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Gibt’s denn so was? 80 Kühe und aufhören!?

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Foto: Archiv

Heute ist mir etwas passiert, das ich unbedingt loswerden will bzw. mitteilen muss, weil es so ungewöhnlich ist!

Also … ich zog mir heute in Oldenburg auf den Q-Days während der Mittagspause einen Kaffee, als plötzlich ein Landwirt mittleren Alters auf mich zu kam und mir lächelnd mir zu meiner großen Überraschung erklärte, dass er sich freue mich mal livehaftig, so von Angesicht zu Angesicht, zu sehen. Immerhin hätte ich sein Leben grundlegend verändert. Zunächst dachte ich, dass er mich mit jemandem verwechselt; ich konnte mich nicht daran erinnern, dem Mann jemals zuvor begegnet zu sein. Doch als er mich mit meinem Namen ansprach, war mir klar, dass tatsächlich doch ich gemeint sein muss!

Was hab ich bloß getan? Mein Gesprächspartner erklärte es mir umgehend: Er hat einen von mir verfassten Kommentar in der Elite 1/2015 (letzte Seite: Nein, wachsen will ich nicht …) zum Anlass genommen, die eigene Zukunft zu überdenken. Dabei wurde klar, dass er sich und seiner Familie größere Investitionen nicht zumuten will oder kann, den Wachstumspfad nicht einschlagen will. Kurzerhand hat er sich dazu durchgerungen, seine 80 Kühe zu verkaufen und den Stall zu verpachten – ohne einen Plan B in der Tasche zu haben (Arbeitsvertrag).

Etwas ungeheuer scheint mir die Story schon, ich befürchtete denn auch, dass das dicke Ende noch kommt. Mir schießen etliche Gedanken durch den Kopf, … womöglich hat der Mann die Aufgabe der Milchviehhaltung mental nicht verkraftet, die Einnahmen vom Verkauf der Kühe sind aufgezehrt, die Familie ist zerbrochen. Doch zum Glück ist das Gegenteil der Fall! Er sei glücklich, habe einen guten Job im Außendienst, ziehe noch Jungvieh auf und habe den Kuhstall an zwei junge Betriebsleiter aus der Nachbarschaft verpachtet! Auch sei sein ältester Sohn nach wie vor davon überzeugt, Landwirt werden zu wollen.

Gibt’s denn so was? 80 Kühe und aufhören! Was noch vor kurzem undenkbar, scheint heute normal: Milchkuhbetriebe mit 80, 100 oder 200 Kühen steigen aus, verkaufen ihre Kühe, stellen die Milchproduktion ein! Schluss und Aus! Schuld daran sind nicht nur die niedrigen Milchpreise, sicherlich spielt auch die eine nicht unerhebliche Rolle dabei. Wer jedoch am Abend aus dem TV erfahren muss, dass er und seinesgleichen das Grundwasser vergiftet (diese Woche im ZDF), Kühe „dopt“ und mit Antibiotika „vollstopft“ um sie einige Wochen später ausgemolken (aber tragend!) zum Schlachter abzuliefern; wer am kommenden Morgen bei der Lektüre der Tageszeitung erfahren muss, dass er zu einer Bande von Randalieren und Chaoten gezählt wird, die sich mit der Polizei auf offener Straße prügelt (um dann zeitglich mehr aus Steuergeldern finanzierte Maßnahmen zur Marktstabilisierung einzufordern), der hat irgendwann einfach die Schnauze voll! Auf Dauer ist das ebenso zermürbend wie der Absturz der Milchpreise! Zunehmend mehr Milcherzeugern fehlt deshalb mittlerweile einfach die Kraft, immer wieder gegen diese Vorwürfe (pauschalen Verunglimpfungen) anzukämpfen! Niemand kann’s ihnen verübeln, wenn sie einen Schlussstrich ziehen und sich von der Milcherzeugung und dem ganzen Wust an Problemen verabschieden.

Eines ist jedoch auch klar: Bei den jetzigen Milchpreisen kann mehr kein Milchbauer kostendeckend produzieren. Das trifft auch auf die Milchfarmen in den USA und in Ozeanien zu, den beiden anderen globalen Milch-Hotspots. All denjenigen, die jetzt an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zweifeln, sich mit dem Gedanken tragen, ebenfalls aufzuhören – all denen sei gesagt (auch wenn’s jetzt abgedroschen und platt klingt), die Zeiten werden auch wieder besser! Die ersten Anzeichen, dass die Talsohle durchschritten ist, zeichnen sich bereits ab. In 2016 dürfte die weltweite Milchmenge leicht zurückgehen oder aber zumindest nicht weiter ansteigen. Und irgendwann werden wahrscheinlich auch die Redaktionen der großen TV-Anstalten und Zeitungsverlage die Lust am Bashing (am öffentlichen Beschimpfen) verlieren, denn irgendwann wird auch das dauernde Draufhauen auf die Landwirte mal langweilig! Zumal Milchbranche gerade brutal aus ihrem Dornröschenschlaf herausgerissen wird und beginnt, mehr PR in eigener Sache zu machen. Sicher sein dürfte auch, dass wir uns in Europa nicht von der flächendeckenden Milchproduktion verabschieden werden. Die Milch wird sich nicht auf einige wenige Gunstregionen zurückziehen! Denn zu viele Arbeitsplätze und Kapital hängen letztlich an der Milchbranche bzw. den vor- und nachgelagerten Branchen. Dies alles auf’s Spiel zu setzen, das kann gesellschaftspolitisch nicht gewollt sein. Auch wenn es immer wieder traurig stimmt, zu hören, dass auch größere Milchproduzenten aufhören – letztlich werden aber deren Flächen weiter bewirtschaftet und deren Kühe weiter gemolken (häufig sogar in den gleichen Ställen).

Über den Autor

Team Elite

In diesem Blog lässt das Team der Elite-Redaktion seinen Gedanken freien Lauf. Hier geht es um alles, was das Thema Milchproduktion so spannend macht. Wir hoffen, Sie haben Spaß an unseren Berichten, lassen sich von ihnen ein wenig inspirieren und schreiben uns auch mal, was Sie davon halten. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Schlagworte

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