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42. Tag des Milchviehhalters Sachsen-Anhalt

Das Fundament trägt die Produktion

Eine gute Klauengesundheit bildet das Fundament für Tierwohl, Leistung und Wirtschaftlichkeit. Auf dem Tag des Milchviehhalters in Sachsen-Anhalt wurde über die wirtschaftlichen Folgen lahmer Kühe und über Maßnahmen, die in der Praxis helfen die Klauengesundheit nachhaltig zu verbessern, diskutiert

Je nach Schwere entstehen pro Lahmheitsfall Kosten von etwa 130 bis über 600 € (Behandlung, Leistungseinbußen Milch und Fruchtbarkeit, ggf. Remontierung), so Dr. Bernhard Taffe vom Rindergesundheitsdienst der Tierseuchenkasse Sachsen-Anhalt. Welche Relevanz dieser Problematik im Tagesgeschäft der Milchproduktion zu kommt, erläuterte Dr. Anke Römer (LFA Mecklenburg-Vorpommern) an Hand der Ergebnisse der Gesundheitsdaten der Testherden von der Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH (RBB) und der RinderAllianz GmbH: Mit einem Anteil von 27 % finden sich Störungen des Bewegungsapparats an zweiter Stelle der wesentlichen Erkrankungs-Diagnosen der rund 80.000 Testherden-Kühen. An erster Stelle stehen mit 36 % Reproduktionsstörungen und an dritter Stelle mit einem Anteil von 23 % Eutererkrankungen.

Jungkühe stecken Lahmheit schlechter weg als ältere

Bedenkt man die Ursache-Folge-Zusammenhänge für Klauenerkrankungen (Stress aus Fütterung/Haltung/Abkalbung – Immundepression – Stoffwechselstörungen – Verhornungsstörungen – Fehlbelastungen – Infektionen – Entzündungen – Lahmheit durch Schmerz – rückläufige Aktivität – rückläufige TM-Aufnahme – Leistungsdepression), können andere Erkrankungs-Diagnosen wie z.B. Reproduktionsstörungen durchaus auch als Folge von Klauenläsionen auftreten. Dies bestätigen auch wissenschaftliche Studien, in denen direkte Zusammenhänge zwischen Lahmheit und höheren Zwischentragezeiten sowie höherem Besamungsaufwand festgestellt wurden. Etwa bei Schildt (2012), die eine im Schnitt um neun Tage höhere Zwischentragezeit (ZTZ) feststellten und dabei insbesondere Jungkühe der 1. und 2. Laktation betroffen waren.

Generell ist aus den Gesundheitsdaten der Testherden abzulesen, dass Klauenläsionen zwar eher häufiger bei älteren (ab 4. Laktation) Kühen auftreten (bzw. auch deutlicher zu erkennen sind), sie diese aber besser „wegstecken“. Jungkühe müssen etwa durch geringere TM-Aufnahmen pro Mahlzeit einfach häufiger zum Fressen gehen als ältere Kühe – gehen sie bereits lahm, bekommen sie ein Problem ihren Bedarf zu decken! Dr. Römer empfiehlt deshalb vorbeugend, bei Jungrindern zum Erreichen der Zuchtreife (400 kg) den ersten Klauenschnitt durchzuführen. Hinweis: Je schwerer die Jungrinder zum Zeitpunkt der ersten Besamung sind, desto mehr Klauenprobleme sind in ihrer ersten Laktation zu erwarten!

Weitere Tipps & Aktuelles für den Weg zu gesunden Klauen und Gliedmaßen

Scoring: Gutes Scoring ist wichtig, um Erkrankungen früh zu finden und die Klauengesundheit der Herde zu beurteilen.

  • Die regelmäßige Anwendung des Locom" style="max-height:25px;max-width:25px;">otion-Score ist am besten am Rücktrieb vom Melkstand umzusetzen. Über die Krümmung des Rückens kann man klinisch, nicht infektiösen Läsionen wie Geschwüre gut frühzeitig erkennen (bis zu 90 % der Läsionen können vorab akuter Lahmheit erkannt werden). Bei Auffälligkeiten zeitnah handeln und Kühe im Klauenstand kontrollieren!
  • Anders sieht es bei infektiösen Klauenerkrankungen wie Mortellaro oder Ballenhornfäule aus. Hier sind in der Regel beide hinteren Gliedmaßen betroffen und die Kühe belasten häufig so wieder beide Gliedmaßen gleichmäßig. Das Scoring für Mortellaro kann sehr gut auf dem Melkstand durchgeführt werden (vergleichbare Erkennungsraten wie bei Untersuchung im Klauenstand). Scoren im Melkstand heißt aber nicht auch im Melkstand zu behandeln! Das ist aus Sicht der guten fachlichen Praxis nicht sinnvoll (hier die DD-Behandlungsempfehlung nach Döpfer 2015).
  • Empfohlen werden ein monatliches Intervall und immer wachsame Augen bei der täglichen Stallarbeit (Boxenpflege, Brunstkontrolle, Treiben zum Melken). Wichtig ist, dass die scorende Person gut dafür geschult ist und möglichst immer dieselbe Person scort (Vergleichbarkeit).
  • Auch Aktivitäts- und Milchmengenmessung nutzen: Bei geringer Aktivität und rückläufiger Milchmenge mit an die Klauen denken ggf. Kuh in Klauenstand holen. Eine rückgängige Milchmenge kann etwa bereits sechs bis zehn Tage vor offensichtlichen Lahmheitserscheinungen auftreten. Gerade bei Jungkühen interessant, das die oft weniger klar lahmen, als Altkühe.
  • Von der Verwendung von Hightech-Lösungen wie der sogenannten Step-Matrix zur Lahmheitskontrolle rät Dr. Römer klipp und klar ab. Sie sind viel zu teuer und dabei noch zu ungenau.
Hier finden Sie die Präsentation von Dr. Römer: "Gesunde Klauen tragen Leistung und Wirtschaftlichkeit - Ergebnisse aus Praxisbetrieben". Mehr zu "Indikatoren zur Beurteilung von Haltung und Gliedmaßengesundheit" in der gleichnamigen Präsentation von Dr. Heiko Scholz (Hochschule Sachsen-Anhalt).

Wie hoch der Anteil lahmer Kühe in der Herde ist und welche Kühe lahmen, kann über eine regelmäßige Bewertung des Gangbildes (Locomotion Score) festgestellt werden. Die Kühe müssen sich für eine gute Beurteilung frei bewegen. Eine Herdeneinstufung funktioniert daher am besten am Rücktrieb vom Melkstand. Um Einzeltiere zeitnah zu finden, muss zudem der Blick bei der täglichen Arbeit mit den Kühen geschärft werden (Treiben zum Melken, Boxenpflege).

Weniger Lahmheiten durch Kuh-individuelle Pflege-Intervalle: Unter Betrachtung der  genannten Beobachtungen, ist es einleuchtend, dass Kühe bezüglich der Klauengesundheit nicht stumpf über einen Kamm geschoren werden dürfen. Das zeigen auch Ergebnisse, die Dr. Hans-Peter Klindworth von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen vorstellte: In Betrieben, in denen die Kühe von ausgebildeten Klauenpflegern individuell nach Bedarf geschnitten wurden, war das Lahmheitsvorkommen wesentlich geringer, als auf Betrieben, die halbjährig komplette Herdenschnitte vornahmen. Klindworth empfiehlt daher

  • ein „intelligentes“, individuelles Schnittintervall nach Bedarf. So reicht bei gesunden Jungkühen häufig eine funktionelle Klauenpflege/Jahr.
  • Für Kühe der zweiten und dritten Laktation empfiehlt er zwei bis vier Pflegetermine/Jahr. Grundsätzlich gilt, je älter die Kuh und je mehr Vorschäden, desto kleiner sollte das Pflegeintervall ausfallen (bis zu fünf bis sechs Mal/Jahr) inkl. Sofortbehandlung lahmer Kühe! 
Diese Form der intelligenten Klauenpflege setzt eine sehr gute Dokumentation voraus, dabei setzten sich zunehmen digitale Lösungen aufgrund besserer Auswertungs- und Archivierungs- und Zugriffmöglichkeiten durch (Präsentation von Dr. Klindworth: „Management der Klauengesundheit – Welche Routine, was kann ich tun?“).

Fütterung nach guter fachlicher Praxis: Thomas Engelhard (LLFG Sachsen-Anhalt) fasste in puncto Fütterung sehr treffend zusammen: „Die Beachtung der Grundsätze einer guten Fütterungspraxis, ist in erster Linie wichtige Basis für eine gute Klauengesundheit – nicht die Zugabe von Spezialfuttermitteln.“ Als Hauptfehler in der Fütterung, die Ursache für Klauenprobleme sein können, nannte er:

  • Mangel an Strukturwirksamer Rohfaser
  • Überschuss an Stärke und Zucker
  • Energieüberschuss an Energie Spätlaktation und frühe Trockenstehphase
  • Energiemangel Frühlaktation
  • Rohproteinüberschuss (absolut/relativ) und/oder Nitratbelastung
  • Bildung von biogenen Aminen (Histamin), insbesondere aus Weizen u.a.
  • Mangelnde Futtermittelqualität
  • Mangel an spezielle Mengen- und Spurenelementen sowie Vitaminen S, Ca, P, Zn, Cu, Se, A, D3, E, H/Biotin
Dass die Körperkondition von großer Bedeutung für die Klauengesundheit ist betonte Thomas Engelhard besonders. Bei Kühen, die bereits in der Trockenstehphase unterkonditioniert sind, sind Klauenprobleme und Lahmheiten vorprogrammiert! Neue britische Studien erklären die Zusammenhänge von Körperfettmobilisation und schwindendem Ballenfettpolster mit der Folge von erhöhtem Lahmheitsrisiko in allen weiteren Laktationen (Universität Nottingham 2015, siehe auch Elite 1/2016 „Wenn der Stoßdämpfer nachlässt“). Engelhardt empiehlt, um dem Teufelskreis „mager-lahm“ entgegen zu wirken, regelmäßig alle 14 Tage den Body Condition Score (BCS) aller Trockensteher einzustufen. Magere Kühe sollen dann früher in die Vorbereiterfütterung gestellt werden, fette Kühe müssen besser dokumentiert werden, um in der Folgelaktation reagieren zu können. Bei zunehmenden BCS-Ergebnissen in eine der Richtungen, gilt es das Fütterungsmanagement generell zu überprüfen (Präsentation von Engelhard: „Klauengesundheit und Fütterung – Wechselwirkung von großer Bedeutung“),

Gesunde Klauen züchten: Die Umweltfaktoren haben den größten Einfluss auf die Klauengesundheit, doch auch die Zucht trägt ihren Teil dazu bei, wenn auch nur einen kleinen.

  • Grundsätzlich gilt, je besser der Fundamentzuchtwert, desto weniger Problem mit den Klauen. Aber das ist nicht super verlässlich, da es sich um subjektive Erfassungen handelt und die Betriebe sich bei ähnlichen Milchleistungen sehr, sehr stark in den Befallszahlen ihrer Herden unterscheiden, eben extremer Umwelteinfluss (Swalve 2012)! Dr. Jan Körte (RinderAllianz) nennt Größenordnungen: bei sehr guter Hinterbeinstellung gibt es bis zu 0,6 x weniger Sohlengeschwüre, bei sehr guten Sprunggelenken 0,3 x weniger Sohlengeschwüre. Keinen Einfluss habe allerdings der Klauenwinkel sowie die Trachtenhöhe auf das Auftreten von Mortellaro. 
Dr. Körte fasst zusammen: Um genetisch besser an der Klauengesundheit zu arbeiten, muss genauer eingestuft und dokumentiert werden. Dazu bedarf es auch der Entwicklung von Klauenmerkmalen in der Zuchtwertschätzung. Er verriet, dass die RinderAllianz daran arbeitet und zur ZWS im August 2016 einen Zuchtwert "für alle relevanten Klauenerkrankungen“ einführen will. Das die Erblichkeiten gar nicht so gering sind wie immer vermutet, beweisen erste genetische Parameter aus dem „Klauen Plus“-Programm: So hat zum Beispiel Mortellaro eine Heritabilität (h2) von 0,113, Limax eine von 0,108 und der für die Somatische Zellzahl 0,16! (Präsentation Dr. Körte: „Gesunde Gliedmaßen und Klauen – Neue Möglichkeiten in der Zucht“).

Integument-Schäden unterbinden! Haarlose Stellen bis zu geschwollenen, entzündeten Torsal- und Karpalgelenke sind eine Ursache von falschem bzw. nicht vorhandenem Liegekomfort und bezüglich des Wohlergehens der Kuh absolut inakzeptabel! Dabei ist nicht grundsätzlich zu sagen, dass die Tiefbox das Nonplusultra für Liegekomfort ist, merkte Prof. Dr. Steffi Geidel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden an. Als unabdingbare Eigenschaften für das optimale Bett der Kuh nennt sie eine verformbare Basis und eine trockene, weiche Einstreuschicht darüber. Diesen Kriterien kommt man mit einer gut (!) gepflegten Tiefbox grundsätzlich am nächsten. Als Ideal ist nach wie vor die Sandtiefbox zu nennen – bezüglich der Umsetzungskosten und Gülletechnik in Deutschland kaum umzusetzen, merkt Prof. Dr. Geidel im gleichen Atemzug an. Tiefboxen, die nicht genügend eingestreut und gepflegt werden, sind nicht besser als eine Hochbox!

  • Daher: 1x wöchentlich einstreuen und zwei- bis dreimal täglich pflegen (Kot und nasses Einstreu raus, trockenes Einstreu nachziehen, Fläche einebnen).
Doch auch Untersuchungen bei Hochboxen mit Stroheinstreu zeigen, dass die Prävalenz von Integumentschäden mit 3 % sehr gering sein kann – es gibt allerdings auch Ergebnisse von 100 % Integumentschäden bei diesem Boxentyp (Schaub et al. 1999)! Die allgemeinen Probleme der Hochboxen mit Gummimattenauflage („Komfortmatten“) sind die abrasive Eigenschaft (die liegende Kuh bewegt sich immer, alleine durch die Atmung, ist die Unterlage nicht flexibel und lässt die Bewegung zu, ensteht Reibung), bei verhärteten/zu harten Matten kommt es zu Druckstellen (Dekubitusbildung) sowie die nicht vorhandene Aufnahmekapazität für Feuchtigkeit der Matte – eine Kuh schwitzt pro Liegeperiode zwei bis drei Liter! Die Feuchtigkeit, nicht vorhandene oder ungeeignete Einstreu wie Sägemehl (Schmiergeleffekt) auf der Matte provozieren also neben Integumentschäden auch Probleme in der Hygiene.

  • Entgegengewirkt werden kann hier nur mit sehr gutem Einstreumanagement auf den Matten (Häckselstroh) – das erhöht allerdings den allgemein eigentlich als so „niedrig“ beschriebenen Arbeitsaufwand und die Verfahrenskosten. Auch hier gilt: wöchentlich Einstreuen, täglich zwei- bis dreimal pflegen.
Fakt ist, eine Liegebox ist nur so gut, wie sie eingestellt ist und wie sie gepflegt wird! In vielen Betrieben werden die Maße der Boxen jedoch kaum kontrolliert bzw. angepasst, dabei muss die Liegefläche der Körpermasse der Kühe angepasst sein – die Idealmaße und Schlüsselfaktoren nach Nigel Cook siehe Elite 5/2014)! (Präsentation Prof. Dr. Geidel:  „Die ideale Liegebox? – Betrachtungen zur Fundamentgesundheit und Wirtschaftlichkeit“).