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EliteFrauen2017

Bloß nicht zurückziehen! Digital Plus

Was eine (wirtschaftliche) Krise im Körper bewirkt, erklärt die Diplom-Psychologin und Landwirtstochter Gyde Volquardsen. Hier die ungekürzte Version des Interviews aus der EliteFrauen-Ausgabe 2017.

Gyde Volquardsen Dipl.-Psychologin Elite: Was macht eine jahrelange wirtschaftlich sehr schlechte Situation (Milchkrise), die so gut wie nicht beeinflussbar ist, mit den betroffenen Menschen? Gyde Volquardsen: Eine berufliche Anforderung, die wir als Herausforderung oder als Bedrohung bewerten, bereitet uns Stress. Das bedeutet im übertragenen Sinne, dass unser Körper mit einer Anspannung darauf reagiert. Eine körperliche Aktivierung, die dem Menschen hilft, zu handeln. Wenn die Situation erfolgreich bewältigt wurde, klingt die körperliche Erregung wieder ab und der Körper regeneriert sich. Der Stress hat seine Funktion erfüllt. Schädlich wird es, wenn wir uns dauerhaft in einer Situation befinden, die wir nur schwer bewältigen bzw. lösen können. Das Gefühl, etwas nicht beeinflussen zu können, kann den Menschen lähmen. Wenn er keinen Handlungsspielraum für sich sieht, können Gefühle wie Hilf- oder Hoffnungslosigkeit folgen. Eine dauerhafte Anspannung, die nicht abgebaut wird, sucht sich irgendwann ein anderes Ventil. Es können körperliche Reaktionen wie Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Zähneknirschen, Schultern hochziehen oder Spannungskopfschmerzen entstehen. Mentale Reaktionen können Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit, die völlige Leere im Kopf oder Gedankenkreisen sein. Auch emotionale Reaktionen wie Gereiztheit, ständige Nervosität, schnellere Verunsicherung, Wutausbrüche oder erhöhte Schreckhaftigkeit können die Folge dauerhafter Anspannung sein. Elite: Was sind typische Anzeichen, an denen früh erkannt werden kann, dass es dem Partner/Familienmitglied/Mitarbeiter psychisch schlecht geht? Wann zeigen sich diese? Gyde Volquardsen: Der Zustand der dauerhaften Überforderung bzw. der Aussichtslosigkeit kann massive Folgen für das seelische Befinden haben. Permanent das Gefühl zu haben, nur noch zu funktionieren

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Gyde Volquardsen Dipl.-Psychologin Elite: Was macht eine jahrelange wirtschaftlich sehr schlechte Situation (Milchkrise), die so gut wie nicht beeinflussbar ist, mit den betroffenen Menschen? Gyde Volquardsen: Eine berufliche Anforderung, die wir als Herausforderung oder als Bedrohung bewerten, bereitet uns Stress. Das bedeutet im übertragenen Sinne, dass unser Körper mit einer Anspannung darauf reagiert. Eine körperliche Aktivierung, die dem Menschen hilft, zu handeln. Wenn die Situation erfolgreich bewältigt wurde, klingt die körperliche Erregung wieder ab und der Körper regeneriert sich. Der Stress hat seine Funktion erfüllt. Schädlich wird es, wenn wir uns dauerhaft in einer Situation befinden, die wir nur schwer bewältigen bzw. lösen können. Das Gefühl, etwas nicht beeinflussen zu können, kann den Menschen lähmen. Wenn er keinen Handlungsspielraum für sich sieht, können Gefühle wie Hilf- oder Hoffnungslosigkeit folgen. Eine dauerhafte Anspannung, die nicht abgebaut wird, sucht sich irgendwann ein anderes Ventil. Es können körperliche Reaktionen wie Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Zähneknirschen, Schultern hochziehen oder Spannungskopfschmerzen entstehen. Mentale Reaktionen können Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit, die völlige Leere im Kopf oder Gedankenkreisen sein. Auch emotionale Reaktionen wie Gereiztheit, ständige Nervosität, schnellere Verunsicherung, Wutausbrüche oder erhöhte Schreckhaftigkeit können die Folge dauerhafter Anspannung sein. Elite: Was sind typische Anzeichen, an denen früh erkannt werden kann, dass es dem Partner/Familienmitglied/Mitarbeiter psychisch schlecht geht? Wann zeigen sich diese? Gyde Volquardsen: Der Zustand der dauerhaften Überforderung bzw. der Aussichtslosigkeit kann massive Folgen für das seelische Befinden haben. Permanent das Gefühl zu haben, nur noch zu funktionieren, um das Rad am Laufen zu halten, zerrt an den Kräften. Häufig wird berichtet, dass für das private Leben keine Kraft mehr übrig bleibt. Sport und Verabredungen mit Freunden werden abgesagt, weil die abendliche Schwere einen so massiv überrollt, dass an ein Aufraffen nicht mehr zu denken ist. Häufige Aussagen, wie „Ich fahre so schnell aus der Haut, so kenne ich mich überhaupt nicht“, „Ich bin mittags schon so kaputt, dass ich nicht weiß, wie ich den Tag noch überstehen soll“ oder „Manchmal starre ich einfach nur die Decke an und weiß gar nicht, wie lange ich schon so dasitze“ sind ein Ausdruck der mangelhaften Erholung und dem wenigen Abschalten von Zukunftssorgen. Besonders belastend ist die abendliche Müdigkeit, die einen schon vor der Tagesschau Einschlafen lässt, aber spätestens um 2 Uhr nachts wieder hellwach macht. Viele berichten nach wenigen Stunden Schlaf nachts aufzuwachen, sich hin und her zu wälzen, das zermürbende Grübeln nicht loszuwerden, bis kurz vor dem Wecker nochmal einzuschlafen und völlig gerädert wieder aufzuwachen.  Elite: Wie soll man auf erste Anzeichen reagieren? Also wie versuchen zu helfen oder selber dagegen vorgehen? Gyde Volquardsen: Ein wichtiger Schritt ist es, sich seine Situation erst einmal bewusst zu machen. Erkenne ich eigene Signale, die auf eine massive Überlastung hinweisen? Habe ich mich persönlich sehr verändert, so dass ich mich häufig gar nicht wiedererkenne? Und sich dann im zweiten Schritt zu fragen: Wie kann ich mir selber in dem Hamsterrad einen gewissen Handlungsspielraum zurückerobern - worauf habe ich Einfluss? Was hat mir in früheren Krisen geholfen? Wenn man sich mal einen Mann vorstellt, der schweißnass und eilig durch eine Wüste wandert und jede Möglichkeit, etwas zu trinken, ablehnt, weil er keine Zeit dafür hat. Wenn man sich die Konsequenzen überlegt, würde sich wohl keiner so verhalten. Wenn die Beanspruchung am höchsten ist, werden häufig, die Dinge gestrichen, die einem eigentlich gut tun würden, weil keine Zeit oder Kraft mehr da ist. Jedoch ist gerade in diesen Phasen der Substanzverlust am höchsten und der Regenerationsbedarf enorm hoch. Der soziale Rückzug ist besonders bedrohlich, denn der Mensch braucht den Austausch und das Gefühl der Zugehörigkeit. Sich stark zurückzuziehen verstärkt das Gefühl, alleine mit den Sorgen zu sein und der Situation noch aussichtsloser gegenüber zu stehen. Sich also zu fragen, was und wer tut mir gut? Was lenkt mich von den bedrohlichen Alltagssorgen ab? Wo fühle ich mich nicht fremdbestimmt? Das Einhalten regelmäßiger Pausen und Auszeiten ist entscheidend im Umgang mit belastenden Situationen. Das Gefühl der Ohnmacht lässt sich durch das Beschäftigen mit positiven Dingen etwas beeinflussen, sei es nur der genüssliche Kaffee am Morgen, ein gutes Gespräch mit dem Nachbarn oder ein schöner Sonnenaufgang. Diese Momente verändern nicht unbedingt die Zukunft, aber für den Moment die Lebensqualität, denn unser Körper lebt genau in diesem Moment ohne zu wissen, was gestern war oder morgen sein wird.    Elite: Wann braucht man professionelle Hilfe? Was macht man, wenn der Betroffene nicht darauf eingehen will? Gyde Volquardsen: Das ist individuell verschieden, aber sobald sich das Gefühl verstärkt, alleine nicht mehr weiterzukommen, sich aus dem gelähmten Zustand zu befreien, ist es wichtig sich professionelle Hilfe zu holen. Viele lassen es erst bis zum Äußersten kommen bis sie sich trauen, diesen Schritt zu gehen. Doch es bedarf etwas Zeit, eine geeignete Anlaufstelle zu finden, da die Wartezeiten häufig sehr lang sind. Jeder Mensch kann nur für sich entscheiden, ob er sich in professionelle Hilfe begeben möchte, dieser Schritt bedarf auch grundsätzlicher Veränderungsmotivation. Elite: Wo bekommt man Hilfe? Gibt es Kassenleistungen, da die wirtschaftliche Situation ja ohnehin eng ist? Gyde Volquardsen: Im ambulanten Bereich kann man professionelle Hilfe über einen psychologischen Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutin bekommen, welches bei medizinischer Begründung als Kassenleistung übernommen wird. Ortsnahe Anlaufstellen sind über: http://www.psychotherapiesuche.de/ oder http://www.psych-info.de/ zu finden. Im stationären Bereich sind psychosomatische Rehabilitationen empfehlenswert, welche ebenfalls als Kassenleistung gelten.