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Der Strukturwandel zieht an

2015/16 betrug der Strukturwandel in Schleswig-Holstein 7,3% - mehr als doppelt so viel wie in den vergangenen Jahren. Auch im Deutschlandtrend sinkt die Anzahl der Betriebe weiter. Damit kommt jetzt die Milchpreiskrise nicht nur im Norden voll auf den Betrieben an.

Milchviehbetriebe in Deutschland werden immer größer - aber von "grenzenlosem" Wachstum kann trotzdem nicht die Rede sein. So lassen sich verschiedene Veröffentlichungen der vergangenen Woche bündeln, die den Strukturwandel in Zahlen und Worte fassen. Zwar stechen einzelne Bundesländer mit gegenteiligen Entwicklungen heraus (z.B. steigt die Kuhzahl in Niedersachsen), doch über Deutschland hinweg gesehen bremst die Milchpreiskrise die Entwicklung.

  • Mehr Betriebe geben auf: 2015 wurde erstmals die Zahl von 4.000 aktiven Milchviehhaltern in Schleswig-Holstein unterschritten. Anfang Juni 2016 haben nur noch 3.698 Betriebe Milch an die Molkereien verkauft. Während in "normalen" Jahren im vergangenen Jahrzehnt jährlich 3,1% oder gut 180 der Betriebe aufhörten, haben zwischen Juni '15 und Juni '16 292 Betriebe die Kühe abgegeben (-7,3%). Auch in Niedersachsen geht die Zahl der Milchviehhalter zurück, allerdings weniger stark als in Schleswig-Holstein: Hier schlossen nur 3,5% der Betriebe ihre Tore. Im Bundesdurchschnitt gaben 4,6% der Betriebe auf.
  • Die absolute Kuhzahl sinkt: In ganz Deutschland wurden 2015/16 rund 0,7% weniger Rinder gehalten als im Jahr zuvor. Vor allem im Süden (Bayern, Baden-Württemberg) und in Thüringen nahm der Kuhbestand ab. Das wird aus Zahlen der HIT-Datenbank deutlich. In Norddeutschland stagniert die Kuhzahl: Wachstumsbetriebe füllen ihre Ställe auf oder nutzen nun die möglichen Tierplätze aus, die früher durch die Quote leer standen waren. In Niedersachsen stieg die Zahl der Kühe sogar um 0,7% an.
  • Die Betriebe wachsen weiter: Nur noch 15% der schleswig-holsteinischen Betriebe melken weniger als 50 Kühe. Auch die Größenklasse 50 bis 100 Kühe (42,3% der Betriebe) wird stetig kleiner. Schon knapp 43% der Betriebe halten mehr als 100 Kühe. Diese Milchviehbetriebe melken bereits zwei Drittel aller Kühe in dem Bundesland!

Trotzdem ist nicht von einem "Wachstum ohne Grenzen" auszugehen:

  1. Die höheren Milchpreise kommen wohl erst Anfang 2017 auf den Betrieben an. Viele werden Löcher zu stopfen haben, bevor sie das Geld in neue Anlagen und Gebäude investieren.
  2. Es wird immer schwieriger (und teurer!), die umfangreichen Umwelt- und Tierschutzstandards zu erfüllen.
  3. Auch aufgrund des volatilen, quotenlosen Marktes dürften Landwirte große Investitionen künftig vorsichtiger angehen.
Dies zeigt sich auch in Niedersachsen und im Rest des Bundesgebiets: Die Zahl der weiblichen Rinder zur Zucht (älter als ein Jahr, nicht abgekalbt; HIT-Daten) ging um 0,4 (Niedersachsen) bzw. 1,1% (Deutschland) zurück. Daraus leitet das Landesamt für Statistik in Niedersachsen ab, dass derzeit keine weiteren Wachstumspläne bestehen - es fehlt die Nachzucht.

Investitionen sind nicht mehr zu bezahlen

Die Betriebsaufgabe aus wirtschaftlichen Gründen kommt auf den Höfen erst zeitverzögert an, sodass auch im kommenden Jahr mit einer hohen Zahl an Betriebsaufgaben gerechnet werden muss. Bei den meisten dieser Betriebe fehlt ein Nachfolger oder sie sind nicht in der Lage, die von der Gesetzgebung geforderten Investitionen zu stemmen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • raus aus dem Anbindestall
  • Güllelagerung
  • Sickersaft
  • Probleme mit der Nährstoffbilanz
  • Anforderungen durch Tierwohl etc.

Zudem rechnen Milchmarktexperten damit, dass es in Zukunft vermehrt einen "Milchzyklus" geben wird, bei dem alle drei Jahre auf ein Hoch ein Preistief folgt. Wer es nicht schafft, Einkommen klug auch zur Liquiditätssicherung zurückzulegen, wird spätestens bei der nächsten Niedrigpreisphase ins Straucheln kommen.

Quelle: Bauernblatt SH, Landesamt für Statistik Niedersachsen