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Fakten statt Fake

Kindergruppe
Neben Kindern sollten vor allem Lehrer, Kindergärtner und Journalisten Hofführungen erhalten. Foto: Stöcker

Wir leben in einer Mediengesellschaft. Wenn wir weiter Landwirtschaft betreiben wollen, müssen wir das für uns nutzen! Erklärungen und Praxistipps von Dr. Ulrich Nöhle, Mediator. Mit Kopiervorlage!

Das eine sagen, aber genau das Gegenteil tun – wer kennt es nicht? Das trifft nicht nur auf Verbraucher zu („Natürlich bin ich bereit, für Qualität und regionale Lebensmittel mehr Geld auszugeben“), sondern genauso auf die Landwirte selbst: Auch wir freuen uns über billiges Geld, sind dann aber entsetzt darüber, wenn die Banken sich (ver)zocken. Anderes Beispiel: Eine klassische Milchpackung besteht aus einem hübschen alten Bauernhaus, einer Kuh auf der Weide, garniert mit einem Blühstreifen und viel Grün. Jeder Landwirt weiß, dass Milch so nicht produziert wird. Trotzdem verkauft die Milchwirtschaft ihre Produkte mit genau diesem Heidi-Gefühl.

Unsere Gesellschaft ist geprägt von einer Doppelmoral, Kopf- und Bauchmeinung sind bei jedem Menschen vorhanden. Das Wissen darum kann man nutzen! Waren es früher die Götter (Antike), die Kirche (Mittelalter) oder die Wissenschaft (18./19. Jahrhundert, industrielle Revolution), die bestimmten, was für die Menschen richtig oder falsch ist, übernehmen diese Rolle heute die Medien. Steht in Fachzeitschriften vor der Veröffentlichung eines Artikels häufig noch Recherche durch Journalisten, kann im Internet jeder ohne Rechtfertigung oder Legitimation etwas publizieren. In „sharing-Medien“ wie Youtube kommt es zu einem regelrechten „Schneeballsystem“: Die vermeintlichen Fakten sind nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft, erreichen jedoch trotzdem eine enorm hohe Reichweite. Daraus resultiert große Macht, für die Nutzer steigt der Wahrheitsgehalt einer Meldung mit der Reichweite an.

Wenn Mediengesellschaft und Doppelmoral zusammenkommen

Probleme entstehen dann, wenn das „moralische“ Bauchgefühl  verletzt wird (Gefühl, nicht Rechtsvorschrift!) und dieses Gefühl mit künstlicher Aufgeregtheit und dem Wunsch nach hohen Quoten seitens der Medien zusammentrifft. Ideal (Milchpackung) und Skandal (PETA-Berichte) sind stark verbreitet – was die Branche bisher versäumt hat, ist, das Normale realitätsnah darzustellen. Die Menschen unterscheiden nicht mehr zwischen träumerischer Erwartung und der Wirklichkeit; „Massentierhaltung“ ist, was der Verbraucher nicht versteht. Das heißt für uns: Wir müssen kommunizieren! Wer Vorgänge nicht offen legt, ist heute per se verdächtig. Die Entwicklung hin zu einer Transparenzgesellschaft lässt sich nicht mehr aufhalten.

Wie also damit umgehen?

  • Überzeugen Sie mit Ihrer Authentizität als Betriebsleiter und Herdenmanager: Laden Sie gezielt Multiplikatoren ein (Lehrer, Kindergärtner, Journalisten; mit und ohne Gruppe).
  • Sagen Sie, wie es ist: Welche Technik setzen wir ein? Wie hat sich die Technisierung auf die Erträge ausgewirkt, wie die Tierzucht auf die Leistung? Woher kommen Futtermittel, wohin werden unsere Produkte vermarktet?
  • Machen Sie die Vorgänge auf dem Hof für den „modernen Medienmenschen“ erlebbar, indem Sie das Gefühl ansprechen. Das geht auch mit dem klassischen „Tag des offenen Hofes“ – da gilt es jedoch einiges zu beachten.

Der „Tag des offenen Hofes“ für Medienmenschen

  • Führen Sie qualifizierte Hofführungen durch, setzen Sie nicht auf Streichelzoos oder den Pflaumenkuchen Ihrer Schwiegermutter. Sofern möglich und wo sinnvoll: Lassen Sie Ihre Kinder die Führungen veranstalten!
  • Verbinden Sie dabei die allgemeine Situation in Deutschland mit der Vorgehensweise auf Ihrem Betrieb. Die Besucher müssen etwas mit nach Hause nehmen können! Drucken Sie daher kleine Faltblätter, auf denen Sie Ihren Hof und dessen Bewohner vorstellen (wichtigste Fakten zur Kuh, wie hat der Hof vor 100 Jahren ausgesehen?, wie viele Personen ernähren wir heute im Vgl. zu früher?). Nutzen Sie Bilder und geben Sie Quellen für Ihre Informationen an.
  • Bauen Sie einen Bezug zur Realität des Verbrauchers auf. Statt „gerade kalbt keine Kuh, ich kann Ihnen das also nicht zeigen“, drehen Sie ein Video! An alle Schlüsselstellen wie Abkalbebox, Melkstand, den hofnahen Acker usw. gehört ein QR-Code mit dem dazugehörigen Bewegtbild. Bauen Sie Beamer auf, die Powerpointpräsentationen in Endlossschleife abspielen.
  • Erstellen Sie eine eigene Homepage und bringen Sie Video und Link (QR-Code) als Aufkleber auf jedes Fahrzeug. Zeigen Sie Bilder und Videos aus Ihrem Stall. Wichtig: Wenn Sie diese Online-Angebote machen, installieren Sie WLAN auf dem Hof. Was bringen toll aufbereitete Informationen, wenn die Gäste sie mangels Internetempfang nicht anschauen können!
  • Zustände oder Verfahren, die Sie Besuchern nicht zeigen oder erklären möchten, müssen Sie ändern.

Ein Schritt nach dem anderen

Fortgeschrittene können gute Ergebnisse mit einem Blog oder einer Webcam aus dem Stall erzielen – diese Angebote müssen jedoch begleitet werden und sind kein Selbstläufer! Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sind eine Menge Arbeit. Sie müssen nicht morgen jedes Detail umgesetzt haben, sondern sollten mit einer Sache anfangen. Seien Sie kreativ! Denn Sie könnten ebenfalls jemanden damit beauftragen:

  • Junge Landwirte,
  • Ihre Kinder, bevor sie den Hof bekommen,
  • Interessierte, die sich zu einer Gruppe zusammenfinden,
  • Eine Berufs- oder Fachschulklasse (je eine Gruppe erstellt eine Homepage, einen Blog, Einzelvideos etc. und führt dies am Ende zu einem „Handbuch Kommunikation“ zusammen),
  • die Verbände, ...

Bei Dingen wie einem Internetnetzwerk auf Ihrem Hof, Videos drehen oder Bilder bearbeiten, fragen Sie ruhig Ihre Kinder und Enkel. Alternativ können Sie auf die bereits vorhandenen Plattformen verweisen. Dort finden Sie ebenfalls Beispiele für die Aufarbeitung schwieriger Themen wie z.B. der Trennung von Kuh und Kalb oder dem Enthornen:

 
Fazit: Heute produzieren Sie Lebensmittel, Futtermittel und Nutztiere, weil Mensch und Tier etwas zu essen brauchen. Vielleicht liefern Sie noch ein paar Informationen dazu. Morgen produzieren Sie Informationen – und wenn diese transparent sind und von der medialen Öffentlichkeit verstanden werden, dürfen Sie Tiere, Futter- und Lebensmittel nachliefern!

Anmerkung der Redaktion: Als ersten Schritt wäre es vielleicht möglich, einen Hinweis auf bereits bestehende Plattformen ins Stallfenster zu hängen. Wir haben Ihnen da als kleinen Service etwas vorbereitet ! Dazu, aus einem Artikel aus der Elite 2/2015 ("Ran an den Verbraucher!"), eine kleine Argumentationshilfe mit interessanten Grafiken.

Noehle
Vortrag von Prof. Ulrich Nöhle im Rahmen einer Abendveranstaltung der Tierarztpraxis LandVet, Much, vom 04.03.2016

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