungebrochen. Denn nur wenn Erreger identifiziert werden oder Konzentrationen von Ketonkörpern oder Mineralstoffen genau bestimmt werden können, lässt sich spezifisch behandeln. Die Tests liefern Einzeltier- und Bestandsinformationen und helfen, nur dort Arzneimittel einzusetzen, wo sie effektiv wirken können. Und sie dort einzusparen, wo sie unnötig sind. Kalziumschnelltest: Eine lang erwartete Neuerung ist der Ca-Checker (Fa. Horiba, Japan). Mit dem Schnellmessgerät kann mithilfe eines Blutstropfens der Kuh, mit hoher Genauigkeit ein eventueller Kalziummangel gemessen werden. Der Test ist direkt an der Kuh durchführbar und das Ergebnis liegt innerhalb von wenigen Sekunden vor. Passend dazu fand Wissenschaftlerin Jessy McArt heraus, dass die Bestimmung von subklinischem Milchfieber in den ersten vier Tagen nach der Kalbung sinnvoll ist. Da die Kalziumspiegel je nach Messzeitpunkt und Alter der Kuh variabel sind, sollte mehrfach gemessen werden. Trächtigkeitsschnelltest: Verschiedene Untersuchungsmethoden eignen sich, die Trächtigkeit einer Kuh nachzuweisen. Untersucht ein Tierarzt rektal, liegt das Ergebnis sofort vor. Schnelltestsysteme messen in Milch oder Serum, wie hoch der PAG-Spiegel ist. „Pregnancy associated glycoproteins (PAG)“ werden nur während der Trächtigkeit von der Gebärmutter gebildet und sind im Blut der Kuh nachweisbar. Die Blut- und Milchuntersuchungen werden in Deutschland von verschiedenen Laboren angeboten. In den USA ist jetzt ein neuer Trächtigkeitsschnelltest auf den Markt gekommen. Der IDEXX-Rapid Visual Pregnancy-Test bestimmt mit hoher Genauigkeit (>95%) Trächtigkeiten direkt aus dem Vollblut. Der Test dauert zehn Minuten und ist im Stall durchführbar. Beide Tests kommen voraussichtlich im nächsten Jahr auch in Deutschland auf den Markt. Mit Stoßwellen gegen Mastitis Eine Untersuchung aus Israel befasste sich mit der Wirkung von Stoßwellen zur Behandlung von klinischen und subklinischen Mastitiden. Stoßwellen sind energiereiche Schallwellen, die auch bei Menschen, Pferden und Kleintieren vor allem bei schmerzhaften Entzündungsprozessen eingesetzt werden. In dieser Studie wurden 78 hochleistende israelische Holstein-Kühe mit subklinischer Mastitis und 13 mit klinischer Mastitis mit Stoßwellen (Acoustic Pulse Therapy (APT), Armenta) lokal behandelt. Die Stoßwellen kommen aus einem mobilen Gerät und werden direkt am Euter angewendet. In der ersten Gruppe waren drei Monate nach vier APT-Therapien 71% der behandelten und nur 18% der unbehandelten Kontrollgruppe eutergesund. Bei den klinisch Erkrankten waren zwei APT-Behandlungen nötig, damit bei 77% der Kühe eine Heilung eintrat. Fazit: Alles in Allem ging es beim AABP darum, in Zukunft spezifischer zu behandeln und Alternativen zu herkömmlichen Anwendungen von Arzneimitteln zu erforschen. In den kommen Jahren sind weitere Forschungsergebnisse zu erwarten. Im nächsten Jahr findet der AABP-Kongress im September in St. Louis, Missouri, statt. M. Weerda