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Melken unter dem blau-gelben Banner

Borrarps Gärd
Foto: Berkemeier

Für die Fokus-Reportage in der Elite 4/2015 habe ich mich auf den Weg nach Schweden gemacht. Erste Eindrücke aus dem Land mit dem strahlend blauen Himmel, in dem die Kühe auch im Wald weiden und Butter in 500 g-Päckchen verkauft wird!

Wie genau wird es sein? Was ist anders als in Deutschland? Sind die Kühe gut? Während der Vorbereitungen und der Fahrt überlege ich, was genau mich auf dem Betrieb für unsere nächste Fokus-Reportage erwartet. Es geht nach Schweden! Astrid Lindgren-geprägt ziehen Bilder von den typisch ochsenblut-roten Holzgebäuden und rotbraunen Swedish Reds durch meinen Kopf. Gleichzeitig mahnen Stichwörter wie „High Input, High Output-Strategie“, „Hochlohnland“ und „Automatisierung“ das idyllische Kopfkino. Ich bin gespannt und gebe mich mit den mir bisher bekannten Fakten über den angesteuerten Betrieb Borrarps Gärd (Hof) zufrieden: Zurzeit 130 Kühe, drei Rassen, über 9.000 kg Leistung, Biobetrieb, Sperma-Import, Waldwirtschaft. Bewirtschaftet wird der Milchviehbetrieb seit dem Jahr 2000 von der Familie Trawniczek, die aus Süddeutschland hierher ausgewandert ist, sowie der Lebensgefährtin von Betriebsleiter Carl Trawniczek, Anja Zimmermann aus der Schweiz und zwei Mitarbeitern. Anja Zimmermann haben wir in der letzten Ausgabe der Elite Frauen vorgestellt und sie hat uns nach Borrarps Gärd eingeladen!

Auf der Fahrt durch das ackerbaugeprägte Südschweden hinauf Richtung Västra Götaland, präsentieren jetzt Mitte Mai die blühenden Rapsfelder und der strahlend blaue Himmel eindrucksvoll die schwedischen Nationalfarben. Milchviehbetriebe links und rechts der Straße E20 sind auffallend groß, modern und lassen ihre Kühe, größtenteils Holsteins, weiden. In Schweden gilt Weidepflicht: Für alle konventionellen Betriebe im Süden vier und im Norden drei Monate, ökologische Betriebe müssen fünf Monate weiden lassen. Je dichter wir uns dem Zielort Dalstorp näheren, desto mehr bewaldete Fläche umgibt uns.
 
Nach der letzten Kurve und abwärts der Hügelkuppe präsentiert sich dann plötzlich vor uns das Betriebsgelände von Borrarps Gärd: Groß, rot gestrichene Holzgebäude mit weißen Fenster- und Türrahmen, die alle miteinander verbunden sind, Fahrsilos, ein großer Güllehochbehälter.

Borrarps Gärd
Foto: Berkemeier

Ein Kuhplatz für 3.000 €

Herzlich begrüßt machen wir einen ersten kleinen Rundgang über den Hof. Voller Vorfreude geht es dann endlich in den Kuhstall – hier erwartet mich ein in Deutschland ungewohntes Bild: Kühe in allen Farben und eine gewaltige Holzkonstruktion: bis auf die Liegeboxenbügel, Tore, Entmistungsschieber und der Stahlschiene für die automatische Fütterung ist alles aus Holz! Aus dem eigenen Wald und bis auf die letzte Dachlatte selbst gesägt, erklärt der Betriebsleiter. Die automatische Fütterung wurde gebraucht gekauft, ebenso Melktechnik und Milchtank. Schnell erkennt man, dass hinter diesem Betrieb ein sehr genau durchdachtes Konzept, viel Arbeit und ein enormer Fundus an Ideen und Weitsicht stehen. Der Betrieb wurde seit der Übernahme mit zunächst 38 Milchkühen in der Anbindung in einem Kompromiss aus kostensparendem Bauen (3.000 €/Kuhplatz) und Arbeitszeiteinsparung weiterentwickelt.

Borrarps Gärd
Foto: Berkemeier

Die Leute von Borrarps Gärd schätzen sich zufrieden mit ihren Entscheidungen – über den letzten Winter haben viele Betriebe in Schweden die Milcherzeugung aufgegeben. Viele sehr kleine Betriebe, mit nur fünf oder zehn Kühen. Aber auch große Betriebe, die schlicht und ergreifend zwischen Verschuldung und niedrigen Milchpreisen aufgerieben wurden. Aufgrund der hohen Lohnkosten haben viele schwedische Betriebe in den letzten Jahren enorm in Automatisierung mit modernster Technik investiert, um Arbeitszeit einzusparen.

Kreuzungszucht mit Braunvieh

Vom Vorbesitzer übernahmen die Trawniczeks 38 Kühe: 2/3 Swedish Red/Schwedischen Rotbunten (SRB) und 1/3 Holstein. Inspiriert durch die während seines landwirtschaftlichen Studiums in Schweden propagierte Kreuzungszucht begann Carl Trawniczek die schlechtesten SRB-Kühe mit Braunvieh anzupaaren. Die Auswahl der Braunviehbullen in Schweden war extrem begrenzt. Dennoch erwiesen sich die Töchter aus diesen Anpaarungen als äußerst profitabel, auch sieben Jahre später waren sie alle mit guten Leistungen und fit im Betrieb. Die Strategie wurde ausgefeilt und heute besteht die Herde zu 30 % aus Holsteins, 60 % Kreuzungen und 10 % SRB.

Borrarps Gärd
Foto: Berkemeier

Die absolute Michel Lönneberger-Romantik finde ich dann beim Spaziergang um den naheliegenden See. Hier stehen in der Abendsonne einige der Trockenstehenden auf einer Weide zwischen den Birken, Fichten und Kiefern. Das Fell der schwedisch Roten leuchtet im gleichen Ton wie das typische schwedenrot der Gebäude vom kleinen Hof im Hintergrund. Das man hier glücklich werden kann, kann ich verstehen.

Die Begeisterung der Leute vom Borrarps Gärd für ihre Kühe, den Betrieb und die Ideen für die weitere Entwicklung stecken an. Und es ist schön und auch ein bisschen verrückt zu sehen, dass sich meine zweigeteilten Vorstellungen von der schwedischen Milcherzeugung genau auf dem Borrarps Gärd in einer gut funktionierenden Mischung vereinen können.

Lesen Sie mehr über die Menschen, die Ideen und die Herde auf dem Borrarps Gärd im Fokus der kommenden Juli/August-Ausgabe der Elite!


Katrin Berkemeier

Über den Autor

Team Elite

In diesem Blog lässt das Team der Elite-Redaktion seinen Gedanken freien Lauf. Hier geht es um alles, was das Thema Milchproduktion so spannend macht. Wir hoffen, Sie haben Spaß an unseren Berichten, lassen sich von ihnen ein wenig inspirieren und schreiben uns auch mal, was Sie davon halten. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Schlagworte

Gärd, Borrarps, Schweden, Fokus, Berkemeier, Elite, Reportage, Weide, schwedisch, roten

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